Cercopodus horridus

Cercopodus horridus

Zeichnung von Rupert Riedl (1925-2005)
Kugelschreiber auf Papier, um 1966
Maße: ca. 13 x 5 cm
Aus dem Archiv der Universität Wien


„Das schöpferische in unserer Gesellschaft liegt im Individuum“ (Rupert Riedl)

Der österreichische Zoologe Rupert Riedl war immer Wissenschaftler und Künstler in einer Person gewesen. In den Anfängen seiner wissenschaftlichen Forschungstätigkeit, bei seinen ersten meeresbiologischen Expeditionen 1948/49 und zwei weiteren Tauchexpeditionen war ihm die Morphologie der wichtigste „Schlüssel“ zur Bestimmung von Tieren gewesen. Die Zeichnung „Cercopodus horridus“ zeigt eines von insgesamt siebzehn Phantasietieren, mittels derer Riedl sich künstlerisch und spielerisch der Morphologie mariner Tiere genähert hat. Die von ihm gezeichneten Tiere bestehen aus Bildungen, die es gibt oder geben könnte- ihre Kombination mit anderen Bildungen, ihre Anordnung und Anzahl jedoch ist frei erfunden. Dennoch kann sie auch der Laie sofort als Tiere erkennen: Wir erkennen wo vorne und hinten ist, sehen Beine und Schwänze. Wie Dalís Uhren ist an jedem von ihnen etwas Merkwürdiges, das auch den Nichtfachmann zögern und noch einmal hinsehen lässt.

Cercopodus horridus, „das schreckliche flügellose Insekt“ - in Anlehnung an Cercopoden (ausgestorbene flügellose Insekten) - hat mit einem Insekt gar nichts gemein. Sein bilateralsymmetrischer Körper verrät einen Achsenstab - ein Wirbeltier? Aber Wirbeltiere haben einen Schulter- und einen Beckengürtel, somit zwei Beinpaare, niemals aber deren fünf. Die Füße hingegen sind amphibienartig, erinnern an einen Frosch. Ein Frosch ist ein Wirbeltier, aber er hat nur zwei Beinpaare. Bedeckt ist das Tier mit blattartigen Gebilden, das kommt im Tierreich nicht vor. Sind es Schuppen? Aber Schuppen haben keine zentrale Unterteilung wie ein Blatt: sind es Federn? Das würde zu einem Reptil (Sauropside) passen aber nicht zu einem Frosch (Amphib). Schließlich erkennen wir Kopf Rumpf und Schwanz - abermals wie bei einem Wirbeltier. Auch die Krümmung des Körpers gemahnt an ein Wirbeltier. Aber wo sind die Sinnesorgane? Keine Augen, keine Ohren, das Tier ist offenbar mobiler als es sich orientieren kann. Was macht das seltsame Sinneshaar an der Vorderseite? Lebt das Tier im Dunklen, braucht daher keine Augen, will sich aber nicht stoßen? Der Kopf scheint jedenfalls gut abgefedert. Der keulenartige Schwanz macht nur Sinn, wenn er der Balance dient. Zum Greifen ist er zu dick. Aber das hintere Beinpaar lässt erkennen, dass er nur mitgetragen wird. Sexuelle Selektion? Gefällt es einem Partnertier?
Diese „anatomische Bestimmung“ macht deutlich, weshalb eine solche Bildung in der Natur gar nicht vorkommen kann.

Anfang des Jahres übergab die Autorin dieser Zeilen einen Teil des wissenschaftlichen und privaten Nachlasses ihres verstorbenen Ehemannes an das Archiv der Universität Wien, um die Materialien für die Nachwelt zu sichern und für Interessentinnen und Interessenten zugänglich zu machen. Der Bestand umfasst Manuskripte und Typoskripte zu wissenschaftlichen Publikationen und Vorträgen, Aufzeichnungen von Expeditionen, Korrespondenzen, Tonaufzeichnungen, Rezensionen, Zeitungsausschnitte sowie Fotographien. Die Originale der erwähnten Zeichnungen sind in Privatbesitz verblieben, das Universitätsarchiv verfügt jedoch über deren Digitalisate.

Text: Leopoldine Riedl, Foto: © Archiv der Universität Wien