Stierkopfgefäß von Rabensburg

Stierkopfgefäß von Rabensburg

Stierkopfgefäß von Rabensburg, 800-500 v. Chr.
Keramik, bemalt
H: ca. 30 cm
Aus der Studiensammlung des Instituts für Ur- und Frühgeschichte, Inv. Nr.: 4976


Das Stierkopfgefäß von Rabensburg ist ein Exponat der 55.000 Objekte umfassenden Studiensammlung am Institut für Ur- und Frühgeschichte. Das 30 cm hohe Keramikgefäß ist eines der prägnantesten Exponate, die für Lehr- und Forschungszwecken in den Vitrinen des Sammlungsraumes in der Franz-Klein-Gasse 1 ausgestellt sind: Die zoomorphe Applikation befindet sich auf einem bauchigen Körper. Gegenüber dem Stierkopf sitzt ein kleiner Schwanz. Der Gefäßkörper wird von vier kräftigen Füßen getragen. Die Vorderfüße sind detailliert mit ausgeprägten Knien und Hufausformung dargestellt, während die Hinterfüße zylindrisch geformt sind. Der plump wirkende Körper steht im Gegensatz zum fein modellierten Kopf: Zwei aufragende, geschwungene Hörner sitzen zwischen der mit einem Dreieck verzierten Stirn. Die weit auseinander liegenden Augen sind plastisch hervorgehoben, die hängenden Ohren befinden sich seitlich darunter. Die lange Schnauze schließt mit den Nasenlöchern ab. Das Gefäß ist mit roter und schwarzer Farbe in Form von Dreiecken und Vierecken bemalt. Diese fast naiv anmutende Darstellung des gehörnten Tieres verwundert, da sonst der Stier als Symbol für elegante Kraft, Macht und Stärke vorgefunden wird, wie auf den bekannten, zeitgleichen Stiergefäßen von Donnerskirchen und Gemeinlebarn.

Das Gefäß aus Rabensburg wurde zwischen 1875 und 1878 von Matthäus Much, einem Pionier der österreichischen Urgeschichtsforschung, aus einem eisenzeitlichen Grabhügel geborgen. Er legte im Bezirk Mistelbach an mehreren Orten schon von weitem sichtbare Bestattungsplätze frei: drei Grabhügel in Bernhardsthal, einen in Bullendorf und drei in Rabensburg. Heute kann in Großmugl ein zeitgleicher Grabhügel besucht werden. Ortsnamen wie „Leeberg“ oder „Gemeinlebarn“ weisen auf einst sichtbare Hinterlassenschaften dieser längst vergessenen Bestattungssitte hin.
Matthäus Much, der den Beginn der Urgeschichtsforschung in Österreich maßgeblich prägte, konnte im ausgehenden 19. Jahrhundert noch ideale Erhaltungszustände vorfinden: Die bis dahin sanfte Landwirtschaft und die Unkenntnis der Existenz unserer vorgeschichtlichen Vorfahren, hatten dafür gesorgt, dass archäologische Hinterlassenschaften meist unberührt geblieben waren. Er fand im Grabhügel 2 von Rabensburg neben dem Stiergefäß noch weitere 40 Keramikgefäße, die zusammen zu einer eisenzeitlichen Bestattung gehörten. 50-60 cm hohe Kegelhalsgefäße, reich mit Bemalungen und Ritzungen verziert, waren von kleinen Gefäßen umstellt. In den großen Gefäßen fand er Schalen und Schüsseln ineinander gestapelt. Vermutlich dienten sie als Behälter für Speise- und Trinkbeigaben einer fürstlichen Bestattung, wie sie auch von anderen Fundorten dieser Zeitepoche bekannt sind. Auf die Gefäße wurden die Reste einer Brandbestattung deponiert, was Much durch Holzkohle und Leichenbrandreste feststellen konnte. Darüber wurde ein Erdhügel errichtet. Zum Zeitpunkt der archäologischen Erforschung war der Hügel noch 2,5 m hoch und umfasste einen Durchmesser von 16 m.

Das imposante Fundensemble war ein Highlight unter den 20.000 Objekten der Much’schen Sammlung, die er in Privaträumen einem interessierten Personenkreis präsentierte. Nach seinem Ableben wurde die gesamte Sammlung 1912 vom Unterrichtsministerium angekauft und dem heutigen Institut für Ur- und Frühgeschichte zur Obhut anvertraut. 1944/45 wurden die Räumlichkeiten in der Wasagasse 4 durch Bombenschäden beeinträchtigt und vor allem die großen Kegelhalsgefäße der eisenzeitlichen Grabhügel stark zerstört. Erst in den 1970er Jahren wurde ihre Restauration abgeschlossen und im Rahmen einer vollständigen Publikation der Forschung zugänglich gemacht. Heute zieren sie galerieartig die Hochvitrinen in der Studiensammlung, während das Stierkopfgefäß in Augenhöhe jedem Besucher in unvergesslicher Erinnerung bleibt.

Literatur:
Matthäus Much, Niederösterreich in der Urgeschichte, Berichte und Mitteilungen des Altertumsvereines zu Wien, 1880, 128.
Helga Kerchler, Die hallstattzeitlichen Grabhügel von Bernhardsthal, Rabensburg und Bullendorf, P. B. Mistelbach, NÖ. Eine Materialvorlage, Archaeologia Austriaca, Beiheft 15, 1977.
Otto H. Urban, Der Lange Weg zur Geschichte. Österreichische Geschichte bis 15 v. Chr., Wolfram Herwig (Hrsg.) Österreichische Geschichte, 2000.

Text: Violetta Reiter, Foto: G. Gattinger, B. Schier