Nubischer Tempel

Nubischer Tempel

Blick in das Sanktuar des Tempels von Debod, um 1855
Simon Leo Reinisch
Aquarell
Maße: 26,5 x 19,8 cm
Inv.-Nr.: 111/1
Aus der Ägyptischen Sammlung


Der aus der kleinen weststeirischen Gemeinde Osterwitz stammende Bauernsohn Simon Leo Reinisch (1832–1919) war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer der originellsten und vielseitigsten Sprachwissenschafter Österreichs. Nach dem Studium verschiedener klassischer und orientalischer Sprachen in Wien und der Promotion im Jahre 1859 an der Universität Tübingen wandte er sich zunächst ganz der Ägyptologie zu; ein Fach, das noch an keiner österreichischen Universität vertreten war. 1861 bereits Privatdozent für die Geschichte des Orients, bearbeitete er die Sammlung ägyptischer Altertümer von Erzherzog Ferdinand Max (1832–1867) im Schloss Miramar. Der ausführliche wissenschaftliche Katalog dieser Kollektion war das erste ägyptologische Werk von nennenswertem Umfang und wissenschaftlicher Bedeutung, das in Österreich entstand.

Am Institut für Ägyptologie wird eine Mappe mit dem Vermerk „Nachlaß Reinisch“ verwahrt, welche einige händisch hergestellte Kopien von Landkarten der Nilländer sowie mehrere sehr schöne, feine Zeichnungen von Landschaften und Monumenten aus Ägypten, Nubien und Italien enthält. Zu diesem Bestand gehört auch das vorliegende Aquarell des etwa 50 km südlich von Assuan in Unternubien gelegenen Tempels von Debod. Es ist als einziges Blatt mit „Leo Reinisch“ signiert. Obwohl über seine künstlerische Tätigkeit keine weiteren Nachrichten vorliegen, besteht kein Grund, an seiner Autorschaft an den genannten Blättern zu zweifeln. Das genannte Aquarell ist jedoch keine eigene Komposition, sondern, wie auch einige weitere Blätter, eine exakte Kopie nach einem Stich aus der monumentalen Publikation „Antiquités de la Nubie“ von Franz Christian Gau (1790–1853), die 1822 in Stuttgart erschienen war. Bei genauester Wiedergabe aller Details der schwarz-weißen Stichvorlage hat Reinisch durch die Kolorierung und die Einführung des warmen südländischen Lichtes mit den starken Schattenwirkungen eine lebendige und lebensnahe Ansicht geschaffen.

Ursprünglich bestand dieser Tempel nur aus einem Raum, der von dem meroitischen König Adikhalamani (Regierungszeit: 207–186 v. Chr.) dekorierten Kapelle, in welcher der Betrachter positioniert ist. Der Blick schweift durch einen schmalen dunklen Raum und fällt schließlich auf einen der beiden Schreine, die in dem unter Ptolemaios VI. († 145 v. Chr.) im 2. Jh. v. Chr. angebauten Sanktuar stehen. 1960 musste der Tempel von Debod wegen des erhöhten Wasserstandes im Nasser-Stausee abgebaut werden und befindet sich heute im Parque del Oueste in Madrid. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Reinisch diese und andere Ansichten nach Vorlagen anfertigte, bevor er 1866 im Auftrag von Kaiser Maximilian I. von Mexiko zum ersten Mal nach Ägypten kam. Man mag in diesen Blättern eine mit künstlerischen Mitteln erreichte Visualisierung des von Reinisch zunächst nur ersehnten Orients sehen, der bereits Gegenstand seiner so intensiven Studien war.

Nach einem Zwischenspiel in Mexiko, wo er zum Pionier der Mexikanistik wurde, wandte sich Reinisch später vorwiegend der Erforschung afrikanischer, namentlich der im Sudan östlich des Nils und am Horn von Afrika beheimateten kuschitischen Sprachen zu. 1873 wurde er zum ersten ordentlichen Professor für ägyptische Sprache und Altertumskunde in Österreich, war 1890 Dekan und 1896 Rektor der Universität Wien und ferner wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Die von ihm begründete Symbiose aus Ägyptologie und Afrikanistik war lange Zeit ein Spezifikum der Universität Wien und fand ihren Ausdruck u. a. in der 1923 erfolgten Gründung des „Instituts für Ägyptologie und Afrikanistik“, das erst 1978 in zwei Fachinstitute getrennt wurde. Das Konvolut von Zeichnungen und Aquarellen am Institut für Ägyptologie legt von Leo Reinischs vielfältigen Begabungen, auch von solchen jenseits seines bedeutenden wissenschaftlichen Werkes, Zeugnis ab.

Ausstellungshinweis:
Das Objekt wird gemeinsam mit sechs weiteren Blättern aus dem Nachlass von Leo Reinisch in der Zeit von 20. Jänner bis 26. Februar 2012 im Rahmen der Ausstellung "Ägypten, Nubien und die Cyrenaika. Die imaginäre Reise des Norbert Bittner (1786-1851)" an der Akadmie der bildenden Künste Wien zu sehen sein.

Eröffnung:
Donnerstag, 19. Jänner 2012, 19.00 Uhr
Einladung (pdf, 0,99 MB)

Ort:
Akademie der bildenden Künste Wien
Schillerplatz 3
A-1010 Wien

Öffnungszeiten:
Di - So: 10.00 bis 18.00 Uhr, Eintritt frei

Anmerkung:
Das Bild wurde neben sechs weiteren Leihgaben aus der Ägyptischen Sammlung von der Akademie der bildenden Künste freundlicherweise kostenlos restauriert, montiert und digitalisiert. Die Unviersität Wien dankt für die großzügige Unterstützung.

Text: Dr. Ernst Czerny (Österreichische Akademie der Wissenschaften)
Restaurierung: Mag. Hilde Seidl (Akademie der bildenden Künste Wien)
Foto: Akademie der bildenden Künste Wien