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Das Leben ein Tanz oder der Tanz ein Leben

Ausstellung in der Universitätsbibliothek Wien (Foyer)
Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, 1010 Wien
15.12.2004 - 5.3.2005

Besichtigung während der Öffnungszeiten:
Mo-Fr 9.00-21.45 Uhr, Sa 9.00-12.45 Uhr

Erstmals gezeigte Erstdrucke musikalischer Werke von Johann Strauss Vater und Philipp Fahrbach sen. aus dem Bestand der Wiener Universitätsbibliothek zeigen einen Einblick in die Musikkultur des Wiener Biedermeier.

Diese Musikdrucke werden als Dokumente eines bedeutenden Teils der unterhaltenden Wiener Musik im 19. Jahrhundert in ihren historischen Kontext gestellt.

Schwerpunkt der Ausstellung ist die Zeit der Zusammenarbeit und späteren Konkurrenz der beiden genannten Komponisten. Ergänzt wird die Dokumentation durch weitere zeitgenössische Exponate, die manche Anlässe zur Entstehung dieser Musik (z.B. Eröffnung der Kaiser-Ferdinand-Nordbahn 1837) illustrieren.

Diese wertvollen Dokumente sollen jedoch nicht nur angeschaut und gelesen werden können, sondern auch in der Dimension des Hörens erlebbar werden — eine Dimension, welche an einer Bibliothek sonst kaum gegeben ist. Denn gerade diese Musik kann erst im Hören ihre emotionale Wirkung voll entfalten und nachvollziehbar machen.

Bei der Ausstellungseröffnung werden in einem moderierten Konzert beispielhaft einige Musikstücke im musikhistorischen und kulturhistorischen Kontext erklärt. Die Aufführung der einzelnen Kompositionen erfolgt auf Grund der Originalquellen — ermöglicht durch die Zusammenarbeit mit dem Wiener Institut für Strauss-Forschung.

Im wunderbaren Ambiente des Grossen Lesesaals sind zu hören:
Salonorchester des Wiener Musikgymnasiums
Karen Murray und das Wiener Solistenensemble

Ziel der Präsentation ist eine vermehrte Bewusstseinsbildung für diese Wiener Musiktradition.


Johann Strauss (Vater) — "ein Musiker von Gottes Gnaden"?

Johann Strauß Vater"Mein Vater war ein Musiker von Gottes Gnaden", schwärmte Johann Strauss (Sohn) im Herbst 1887 beim Verfassen des Vorworts zur Gesamtausgabe der Klavierarrangements von den Werken seines Vaters, die im Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel erschien. Und schon im übernächsten Satz setzte er fort mit dem frei erfundenen Märchen von der Flucht aus dem Alltag: "Vierzehn Jahre alt entlief er seinem Meister — er war bei einem Buchbinder in der Lehre —, weil dieser seine heimlichen Violinstunden nicht dulden wollte." Verherrlichung und Alltagsflucht gehörten damals zur Biografie eines Künstlers, genauso wie Blitz und Donner dessen Ableben begleiteten. Das Publikum wünschte es so, — mitunter selbst heute noch.

Johann Strauss — erst nach seinem Tod zur Unterscheidung vom gleichnamigen ältesten Sohn mit dem Zusatz "Vater" oder "senior" oder "I" bezeichnet — wurde am 14. März 1804 in Wien Leopoldstadt geboren. Er ist der Sohn des bürgerlichen Bierwirts Franz Borgias Strauss und dessen Gattin Barbara (geb. Dollmann), die 1803 das Gasthaus "Zum heiligen Florian" in der Floßgasse 7 (damals: Leopoldstadt Nr. 53, Kleine Schiffgasse) gepachtet hatten.

Die ersten Lebensjahre von Johann Strauss fielen in eine unruhig Zeit: Napoleon drang tief in die Donaumonarchie vor, — es folgte der Wiener Kongress, der aber auch einen zuvor nicht da gewesenen innereuropäischen Kulturaustausch mit sich brachte. Wie sah es in der Familie von Strauss aus? Genügend Dokumente lassen auf eine Kindheit und Jugend im Schatten von Armut und bedrückenden Lebensumständen schließen, wie sie nur in den niederen sozialen Schichten Wiens "normal" waren.

Auch mangelte es am Zusammenhalt in der Familie Strauss: Verarmt starb der 86-jährige Michael Strauss im Jahr 1800 im Allgemeinen Krankenhaus in Wien; zwei Jahre später ereilte die 26-jährige Maria Anna Strauss dasselbe Schicksal. Der Kellner und spätere Wirt Franz Borgias Strauss, der Sohn bzw. Bruder der beiden Verstorbenen lebte nicht weit von ihnen, kümmerte sich jedoch nicht um sie.

Die finanzielle Situation von Franz Strauss war vermutlich erdrückend und die Familie lebte in bitterer Armut. Zwar entrichtete er jährlich fünf Gulden Gewerbesteuer, doch dürfte es ihm wirtschaftlich nicht gut gegangen sein. Von seinen sechs Kindern starben vier im ersten Lebensjahr. Nur die Tochter Ernestine und der Sohn Johann überlebten. Eine Tochter musste sogar zu einer Pflegemutter in Erdberg in Kost gegeben werden, bevor sie dort starb.

1811 verschied Johanns Mutter an "Schleichfieber". 1816 wurde der Vater Franz Strauss "ertrunken in der Donau gefunden", wie das Totenbeschauprotokoll lakonisch festhielt. Die Verlassenschaftsabhandlung zeigte eine hohe Verschuldung von fast 3.500 Gulden auf. In großer Armut blieben die beiden überlebenden Kinder, die achtzehnjährige Ernestine und der zwölfjährige Johann zurück. Der bürgerliche Kleidermacher Anton Müller wurde zum Vormund des Knaben bestellt.

Nachdem Johann Strauss 1822 bei Johann Lichtscheidl eine fünf Jahre dauernde Buchbinderlehre abgeschlossen hatte, daneben bei einem Privatlehrer namens Polyschansky Violine lernen konnte, seit September 1824 als Landwehrmann beim Hoch- und Deutschmeister Regiment seiner Wehrpflicht nachgekommen war, beabsichtigte er mit Musik seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Im März 1825 suchte er bereits als "Musikus" und "ohne bestimmten Aufenthalt" in Wien für ein Jahr um einen Reisepass nach Graz und in die anderen Länder der Monarchie an, wohl wissend, dass die mit ihm befreundete Bierwirtstochter Anna Streim aus der Vorstadt Thury (heute: IX. Bezirk, Alsergrund) ein Kind von ihm erwartete. Die Reise kam nicht zustande, stattdessen suchte der Vormund Anfang April beim Magistrat um Ehebewilligung für den noch minderjährigen Johann Strauss an: Er tritt "mit den bey hohen Herrschaften rühmlichst bekannten Gebrüdern Scholl" auf, was ihm zusammen mit Einkünften aus Musikunterricht ein jährliches Einkommen von etwa 400 Gulden garantiere. Im Mai 1825 konnte Strauss als "ausübender Musicklehrer, und Mitglied des Lannerischen Musickvereins" bereits ein Zeugnis des Musikdirektors Joseph Lanner vorlegen, der ihm ein ungefähres Jahresgehalt von ebenfalls 400 Gulden bestätigte. Der alte Hoftheater-Kapellmeister Joseph Weigl verdiente etwa zur gleichen Zeit nicht mehr als 600 Gulden. Schließlich konnte im Juni auch noch ein Leumundszeugnis eines Wohnungsgebers in der Josephstadt, Lange-Gasse 67, nachgereicht werden. Die Dokumente zur Eheschließung verdienen auch hinsichtlich des musikalischen Werdegangs von Strauss Beachtung, sind sie neben einigen überlieferten Notenmanuskripten doch die einzigen Nachweise seiner Musikausübung in dieser Zeit.

Johann Strauss und Anna Streim heirateten am 11. Juli 1825 in der Pfarrkirche von Lichtental. Am 25. Oktober 1825 wurde der älteste Sohn Johann geboren.

Strauss spielte während seines Engagements bei Joseph Lanner Viola. Dies ist insofern interessant, als die in Lanners damaligen Instrumentierungen vorgesehene dritte, vorrangig der Begleitung dienende Violine erst ab etwa 1830 durch eine Viola ersetzt wurde. In der Wiener Stadt- und Landesbibliothek existieren jedoch ältere Viola-Stimmen zu Lanners Kompositionen, die aus jenen zwei Jahren stammen, in denen Strauss Mitglied der Lanner-Kapelle war, nämlich von April/Mai 1825 bis Ostern 1827. Einige dieser Stimmen sind sogar in Strauss' Handschrift überliefert. Diese älteren Viola-Stimmen waren keineswegs als Ersatz für die dritte Violine oder als weitere Begleitstimme konzipiert, sondern sie enthalten über die Begleitfunktion hinausgehend Gegenstimmen zur Hauptmelodie bis hin zu solistischen Passagen, wie sie in späterer Zeit das Violoncello spielte. Abschnittweise wurden die Stimmen der Flöte, der Klarinetten und des Fagotts in diesen Viola-Stimmen zusammengefasst, was vermuten lässt, dass sie bei Auftritten in Quartett- oder Quintett-Besetzung benützt wurden, die Strauss 1826/27 für Lanner leitete. Davon ausgehend, dass Strauss diese Viola-Stimmen selbst arrangierte, sind sie ein Indiz für seine Beschäftigung mit Lanners Instrumentation. Strauss' erste Tanzmusik-Kompositionen entstanden schon 1825, — teils in durchaus üblicher Gemeinschaftsarbeit mit erfahrenen Orchestermusikern. Vorerst noch mangelhafte Kenntnisse in der Komposition und Instrumentation wurden durch Experimentieren und Probieren kompensiert. Systematisch angelegte Melodiensammlungen halfen beim Komponieren unter Zeitdruck.

Im Frühjahr 1827, an einem Mittwoch oder Samstag nach Ostern, trat Johann Strauss im Gasthausgarten "Zu den zwey Tauben" am Landstraßer Glacis erstmals mit einem eigenen 12-Mann-Orchester auf. Seine ersten Kompositionen sind instrumentiert für 3 Violinen, Bass, 1 Flöte, 2 Klarinetten, 2 Hörner, 1 Trompete und Pauken, — das heißt, er brauchte elf Musiker. Strauss spielte nun nicht mehr Viola sondern Violine. Und zwölf Musiker ließ der Gastwirt Michael Deiß am 7. Mai 1827 in der "Wiener Zeitung" ankündigen. Die beiden Hornisten bliesen — wie es damals üblich war — bei Bedarf nach mehr als einer Trompete auch dieses Instrument; der Flötist wechselte selbstverständlich auf Piccolo. Strauss trat also in derselben Besetzung auf, die sich im Lanner-Orchester schon seit 1825 bewährt hatte.

In frühen Werktiteln verewigte Lokale dokumentieren den ersten Wirkungskreis. Es waren kleine Gasthäuser in den Wiener Vorstädten und beliebte Ausflugsziele in der nächsten Umgebung Wiens. Froh und dankbar über jede Auftrittsmöglichkeit bewarben Strauss und sein Verleger diese Stätten, indem sie dieselben im Titel der neuesten Tänze nannten. Neben anderen Werbemaßnahmen erfuhren Interessenten und Käufer somit auch über die Notenausgaben, wo sie Strauss und sein Orchester hören konnten: Strauss komponierte Täuberln-Walzer op. 1 für das Gasthaus "Zu den zwey Tauben", Kettenbrücke-Walzer op. 4 für den "Saal zur Kettenbrücke" am Wiener Donaukanal, Döblinger Réunion Walzer op. 2 für Wohltätigkeitsveranstaltungen im Gasthaus "Zum Finger" in Oberdöbling oder Krapfen-Waldel-Walzer op. 12 für das beliebte Ausflugsziel im Wienerwald usw.

Eine stattliche Zahl an Musikproduktionen im Fasching 1828 und 1829 verbesserte die finanzielle Situation der jungen Familie, die nach der Geburt des zweiten Sohnes Josef im August 1827 bereits aus vier Personen bestand. Am 4. Oktober 1829 debütierte Strauss mit Sperls Fest-Walzer, immerhin schon seinem Opus 30, im renommierten Vergnügungsetablissement "Zum Sperl" in der Leopoldstadt. Sofort schloss der Sperl-Wirt Johann Georg Scherzer mit Strauss einen Vertrag über drei Jahre, was damals absolut neu in der Branche war. Strauss spielte nahezu täglich mit seiner Kapelle, komponierte zahlreiche Tanzmusikwerke und war mit der Zusammenstellung von Programmen beschäftigt.

Stets bemüht seiner Zuhörerschaft Attraktionen zu bieten, entwickelte Strauss bald eine intensive Zusammenarbeit mit den besten Tanzlehrern sowie Beleuchtungs- und Dekorationskünstlern Wiens. Die Tanzlehrer Adam Rabel, Franz Rabensteiner und Gorski begleiteten die meisten Bälle. Sie garantierten, dass dem Publikum mehr als nur wildes Galopp- oder Walzer-Tanzen geboten wurde. Der Beleuchtungsspezialist Carl F. Hirsch, genannt "Lamperl-Hirsch", im Hauptberuf ein Beamter der Kriegsbuchhaltung, trug mit seinen Dekorationen zum Gelingen vieler Veranstaltungen bei.

Auch in musikalischer Hinsicht ging Strauss mit der Zeit. Die Wiener Gastspiele berühmter Künstler schlugen sich nicht nur im Werktitel sondern auch in Form von Melodiezitaten nieder: das Rondo mit Glöckchen-Begleitung aus dem 1. Konzert für Violine von Nicolò Paganini im Walzer (à la Paganini) op. 11, der Grand Galopp Chromatique von Franz Liszt im Furioso-Galopp op. 114, Der Carneval in Venedig des Violinvirtuosen Heinrich Wilhelm Ernst in der Fantasie Erinnerung an Ernst oder: Der Carneval in Venedig op. 126. Ebenso verhielt es sich mit den vielen Quadrillen, arrangiert nach Motiven erfolgreich aufgeführter neuer Opern, wobei es vor allem galt der Konkurrenz zuvorzukommen. Begründet durch aktuelle Anlässe finden sich etwa 1000 fremde Melodien in fast 100 Werken, knapp einem Drittel des Gesamtschaffens von Strauss.

Strauss' Popularität als Dirigent mit oft beschriebener mitreißender Ausstrahlung auf Musiker und Publikum wuchs so stetig wie sein guter Ruf als Komponist und Interpret. Den Genie-Kult der Zeit nützend, konzentrierte sich die Werbung für sein Unternehmen allein auf Strauss. Er bürgte als Person für Qualität, sein Name wurde zum Markenzeichen. Frédéric Chopin weilte zu jener Zeit in Wien und wollte seinen ersten Walzer op. 18 verlegen, doch: "Haslinger hat die Veröffentlichung aller Manuskripte zurückgestellt und druckt nur noch Strauß. Alle Leierkästen spielen nur noch Strauß."

Eine weitere Neuerung gab es: Spenden aus dem Publikum reichten zur Deckung der ständig steigenden Veranstaltungskosten nicht mehr aus, weshalb ab Beginn der 1830er-Jahre bei den Auftritten sowohl von Strauss als auch von Lanner Eintrittsgelder eingehoben wurden. Die Eintrittspreise zu Ballveranstaltungen oder Nachmittagsunterhaltungen reichten von 20 Kreuzer bis zu beachtlichen 1 Gulden 36 Kreuzer (Wiener Währung), sodass selbst nach Abzug aller Unkosten noch saftige Einnahmen zu verbuchen waren, insbesondere wenn man bedenkt, dass manche Räume bis zu 3.000 Personen fassten und bei Festen im Freien 4.000 Besucher keine Seltenheit waren.

Die Erfolge im "Sperl" brachten Strauss bald Einladungen anderer Ballsaal-Besitzer. Weitere Vertragsabschlüsse — die regelmäßige Auftritte und Einnahmen garantierten — folgten, beispielsweise im März 1832 mit den Besitzern des Tivoli in Meidling. Dieser durchaus leistungsorientierte Vertrag sah fix vereinbarte Honorarsätze vor, abhängig von der vorgeschriebenen Besetzungsstärke, vom jeweiligen Wochentag — an Sonn- und Feiertagen waren die Honorare höher angesetzt als an Werktagen — und sogar vom Wetter, denn bei Schlechtwetter reduzierten sich die Einnahmen. — Im September 1832 unterschrieb Strauss für das Lokal "Zum Sperl" neuerlich einen lukrativen Jahresvertrag, der für ihn persönlich eine Pauschalsumme von 600 Gulden Konventionsmünze vorsah, für das Orchester je Ball 42 fl. bzw. 30 fl (Fortuna-Ball), für den Ball am Faschingsonntag und Faschingmontag je 58 fl, während der Fastenzeit und im Sommer waren wöchentlich an zwei Tagen, die Strauss selbst bestimmen konnte, Abendunterhaltungen vorgesehen usw.

Strauss hatte zudem schon sehr früh erkannt, dass nicht nur durch konstant hohes musikalisches Niveau sondern auch durch gezielt angesetzte wohltätige Veranstaltungen sowie eine schlaue Widmungspolitik steigende Besucherzahlen zu erzielen sind.

Auch die Orchesterformation wuchs stetig: Die Instrumentation im Wiener-Carneval-Walzer aus dem Jahr 1828 bedingte die Hinzuziehung eines Violoncellos, da sonst der Abstand der im Bass liegenden Melodie im sechsten Walzer zu den darüberliegenden Stimmen um eine Oktave zu groß wäre. Auch die Posaune kam 1828 schon zum Einsatz. Also benötigte Strauss schon mindestens 13 Musiker; vermutlich kam noch ein zweiter Schlagzeuger dazu. Somit war das Orchester bald auf 14 Musiker angewachsen, eine Zahl, die auch Ludwig Scheyrer, der erste Biograf von Johann Strauss (Vater), überlieferte. Bereits 1829 hatte Strauss die Besetzung um eine Oboe, ein Fagott und eine zweite Trompete erweitert, die dritte Violine wurde durch die Viola ersetzt, wenngleich diese noch eine Zeit lang als dritte Violine notiert war. Im Vertrag mit dem Tivoli 1832 verpflichtete sich Strauss ein "Orchester von 21 Personen" zu dirigieren, das heißt, die Streicher waren bereits mehrfach besetzt. Allerdings wurde bei Schlechtwetter weiterhin in Quintett-Besetzung oder mit elf Musikern gespielt. Relativ früh hatte Strauss somit jene "klassische" Orchesterbesetzung erreicht, in der die Strauss-Kapelle berühmt wurde. Je nach Bedarf wurde eine zweite Flöte, ein zweites Fagott und später auch drittes und viertes Horn hinzu genommen.

Schon im Fasching 1831 wurde Strauss mit seinem Orchester für zwei Kammerbälle des Erzherzogs Franz Carl verpflichtet. Nahezu kontinuierlich folgten weitere Engagements zu Veranstaltungen am Kaiserhof. 1843 wurde eine eigene Dienstuniform kreiert: weiße Hosen und rote Röcke. Nach Lanners Tod im April 1843 besorgte Strauss bis zu seinem Ableben im September 1849 allein die unterhaltende Musik bei Hof. 1846 erhielt Strauss für seine zufriedenstellende musikalische Tätigkeit bei Veranstaltungen am Kaiserhof den Titel k. k. Hofballmusik-Direktor zuerkannt. Ausdrücklich wurde jedoch darauf hingewiesen, dass mit diesem Titel kein Gehalt und auch kein ausschließlicher Anspruch auf die Übernahme und Leitung der Musik bei den Hof- und Kammerbällen verbunden ist.

Seit 1832 leitete Strauss neben seinem Orchester auch die Militärmusik des Ersten Wiener Bürgerregiments, eine Stellung die Ansehen und Einnahmen gleichermaßen mit sich brachte: "Dem Herrn Kapellmeister Johann Strauss für die Fronleichnamsfeyerlichkeit fl 72.-", ist als stolzer Betrag der Abrechnung des Regiments im Jahr 1832 zu entnehmen.

Dem beruflichen Aufstieg folgte eine Verbesserung der Wohnverhältnisse. Von St. Ulrich war man in die südlich benachbarte Vorstadt Mariahilf übersiedelt, wo 1827 der zweite Sohn Josef geboren wurde. Dann erfolgte der Umzug in die Leopoldstadt. Im Haus Nr. 31 "Zum weißen Wolfen" kamen 1829 Anna, und in der Kleinen Sperlgasse 9, im Haus "Zum Einhorn", 1831 Therese zur Welt. Mit der Übersiedlung ins sogenannte "Hirschenhaus" (Taborstraße 17) im Jahr 1833 konnte sich Strauss eine wesentlich größere Wohnung leisten. Hier wurden 1834 der nach zehn Monaten verstorbene Ferdinand sowie 1835 Eduard geboren.

Zwei Monate nach Eduards Geburt wurde Strauss gleich nochmals Vater, nämlich mit der Geburt seines ersten Kindes mit der Modistin Emilie Trambusch, mit der er ein Verhältnis hatte. Sieben weitere Kinder sollten aus dieser neben seiner Ehe laufenden Beziehung noch folgen. 1844 hatte Anna Strauss schließlich die Scheidung eingereicht, ihre Hoffnung für das Aufkommen des Familienunterhalts auf die Karriere des ältesten Sohns Johann setzend.

Die Aufhebung der nach der französischen Juli-Revolution 1830 erlassenen Auslandsreisensperre im Jahr 1833 musste Strauss im Spätherbst 1834 sehr gelegen gewesen sein: Die Ehegattin war schwanger, die Freundin war schwanger, der Tod seines elf Monate alten Sohnes Ferdinand, der an hitzigem Wasserkopf litt, zeichnete sich ab, ein Gerichtsverfahren wegen verbotenen Glückspiels war anhängig. Unterstützt von seinem Wiener Musikverleger Tobias Haslinger wurden Strauss und 17 Musikern seines Orchesters am 30. Oktober 1834 Reisepässe nach Prag, Dresden, Leipzig und Berlin für eine sechswöchige Kunstreise ausgestellt. Es war dies die erste Konzerttournee von Strauss, die ihn über die Grenzen der Monarchie hinausführte. Der sich einstellende große Erfolg ließ in den Folgejahren zahlreiche weitere Kunstreisen nach Ungarn, Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich, England — in London spielte er 1838 anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten von Königin Victoria — sowie nach Irland und Schottland folgen. Strauss war der erste, der mit Tanzmusik auf Tournee ging. Während er mit einem Teil seines Orchesters unterwegs war, hielten die zurückgebliebenen Musiker unter der Leitung von einem der Konzertmeister Georg Jegg oder Franz Amon in Wien die Stellung. Von der Musikkritik als "Mozart der Walzer", "Beethoven der Cotillons" gehuldigt, trug Strauss zur europaweiten Verbreitung des Wiener Walzers bei. Johann Strauss (Vater) schuf, ohne es zu wollen, eine kompositorische und aufführungspraktische Basis für seine Söhne.

Zukunftsweisend und professionell war bereits in den 1830er Jahren das Orchester von Johann Strauss so organisiert, wie es von seinen Söhnen Johann, Josef und Eduard später weiter geführt wurde. Die Musiker waren vertraglich gebunden. Sie gehörten verschiedenen Altersgruppen an, nicht alle waren Wiener, etliche kamen aus dem böhmischen und mährischen Raum, teils waren sie ledig, teils verheiratet, es gab nicht nur Berufsmusiker, etliche gingen auch anderen Beschäftigungen nach. Einige halfen beim Kopieren der Notenmateriale oder auch beim Instrumentieren neuer Kompositionen, wofür sie natürlich extra honoriert wurden. Geprobt, komponiert, arrangiert und kopiert wurde in Strauss' Wohnung. Selbstverständlich verfügte die Strauss-Kapelle über ein gut sortiertes Notenarchiv, das kontinuierlich nicht nur mit eigenen sondern auch mit fremden aktuellen Kompositionen erweitert wurde. Auch Musikinstrumente gehörten zum Inventar der Kapelle.

Eine wesentliche Stütze fand Strauss schon am Beginn seiner Karriere im Wiener Musikverlag Tobias Haslinger, mit dem er eine vertragliche Bindung einging. Haslinger wurde damit zum alleinigen Verleger von Strauss, der ihm seine Kompositionen gegen ein einmaliges Honorar überließ. Davor erschienen nur einige wenige Werke bei Anton Diabelli, dem er ein für den Walzer Fort nacheinander! bereits erhaltenes Honorar sogar zurücksandte um zu Haslinger wechseln zu können.

Von Beginn an wurden bei Haslinger — in der Regel im Verlag erstellte — Arrangements von Strauss' Werken gedruckt: Klavier zwei-, vier- und (selten) sechshändig, Violine und Klavier, 2 (oder 3) Violinen und Bass, Gitarre, Flöte solo, Csakan solo etc. Der Krapfen-Waldel-Walzer op. 12 war sogar in Bearbeitungen für sechs- oder neunstimmige Blasmusik erhältlich. Insbesondere erschienen Orchester-Stimmen zu Strauss' Walzern schon zu einem weitaus früheren Zeitpunkt als beispielsweise zu Joseph Lanners Kompositionen im Wiener Verlag Pietro Mechetti.

Mit dem Tod Lanners (1843) verlor Strauss einen seiner härtesten Wiener Konkurrenten. Strauss avancierte zum ersten "Star" der Unterhaltungsmusik nicht nur Wiens, sondern auch Europas. Das Debüt von Johann Strauss (Sohn) im Oktober 1844 — das der Vater durch Intervention beim Wiener Magistrat zu verhindern trachtete — und des Sohnes kometenhafter Aufstieg ermöglichten Anna Strauss die Scheidung von ihrem Gatten. Doch der "alte" Strauss beherrschte alle gehobeneren Lokale und Tanzstätten; der Sohn musste sich Randgruppen, ethnischen Minderheiten oder den Studenten zuwenden. Die neuesten Tanzpaläste wurden von Johann Strauss (Vater) beherrscht, — er eröffnete am 8. Jänner 1845 das Odeon, das bald zu einem der ersten Tanzlokale Wien wurde; er allein bespielte den Sofiensaal von der Eröffnung 1846 bis ins Todesjahr 1849. Dem Sohn blieb auch angesichts der wirtschaftlich schlechten Lage im Herbst und Fasching 1847/48 nichts anderes übrig als auf den Balkan und nach Bukarest auszuweichen, zumal dort gute Gewinne zu erzielen waren.

1848 distanzierte sich Johann Strauss von der Revolution, sobald sich diese gegen das Kaiserhaus richtete, und er komponierte nach den Siegen der österreichischen Armee in Oberitalien für das am 31. August 1848 auf dem Wasser-Glacis abgehaltene "Siege-Fest zu Ehren unserer tapferen Armee in Italien und zur Unterstützung der verwundeten Krieger" den Radetzky-Marsch op. 228, der vor der Beliebten Annen-Polka op. 137 und den Walzern Loreley-Rhein-Klänge op. 154 seine berühmteste Komposition ist.

Johann Strauss war vermutlich im Sommer 1843 aus dem Hirschenhaus ausgezogen, um mit der Modistin Emilie Trambusch zusammenzuleben; sie hatte ihm acht Kinder geboren. Johann Strauss starb am 25. September 1849 an Scharlach. — Johann Strauss (Sohn) gelang es, des Vaters Kapelle mit der eigenen zu vereinigen.

Text: Norbert Rubey


Philipp Fahrbach sen. (1815-1885)

1815Geboren am 25.10. in der Wiener Vorstadt Neubau als dritter von vier Söhnen des Schuhmachergesellen Georg Leonhardt Fahrbach und seiner Gattin Karoline, geb. Koberger.
1819Erster Auftritt mit der Geige als Vierjähriger im Gasthaus Zum heiligen Johannes. Musikalische Ausbildung bei seinem ältesten Bruder Josef und im Selbststudium
1827Eintritt in die Kapelle Johann Strauss Vater als Flötist
1831Veröffentlichung seiner Elegant-Walzer op. 1, gewidmet Johann Strauss Vater, beim Wiener Musikverlag Tobias Haslinger
Herbst 1834 u. 1835Konzertreisen mit Johann Strauss Vater nach Deutschland
1838Hofballmusikdirektor in Vertretung für Johann Strauss Vater
1835-1841Erste eigene Zivilkapelle
1840Kapellmeister des k.k. Korps der bildenden Künstler ab 1843 Redakteur diverser Zeitungen, vor allem für Allgemeine Wiener Musik-Zeitung hrg. von August Schmidt
1841-1846Militärkapellmeister des 4. Infanterieregiments Hoch- und Deutschmeister
1848Kapellmeister des ersten Bürgerinfanterie-Regiments, welches Johann Strauss Vater zuvor leitete
1846-1856Zweite eigene Zivilkapelle
1850-1856Hofballmusikdirektor alternierend mit Johann Strauss Sohn
1856-1865Militärkapellmeister des 14. Infanterieregiments Großherzog von Hessen (1859 Feldzug in Italien; 1864 Feldzug in Schleswig-Holstein)
1865-1885Dritte eigene Zivilkapelle
1869Kapellmeister der Wiener Veteranen
1885Am 31.3. stirbt Philipp Fahrbach.

Philipp Fahrbach sen.Philipp Fahrbachs Schaffen umfasst nicht nur Tänze und Märsche, sondern auch 2 Opern, Singspiele, Possen, 9 Messen, eine Kantate und zahlreiche Arrangements. Die Zahl der Kompositionen wäre vermutlich um einiges höher, wenn nicht im Italienfeldzug von 1859 mehrere Kisten an Notenmaterial verbrannt worden wäre.

Zur Ausstellungseröffnung wird dem vergessenen Komponisten Philipp Fahrbach die äußerst seltene Gelegenheit gegeben, aufgeführt zu werden. Zur Allerhöchsten Nahmensfeyer Sr. Majestät des Kaisers fand eine große Ball-Soirée im Hotel zur goldenen Birn statt.[1] Bei dieser Gelegenheit kam der Locomotiv-Galopp op. 31 von Philipp Fahrbach zur Aufführung. Viele Titel der damaligen Tanzkomponisten nahmen auf Ereignisse im Leben der Wiener Bürger Bezug. So auch dieser Galopp, denn 1837 wurde mit dem Bau der Kaiser Ferdinand Nordbahn begonnen. Paukenwirbel und Pfeifen gleich zu Beginn des Stücks imitieren die Geräusche einer Dampflokomotive.

Besonders beliebt und oft zitiert bei Fahrbachs Zeitgenossen war der Walzer s'Schwarzblåtl aus'n Weanerwåld op. 61. Anregung dazu gab der Mundartdichter Anton Freiherr von Klesheim mit seinen Gedichtbänden unter gleichem Titel. Das Schwårzblatl bezeichnet eine Vogelart, die Amsel, die in dieser Komposition mittels Vogelpfeife, Flöte und Piccolo zwitschert. Im Fuchs'schen Casino in Simmering trug Fahrbach seine neueste Walzerpartie bei einer Nachmittags-Unterhaltung zum ersten Mal vor.[2]

Das Titelblatt des Klavierdrucks der Tischrücken-Magnet-Polka op. 149 zeigt mehrere um einen Tisch sitzende Personen, die eine okkulte Tätigkeit verrichten. Die Veranstaltung, in der die Polka uraufgeführt wurde, stand unter dem Titel Außergewöhnliche, musikal. experimentale Soirée, bei der ein eigener, abgesonderter Magnet-Salon eingerichtet wurde, um den großartigen Experimenten des so äußerst wissenschaftlichen interessanten Tisch-Rückens nachgehen zu können.[3] Während sechs Tische ihren Tanz beginnen, spielte Fahrbach mit seiner Kapelle auf.

Zum Geburtstag des Kronprinzen Rudolf am 21.8.1858 widmete Philipp Fahrbach den Walzer Rudolf's Wiegenlieder op. 215, der bei dem Verleger Anton Spina in Wien erstveröffentlicht wurde.

Die Talmi-Polka op. 304 ist sehr effektvoll komponiert, denn Triller, Vorschläge und Glissandi werden tonmalerisch eingesetzt, um die Wertlosigkeit von Talmi (Gold mit Kupfer und Zink vermischt) zu Gehör zu bringen.

Text: Edwina Parzer

Literatur:
Max Singer: "Alt-Wiener Erinnerungen", Wien: Saturn-Verlag, 1935.

[1] Wiener Zeitung 26.5.1838.
[2] Wiener Zeitung 12.9.1847.
[3] Der Wanderer 15.4., 23.4.1853.


Mit freundlicher Unterstützung von

WienKultur       Alumniverband Universität Wien Botanischer Garten Universität Wien

Wiener Institut für Strauß-Forschung
Klaviergalerie Wendl & Lung


Konzept und Gestaltung der Ausstellung: HR Dr. Sieghard Neffe und Mag. Sandra Mann
Plakate und Ausstellungsbroschüre: Wolfgang Glaubenkranz

Wir laden Sie herzlich ein zur

Ausstellungseröffnung

Mittwoch, 15. Dezember 2004, 19.30 Uhr
Großer Lesesaal der Universitätsbibliothek

Programm:

Begrüßung:
HR Mag. Maria Seissl
(Leiterin Bibliotheks- und Archivwesen)

Vorträge und Moderation zur Musik:
Norbert Rubey:
Johann Strauß Vater
Mag. Edwina Parzer:
Philipp Fahrbach sen.

Musikalische Gestaltung ausgewählter Werke
von Johann Strauß Vater und Philipp Fahrbach sen.:

Salonorchester des Musikgymnasiums Wien
Karen Murray und das Wiener Solisten Ensemble

Abschließende Worte:
HR Dr. Sieghard Neffe

Im Anschluss bitten wir zu einer kleinen Erfrischung

Um Antwort wird gebeten!
Tel. +431 42 77-15001, 15002
E-Mail: martina.schauer@univie.ac.at
christa.fried@univie.ac.at