Riesenknochen von St. Stephan

Riesenknochen von St. Stephan

Femur eines Mammuts
Länge: 86 cm
Beiderseits beschriftet: "AEIOU" bzw. "1443"
Aus dem Geologischen Archiv


Zu den bedeutendsten Objekten der umfangreichen Sammlungen des Erdwissenschaftlichen Zentrums der Universität Wien (früher: ‚Institut für Geologie’) gehört wohl ein Femur (Oberschenkelknochen) eines Mammuts: er zeigt auf Vorder- und Rückseite jeweils eine aufgemalte Schriftrolle, einerseits mit der Jahreszahl 1443, andererseits mit dem Wahlspruch Kaiser Friedrich III „A.E.I.O.U.“ (‚Alles Erdreich ist Österreich untertan’ oder ‚Austria erit in orbe ultima’ – um nur zwei der gängigen Deutungen anzuführen). Dieser Knochen befand sich, zusammen mit anderen, leider in Verlust geratenen Funden, lange Zeit hindurch im Eingangsbereich des Riesentores von St. Stephan in Wien. Die Jahreszahl legt die Vermutung nahe, dass er wohl bei den Aushubarbeiten für den Nordturm des Stephansdomes gefunden wurde. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts befindet er sich jedenfalls in den Sammlungen des ehemaligen Institutes für Geologie der Universität Wien.

Der Boden Wiens umfasst zwar eine Vielfalt unterschiedlichster geologisch-tektonischer Einheiten, unter den jüngsten Ablagerungen nimmt der Löss aber eine ganz besondere Stellung ein. Dieses Material entstand während des Pleistozäns („Eiszeit“) durch Windausblasung glazialer Schotter- und Sandflächen und stellt das typische Sediment kalter, periglazialer Gebiete dar. Die im Bereich von Wien abgelagerten Lösse gehören überwiegend dem jüngsten Abschnitt der Würmvereisung („Mammut-Steppenzeit“) an: etwa von 35.000-13.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Wie bereits Prof. Eduard Suess (1831-1914), einer der bekanntesten Geologen seiner Zeit, 1862 betont, zeichnet sich der Löss in Wien durch das Vorkommen einer großen Menge zum Teil riesiger Säugetierreste aus. Eine gängige Deutung von Fossilien vorzeitlicher Säugtiere war in vergangenen Jahrhunderten ihre Interpretation als Riesenknochen. Ein weiteres Beispiel aus Wien wäre ein 1723 gefundener ‚Riese’ vom Thury-Grund (9. Wiener Gemeindebezirk), von dessen Skelett leider nur die Zähne erhalten geblieben sind – mittlerweile sind auch diese längst verschollen. Immerhin konnte aber George Cuvier (1769-1832), der Begründer der Wirbeltierpaläontologie und der vergleichenden Anatomie, sie aufgrund einer Zeichnung einem eiszeitlichen Fellnashorn (Coelodonta antiquitatis) zuordnen. Die im Boden von Wien gefundenen Gebeine der Riesen Gog und Magog aus der Bibel verlieren sich hingegen, genauso wie ein Riese aus Laxenburg, vollkommen im Dunkel der Geschichte.

Worin liegt nun aber die besondere wissenschaftshistorische Bedeutung dieses mittelalterlichen Fossilfundes in den Sammlungen der Universität Wien?
Zunächst einmal sind datierte Fossilfunde aus dieser Zeit extrem selten und daher als solches bereits ein interessanter Anhaltspunkt für frühe Deutungen von derlei Funden. Darüber hinaus ist es einer der wenigen erhaltenen Belege dafür, dass Dome und Kirchen immer wieder auch für die Zurschaustellung naturwissenschaftlicher „Kuriosa“ genützt wurden – wohl eine der Wurzeln späterer Museen. Nur wenige solcher Exponate haben jedoch die Zeiten überdauert und sind einer Identifizierung zugänglich. Wurden derlei Knochen vorzeitlicher Säugetiere auch als „Riesenknochen“ gedeutet – der aus dem Wiener Stephansdom stammende Fossilfund war jedoch sicher nicht namensgebend für die Bezeichnung „Riesentor“, diese vor vielen Jahrzehnten geäußerte Vermutung gilt heute als widerlegt.

Text: Ao. Univ.-Prof. i.R. Dr. Norbert Vávra, Foto: Christian Stocker