Asperula wettsteinii

Asperula wettsteinii

Als Beispiel aus den Virtuellen Herbarien
Digitalisate aus dem Herbarium der Universität Wien in EUROPEANA


In der Serie "Objekt des Monats" aus den Sammlungen der Universität Wien wurde im September 2009 schon einmal ein Herbarbeleg aus dem Herbarium WU abgebildet. Es wurde damals lediglich auf die chinesischen Sammlungen von Heinrich von Handel-Mazzetti näher eingegangen. Diesesmal möchten wir auf das umfangreiche Sammlungsmaterial aus dem südosteuropäischen Raum hinweisen und einen Beleg hieraus vorstellen und zwar im Zusammenhang von online verfügbaren Informations-Netzwerken, die auch in kulturgeschichtlicher Hinsicht interessante Details bieten.

Der Isotypus von Asperula wettsteinii Adamović aus der Pflanzenfamilie der Kaffee- oder Rötegewächse (Rubiaceae) ist einer von ca. 8.000 digital erfassten nomenklatorischen Typen. Sie sind die Referenz für Bestimmungen und "Urmeter" für Pflanzennamen und damit eine der Säulen für die botanische Systematik und Botanik im Allgemeinen. Die Zahl der Typusbelege im Herbarium WU beläuft sich auf geschätzte 5-7 % des gesamten Bestandes, also auf etwa 70.000 bis 90.000 Bögen.

Ermöglicht wird die Digitialisierung unter Verwendung der vorhandenen Infrastruktur vor allem durch die Andrew W. Mellon Foundation über das Langzeitprojekt Global Plants Initiative. Weitere finanzielle Unterstützung kommt von GBIF (Global Biodiversity Information Facility) und GBIF-Österreich sowie der Kommission für Interdisziplinäre Ökologische Studien an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und in jüngster Zeit auch vom Dekanat für Lebenswissenschaften.

Neben der Bedeutung der Typen-Belege für die Botanik wird an diesem Material auch der Wirkungskreis der botanischen "Wiener Schule" der k. & k. Monarchie ersichtlich.
Etikett.jpg Die vorliegende Pflanze wurde von Lujo (Lulji, Lucian) Adamović (1864-1935) im Gipfelbereich des Maglič, der höchsten Erhebung Bosnien-Hercegovinas an der Grenze zu Montenegro, gesammelt. Adamović studierte in Belgrad und Wien und war Mittelschullehrer in Zaječar, Serbien. Er bereiste große Teile des Balkans und verfasste grundlegende Werke zur Vegetation des Balkans (1) und Italiens (2). Weiters gab er die Plantae balcanicae exsiccatae heraus, ein sogenanntes Exsiccaten-Werk (d.i. eine Sammlung von getrockneten Pflanzen mit informativen Etiketten zur Verteilung) dessen Fokus auf der Flora der Balkanländer lag. Beim Bearbeiten dieser gesammelten Pflanzen am Institut für Botanik in Wien stellten sich einige als neu für die Wissenschaft heraus und wurden demnach als neue Taxa beschrieben. Diese kleine Asperula wurde nach Richard von Wettstein (1863-1931) benannt, dem damaligen Professor und Vorstand am Institut für Botanik und Mentor der Unternehmungen Adamovićs.

Der hier gezeigte Beleg stellt den ersten Datensatz dar, der im Jahr 2001 in die Datenbank aufgenommen und digital verarbeitet wurde. Die Einbindung der Daten in nationale und internationale Netzwerke war von Beginn an ein Hauptanliegen. Die datentechnisch erfaßten Herbarbelege und zugehörigen Bilder sind im Verbund des Virtuellen Herbariums gemeinsam mit jenen aus den Universitäten Graz (AT), Halle an der Saale (DE), Jena (DE), Kabul (AF), Mainz (DE), Podgorica (ME) und den naturhistorischen Museen in Mainz (DE) und Wien (AT) online für wissenschaftliche und didaktische Zwecke frei verfügbar und dadurch einem erweiterten Nutzerkreis zugänglich.

Bis vor kurzem war das Datenbank-System JACQ nur mit Biodiversitäts-Portalen verbunden. Durch das Projekt OpenUp! wird nun der Inhalt naturhistorischer Sammlungen auch über das europaweite Kulturportal EUROPEANA verfügbar. Darin werden die Metadaten von Multimedia-Objekten (Bilder, Texte, Audio- und Video-files) des kulturellen Erbes Europas gesammelt und dargestellt. Die Digitalisate bleiben an der jeweiligen Institution und werden von EUROPEANA nur verlinkt.

Ein großer Teil unserer Sammlungen ist historischen Ursprungs und deswegen auch von kulturgeschichtlichem Interesse. Deswegen ist eine Teilnahme an EUROPEANA notwendig um die Nutzbarkeit der Sammlungen der Universität Wien zu fördern. Zur Zeit sind 19.685 Bilder aus dem Herbar der Universität Wien abrufbar. Auch die vorgestellte von Asperula wettsteinii ist seit kurzem hier sichtbar.

Die Daten selbst werden allerdings nicht in vollem Umfang an die EUROPEANA geliefert, da dort die Creative Commons CC0 Lizenz zur Anwendung kommt. Dadurch sind diese Daten auch kommerziell und ohne Verweis auf ihre Herkunft nutzbar. In der intensiv geführten OpenAccess-Debatte wird die allgemeine Verfügbarkeit von Daten, die mit öffentlichen Mitteln generiert wurden, diskutiert. Eine allgemeine Richtlinie seitens der Universität Wien wäre hier für das weitere Vorgehen sehr hilfreich und notwendig.

Dieses übergreifende Informations-Portal eröffnet neue Dimensionen der Datenerschließung und -auswertung. So können jetzt europaweit unterschiedlichste Quellen gleichzeitig durchsucht und die angezeigten Ergebnisse auf einen Blick gemeinsam dargestellt werden. Abfragen nach "Adamović" oder "Jacquin" liefern Bilder, Portraits, Bücher, Herbarbelege und Schriften auf einen Click.

Weiterführende Links:
Biodiversity Heritage Library
Europe Biological Collection Access Service - BIOCASE
Global Plants Initiative

Literatur:
(1) Adamović, L. (1911) Die Vegetationsverhältnisse der Balkanländer (Mösische Länder) umfassend Serbien, Altserbien, Bulgarien, Ostrumelien, Nordthrakien und Nordmazedonien. Pp 576. In Engler, A. & Drude, O.: Die Vegetation der Erde Band 11. Engelmann, Leipzig.
(2) Adamović, L. (1933) Die pflanzengeographische Stellung und Gliederung Italiens. Pp. 259. G. Fischer, Jena.

Text: Mag. Heimo Rainer, Mag.a Margarita Lachmayer, David Prehsler, Ass.-Prof. Dr. Walter Till, Foto: © Herbarium WU