Erdglobus

Erdglobus

Erdglobus des Tranquillo Mollo, 1826
Durchmesser: 20 cm
Umfang: ca. 63 cm
Aus dem Archiv der Universitätsbibliothek Wien


An der Universitätsbibliothek Wien befindet sich eine kunstvoll gefertigte, relativ gut erhaltene Erdkugel, die 1826 nach den besten astronomischen Hülfs-quellen von dem aus Bellinzona stammenden Kunstverleger Tranquillo Mollo (1767-1837) angefertigt wurde. Mollo, dessen Name in erster Linie mit der Herausgabe von musikalischen Werken (u. a. von Ludwig van Beethoven) in Verbindung zu bringen ist, war zunächst als Angestellter in dem am Wiener Kohlmarkt befindlichen Musikverlag Artaria & Co. tätig, dessen Teilhaber er 1793 wurde. 1798 gründete er einen eigenen Verlag, der sich neben Musikalia insbesondere auf den Kunst- und Landkartenhandel und ab 1824 auch auf die Herstellung von Erd- und Himmelsgloben spezialisierte.

In der Wiener Zeitung vom 16. August 1824 wird erstmals ein im Verlag des k. k. privaten Kunsthändlers Tranquillo Mollo erschienener Erd-Globus sammt Boussole und einer kurzen fasslichen Anleitung zu deren zweckmässigem Gebrauche für 12 Gulden zum Kauf angeboten. Dieses Kunst-Produkt, das im folgenden Jahr durch einen Himmelsglobus gleicher Größe ergänzt wurde, sollte alle zeitgenössischen, im Ausland hergestellten Globen ganz entbehrlich machen und sowohl als Anschauungsmaterial für die Jugend, als auch für Gelehrte dienen. 1826 waren die am Kohlmarkt hergestellten Globen im Durchmesser von acht Zoll (ca. 20 cm) dem kunstsinnigen Wiener Publikum bereits aufgrund ihrer innern Güte und höchst eleganten Ausstattung wegen auf das vortheilshafteste bekannt, weshalb eine Neuauflage des Erdglobus erfolgte.

Der Globus vermittelt anschaulich neben den in feinen Linien und mittels Pfeilen dargestellten Routen der drei berühmten Südseereisen des James Cook (1728-1779) auch zahlreiche Entdeckungen (man vgl. den Hinweis auf Grosse Eisberge, die Cook am 30. Jänner des Jahres 1774 am Südpol sichtete, sowie die zeitgenössischen Neuentdeckungen im nördlichen Eismeer, worauf explizit Bezug genommen wird). Zudem findet sich hier noch die fälschlicherweise bei Brasilien liegende, seit dem 17. Jahrhundert immer wieder auf Cartographica auftauchende Phantom-Insel "Saxenburg" eingetragen. In Asien wurde die Große Mauer als Grenze zwischen China und der Mongolei bildlich dargestellt. Insgesamt ist zu konstatieren, dass es damals aber noch zahlreiche Unbekannte Länder (wie im Inneren des blau umrandeten afrikanischen Kontinents) gab. In unseren Breiten musste sich der Kupferstecher aus Platzmangel auf einige wenige Orte beschränken; hier findet sich neben den bedeutenden Städten Berlin, Königsberg, Dresden, Warschau, Prag, Olmütz und München naturgemäß auch Wien neben Hermannstadt (Siebenbürgen) und Lemberg (Galizien) eingetragen.

In der Mitte des aus drei Füßen bestehenden Gestells wurde ein Kompass zur Orientierung eingefügt. Der um den Globus liegende Horizontring wird von vier ästhetischen Streben getragen und bringt neben den Windrichtungen auch einen Kalender sowie die Tierkreiszeichen in deutscher Sprache und Gradangaben zur Abbildung. Die darin eingesetzte, noch frei drehbare Erdkugel wird von einem kunstvoll gefertigten Meridian aus Messing umgeben. Mittels des auf dem Globus in römischen und arabischen Ziffern aufgedruckten Stundenkreises und eines kleinen, noch vorhandenen Zeigers war es möglich, die Uhrzeit auf jeden beliebigen Ort auf der Welt zu bestimmen; für geographische bzw. astronomische Zwecke dienten die Ekliptik und die dargestellten Längen- und Breitenkreise, wobei erwähnenswert ist, dass der Nullmeridian damals noch durch die Azoreninsel Ferro ging.

Abschließend sei der Hinweis erlaubt, dass alte dreidimensionale Nachbildungen in Form einer Erdkugel weitaus mehr Informationen liefern können, als uns in der heutigen Zeit bewußt ist. Eine detaillierte Studie zu diesem eindrucksvollen Objekt ist in Vorbereitung.

Text: Dr. Thomas Horst (München); Foto: Mag. Claudia Feigl