Lisas Schatten

Lisas Schatten

Elfriede Jelinek: Lisas Schatten.
München: Relief-Verlag-Eilers 1967
(= DER VIERGROSCHENBOGEN Folge 76).
Aus dem Elfriede Jelinek-Forschungszentrum


Lisas Schatten war Elfriede Jelineks erste Buchpublikation. Sie erschien 1967 in der Münchner Reihe „DER VIERGROSCHENBOGEN“. Das unpaginierte Bändchen, das keine der großen Bibliotheken Wiens in ihrem Bestand hat, enthält sieben Gedichte:

[S. 3-4] EREIGNIS
[S. 4-6] MOUREZ PARMI LA VOIX TERRIBLE DE L’AMOUR! (verlaine)
[S. 6-7] TRAUM
[S. 7-8] DER KUSS
[S. 9-10] DIE NACHT LISA
[S. 10-11] DES HERBSTNACHTS ...
[S. 11] HERBST

Auf der hinteren inneren Umschlagseite des Buches befindet sich eine Kurzbiographie Jelineks mit einem Hinweis auf die 18. (korrekt wäre 20.) Österreichische Jugendkulturwoche in Innsbruck 1969. Auf dieser Jugendkulturwoche erhielt Jelinek den Preis für Lyrik u.a. für die Gedichte MOUREZ PARMI LA VOIX TERRIBLE DE L’AMOUR! (verlaine), DIE NACHT LISA und DES HERBSTNACHTS ...

Es ist weitgehend unbekannt, dass Elfriede Jelinek ihr Schreiben in den 1960er Jahren mit Lyrik begonnen hat. Die Gedichte, die literarische Traditionen des Symbolismus, des Expressionismus und des Surrealismus weiterführen, sind in Zeitschriften, Anthologien und Sammlungen erschienen, viele der in diesen Jahren entstandenen Gedichte sind bislang unpubliziert. Die im Band "Lisas Schatten" veröffentlichten Texte stellen eine Auswahl von Einzelgedichten dar. Sie sind, wie alle lyrischen Texte Jelineks dieser Zeit, stark rhythmisiert und werden von komplexen klanglichen und rhetorischen Verfahren bestimmt. Eine starke Künstlichkeit, die sich durch extreme Bildverschränkungen, intertextuelle Verweise, durch eine intensive Farbsymbolik, durch Natur- und Todeschiffren ergibt, zeichnet sie aus. In den mit Märchenassoziationen, Volksliedanklängen, aber auch mit Bezügen zu aktueller Popkultur arbeiteten Gedichten werden schlaglichtartig Vereinzelung und Schrecken, Gewalt und Sexualität thematisiert.

In späteren Jahren hat Jelinek nur noch selten Lyrik verfasst, hingewiesen sei auf ihr 1980 entstandenes Gedicht Die süße Sprache, in dem die Autorin die Verstricktheit der deutschen Sprache in den Nationalsozialismus thematisiert. Jelinek selbst hat 2007 in einem Essay ihre lyrischen Anfänge als „völlig epigonal“ abgetan und gemeint, die aus dieser Zeit noch unpublizierten Gedichte („Ich habe jeden Tag Gedichte geschrieben. Im Sommerhaus, hinten im Holzschuppen, damit mich keiner sieht.“) „müssen verbrannt werden“. Trotz dieser selbstironischen Haltung der Autorin sind Jelineks Gedichte Texte, die es – gerade aus Anlass ihres 65. Geburtstags am 20. Oktober – nicht nur von der Forschung, sondern auch von interessierten LeserInnen zu entdecken gilt: als Texte, an denen man sowohl Jelineks literarische Herkunft als auch den Beginn dessen ablesen kann, was ihre späteren Werke ausmacht: sprachliche Verdichtung, intertextuelles Arbeiten, Offenlegung von Gewalt und Verletztheit.

Text: Ao. Univ.-Prof.in Mag.a Dr.in Pia Janke, Foto: Elfriede Jelinek-Forschungszentrum