Zettelbrief

Zettelbrief

Zettelbrief von Olga Maria Neuburger (geb. 1939)
Mehrere zusammengeklebte Fahr- und Eintrittskarten, 5. Dezember 1971
Maße: H: 27 cm, B: 9,5 cm
Aus der Sammlung Frauennachlässe


"Wie gefällt Dir dieser Zettelbrief? If you don’t like it, just tear it up and throw it into the waste-paper-basket. Il ne faut accabler personne de ses propres idées. Meine Zunge ist heute grob wie Sandpapier. Sorry! Solltest Du Lust haben mich zu küssen (was ich bezweifle) wirst Du Deine Reibungspunkte (sprich ‚Fläche‘) finden! Olga“
Dies schrieb die damals 32-jährige Olga Maria Neuburger im Dezember 1971 auf zusammengeklebte Eintritts- und Fahrkarten; kompiliert als (Liebes-)Brief an ihren Arbeitskollegen H. K. Zunächst nur miteinander bekannt, waren sich die beiden während eines einjährigen Auslandsaufenthaltes von H. über das Medium Brief nähergekommen. Sie tauschen sich in ihren Schreiben über den Alltag und verschiedene Erlebnisse, die jeweilige Lebensgeschichte und berufliche und private Reisen aus. Außerdem reflektieren sie die Möglichkeiten und Grenzen der schriftlichen Kommunikation und damit eines Kennenlernens per Brief. Breiten Raum in den Briefen nehmen zeitgenössische Beziehungskonzepte ein, die in dieser Zeit um 1968 mehr denn je in Bewegung geraten sind. So werden Familien-, Freundschafts- und Liebesverhältnisse analysiert, Geschlechterrollen und -differenzen in verschiedenen privaten und beruflichen Aspekten und der Altersunterschied zwischen den beiden thematisiert.

Der Zettelbrief ist Teil jener vielen Paarkorrespondenzen, die gegenwärtig in dem vom FWF geförderten Forschungsprojekt (Über) Liebe schreiben? Historische Analysen zum Verhandeln von Geschlechterbeziehungen und -positionen in Paarkorrespondenzen des 19. und 20. Jahrhunderts an den Universitäten Wien und Salzburg umfassend ausgewertet und analysiert werden. Die Materialität dieses Briefes verweist auf den vom Projekt gewählten offenen, der Komplexität und Vielfalt des historischen Briefschreibens wie jener von (Liebes-)Paarbeziehungen entsprechenden Zugang. Dieser soll nicht von vornherein festlegen, was ein Liebesbrief ist oder zu sein hat. Steht der Zettelbrief für die sehr individualisierten, sprachlich kreativen Korrespondenzen aus den späten 1960er-/1970er-Jahren, finden sich im Untersuchungszeitraum aber auch Beispiele des „galanten Briefschreibens“ aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts oder der institutionalisierten, der Zensur unterworfenen Feldpostkorrespondenzen aus den beiden Weltkriegen.

Dabei kann das Projekt unter anderem auf die zahlreichen in der Sammlung Frauennachlässe archivierten Briefwechsel zurückgreifen. Neben den Originalbriefen beinhalten die Bestände des Archivs weiteres umfangreiches Quellenmaterial, wodurch eine umfassende biografische und historische Kontextualisierung der Korrespondenzen möglich wird. Von Olga Maria Neuburger liegen z.B. mehrere weitere Briefwechsel, Reisepässe, Zeugnisse der Universität Wien, ein Poesiealbum, zwei Tagebücher, Fotoalben, Film- und Opernprogramme und kleine Gegenstände wie ein Federpennal, zwei Zündholzschachteln, ein Kartenspiel und eine Puppe vor. Die in Österreich einzigartige Institution „Sammlung Frauennachlässe“ bietet somit eine geradezu ideale Quellenbasis für die Erforschung persönlicher Korrespondenzen.

Vollständiger Text des Zettelbriefs:

"2. Adventsamstag.
3.45 morgens
H.,
Ich habe Dir in meiner Selbstgefälligkeit meine Gedanken anvertraut und gedacht, Du würdest [… durch Klebestreifen unleserliche Worte] Selbsttäuschung. Ich wollte Dir mit den paar Dingen Freude machen und habe nichts weiter erreicht, als daß Du Dich beschämt fühlst. Dein männlicher Trost trügt. Dein „scheint” sagt es. Sicher ist es nicht meine Weiblichkeit die überlegen …. scheint. Eher etwas anderes. Die Beschämung ist ganz auf meiner Seite. Ich bin mit meiner Traurigkeit allein auf meinem Stern. Die zwei Lichter auf meinem Adventkranz teilen meine Einsamkeit.
[Ende des abgebildeten Texts, Fortsetzung auf Papier] Eine Beschreibung meiner Deutschen Erfahrungen findest Du im [pocket?] der Waggerlplatte. Du brauchst keine Angst zu haben, daß ich zuviel verwöhnt werde. Ich hätte es – im Gegenteil – im Moment bitter nötig.
** Im übrigen hat der „eifersüchtige Boyfriend” versprochen Dich zu erschießen, solltest Du mich schlecht behandeln. Watch out!! [Dieser Satz senkrecht am linken Rand des Briefs]
Der Krampus ist für Dich, Du Belzebub. Er dürfte in Amerika nicht sehr bekannt sein (man weiß zwar nie, was alles exportiert wird). Vielleicht steht Dir von Deinen Freunden drüben jemand besonders nahe, dem Du ihn weitergeben möchtest. Es soll alles im Umlauf bleiben! Wie gefällt Dir dieser Zettelbrief? If you don’t like it, just tear it up and throw it into the waste-paper-basket. Il ne faut accabler personne de ses propres idées. Meine Zunge ist heute grob wie Sandpapier. Sorry! Solltest Du Lust haben mich zu küssen (was ich bezweifle) wirst Du Deine Reibungspunkte (sprich „Fläche”) finden! Olga
P.S. Das goldene Blatt kam in den großen Regen. Ich mußte es zum Trocknen aufhängen."

Veranstaltungshinweis:

Workshop: “(Über) Liebe schreiben.” Historische Analysen zum Verhandeln von Geschlechterbeziehungen und -positionen in Paarkorrespondenzen des 19. und 20. Jahrhunderts
Ort: Max Planck-Institut, Lentzeallee 94, 14195 Berlin, Seminarraum 111
Zeit: Freitag, 10. Februar 2012, 11-17 Uhr

Weitere Informationen zum Workshop finden Sie hier.

Text: Mag.a Ines Rebhan-Glück und Mag.a Brigitte Semanek, Brieftranskript: Mag. Thomas Tretzmüller