Fotografie der Burgruine Weitenegg

Fotografie der Burgruine Weitenegg

Die Burgruine Weitenegg, 1870
Albuminabzug, H. 31,2 cm, B. 23,2 cm
Aus der Fotothek des Instituts für Kunstgeschichte, Inv. Nr. 172239


Die Fotografie der Burgruine Weitenegg gehört zu den ältesten Beständen der Fotosammlung des Instituts für Kunstgeschichte. Das Foto zeigt den im Jahr 1870 weitgehend abgetragenen Ostturm der Burg Weitenegg und ist höchstwahrscheinlich unmittelbar vor dessen Abriss entstanden. Der etwa 27 Meter hohe Ostturm hatte um 1845 ein neues Dach bekommen und befand sich in relativ gutem Zustand. Das kleine Nebengebäude mit dem intakten Dach wurde wohl noch genutzt, während die hinteren Teile der Burg deutliche Spuren des Verfalls aufweisen.

weitenegg-holzstich-klein.jpg Bei unserer Fotografie handelt es sich um keine zufällige Aufnahme sondern um die fotografische Dokumentation des dem Abriss preisgegebenen Ostturmes. Der Name des Fotografen ist zurzeit leider ebenso wenig bestimmbar wie der Auftraggeber dieser sicherlich sehr kostspieligen Fotografie. Die Existenz dieser Aufnahme ist ein eindeutiger Beweis dafür, dass zumindest einigen Zeitgenossen bewusst war, dass der Abriss des Bergfrieds einen nicht wieder gutzumachenden Verlust bedeutet und wenigstens ein Lichtbild die Erinnerung bewahren soll. Die Burg gehörte damals dem Kaiserhaus und wurde vom kaiserlichen Familiengüterfond verwaltet. Leider sind keine Akten aus der Zeit des Abrisses bekannt. Die "Centralkommission zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale", die am 1. Januar 1850 von Kaiser Franz Joseph I. gegründete Vorgängerinstitution des heutigen Bundesdenkmalamtes, konnte oder wollte in diesem Fall nicht intervenieren, sodass der Turm an den Unternehmer Johann Setzer auf Abriss verkauft wurde. Dieser verwendete das alte Gemäuer als Baumaterial für die Erweiterung seiner Ultramarinfabrik, die direkt unterhalb der Burg Weitenegg entstand und heute als „Chemische Farbenfabrik C. M. Habich AG“ weitergeführt wird. Die Unterschutzstellung der Burgruine, die unzweifelhaft von herausragender historischer und burgenkundlicher Bedeutung ist, erfolgte erst später – zu spät für den Bergfried.

Von besonderem Interesse ist nun, dass dieses Foto, von dem ein weiterer Abzug in der Fotosammlung des Bundesdenkmalamtes aufbewahrt wird, als Vorlage diente für eine Illustration des achtbändigen Werks über „Österreichische Burgen“ von Otto Piper aus dem Jahr 1910. Dieses aufwändige Werk wurde von zwei berühmten Burgenliebhabern der Kaiserzeit gefördert: Johann Nepomuk Graf Wilczek, der sich ab 1874 die Burg Kreuzenstein als Museumsburg wieder aufbauen ließ, und Fürst Johann II. von Liechtenstein, der ab 1884 die Stammburg der Familie in Maria Enzersdorf neu errichten ließ. Von dieser intensiven Art der Burgenromantik blieb die Ruine Weitenegg zwar verschont, obwohl es in den Jahren 1938-1943 Pläne gegeben hat, die Ruine wiederherzustellen und als Schulungsburg zu nutzen, doch der Verfall der Burgruine war trotz Sicherungsmaßnahmen nicht zu stoppen. Zuletzt ist vor zwei Jahren das kleine Nebengebäude, das auf unserem Foto noch einen halbwegs stabilen Eindruck macht, zu großen Teilen abgerutscht und musste infolgedessen vollends abgetragen werden. Der Vergleich mit einem aktuellen Foto, das vom gleichen Standpunkt aufgenommen wurde wie unsere Fotografie von 1870, macht die großen Verluste an historischer Bausubstanz in den letzten 140 Jahren anschaulich sichtbar.

Burg Weitenegg, 2010

Zur Baugeschichte und zum heutigen Zustand siehe:
http://bda.at/text/136/1776/14407/
http://www.ms-visucom.de/cgi-bin/ebidat.pl?id=1553

Text: Dr. Martin Engel, Fotos: Institut für Kunstgeschichte, Bundesdenkmalamt