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Objekt des Monats Oktober 2009

Bste des Mathias Wieman

Bste des Mathias Wieman


Dokumentarplastik
Hhe des Kopfes: 37 cm
Aus Archiv und Sammlungen des Instituts fr Theater-, Film- und Medienwissenschaft

Fundstcke. Die Dokumentarplastik als Teil eines Archivs zu nationalsozialistischer (Theater)Wissenschaftspraxis

Diese Plastik stellt den deutschen Bhnen- und Filmschauspieler Mathias Wieman (1902-1969) in der Maske des Empedokles aus dem Drama Tod des Empedokles von Friedrich Hlderlin dar. Die Bste wurde 1943/44 vom Bildhauer Willy Kauer angefertigt, als Basis diente ihm eine so genannte Lebendmaske, die er dem Schauspieler abnahm. Dokumentarplastik nannte Heinz Kindermann, Grnder des Zentralinstituts fr Theaterwissenschaft an der Universitt Wien 1943, diese von ihm angeregte Arbeit, von der er sich vllig neue wissenschaftliche Erkenntnisse erwartete. Als vollkommen neues wissenschaftliches Anschauungsmittel pries Kindermann die Dokumentarplastik an, welche die Photographie in bisher ungeahnter Weise ergnzt und dem Forscher noch nach hunderten Jahren ein vllig lebendiges und getreues Bild eines Schauspielers in seiner Rolle vermitteln sollte.

Mit Mathias Wieman whlte Kindermann einen Schauspieler, dessen Weg ber Max Reinhardts Deutsches Theater in Berlin hin zu einem Vertreter nationalsozialistischen Schauspielstils fhrte. 1937 wurde Wieman der Ehrentitel Staatsschauspieler verliehen und er als unabkmmlicher Knstler des NS in die Gottbegnadeten und UK-Listen des Reichspropagandaministerium aufgenommen. Somit gehrte er zur Elite nationalsozialistischer Schauspieler. Gegenwrtig bekannt ist sein Name vor allem aufgrund seiner Mitwirkung in Ich klage an, jenem Propagandafilm von Wolfgang Liebeneiner, der 1941 fr das NS-Euthanasieprogramm Stellung bezog. Die Dokumentarplastik ist ein sichtbares Relikt einer auf rassisch-volkhaften Grundlage aufgebauten Theaterwissenschaft.

2007 wurde diese Plastik mit zwei weiteren in den Schrnken des Instituts fr Theater-, Film- und Medienwissenschaft (TFM) aufgefunden. Sie sind Teil einer umfangreichen Sammlung des Institutsgrnders Heinz Kindermann und dessen erster Mitarbeiterin und Nachfolgerin Margret Dietrich. Bislang galten die Materialen zur Institutsgrndung 1943 als verschollen.

Der Fund beinhaltete verschiedenste Dokumente zur Grndung, die ersten Forschungsvorhaben, Studienunterlagen und Materialien zum Aufbau der Bibliothek. Damit lag ein einzigartiges Archiv zu nationalsozialistischer Wissenschaftspraxis vor, das der ffentlichkeit prsentiert werden sollte.

Gemeinsam mit der Leiterin der Fachbereichsbibliothek TFM, Martina Cuba und 19 Studierenden entwickelten wir eine Ausstellung, die letztes Jahr in den Institutsrumen gezeigt wurde. Der Katalog Wissenschaft nach der Mode? Die Grndung des Zentralinstituts fr Theaterwissenschaft an der Universitt Wien (Hg. Peter/Payr, Lit 2008) dokumentiert die Forschungsergebnisse.

Mit diesem Katalog werden erstmals wesentliche Dokumente (vor allem aus dem Archiv des Instituts fr Theater-, Film- und Medienwissenschaft) zur Grndungsgeschichte der ffentlichkeit zugnglich gemacht, damit soll ein Beitrag zur historischen Aufarbeitung von NS Wissenschafts- und Kulturpolitik mit Schwerpunkt Wien geleistet werden. Ausgewhlte Artikel fokussieren die Geschichte dieses Erinnerungsortes. Zudem wurde der Frage nachgegangen, auf welchem gesellschaftspolitischen Konsens Wissenschafts- und Kulturpolitik in den Jahren 1945-1955 stattfinden konnte bzw. mit welchen Strategien dieser Konsens hergestellt wurde. Im Anhang findet sich eine ausfhrliche Chronologie der Geschichte des Instituts 1943-2008 sowie eine fachhistorische Bibliografie.

Im Zuge dieses Projekts wurden weitere, wichtige Bestnde aufgefunden, beispielsweise zur Geschichte der Filmwissenschaft in Wien. Denn bereits im Nationalsozialismus war eine filmwissenschaftliche Ausrichtung des Faches angedacht. Gegenwrtig arbeitet ein Forschungsteam (Mag. Dr. Christian Cargnelli und Mag. Klaus Illmayer) unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Elisabeth Bttner zu den Anfngen der Filmwissenschaft in Wien.

Auch dieses neue Projekt stellt eine wesentliche Ergnzung zu den zahlreichen historischen, wissenschafts- und kulturpolitischen Untersuchungen dar, die sich mit den Ausprgungen und Folgen des kulturellen, ideologischen, totalitr geprgten Erbes von Austrofaschismus und Nationalsozialismus beschftigen.

Text: Dr. Birgit Peter; Foto: Mag. Ariella Sobel

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