Paläontologische Wandtafel: Vögel

Paläontologische Wandtafel: Vögel

Lehrtafel: "Aves - Vertebrata - Vögel", um 1880, Nr. LIII
von Karl Alfred von Zittel (1839–1904)
Kolorierte Lithographie
Papier auf Leinwand, Holz
Maße: 140 x 104 cm
Aus der Paläontologischen Sammlung


Diese für den Lehrbetrieb hergestellte Wandtafel wurde inhaltlich und grafisch durch den deutschen Geologen und Paläontologen Karl Alfred von Zittel (1939–1904) zusammengestellt. Es handelt sich dabei um die Tafel N°53 der Serie zur Paläontologie im Verlag von Theodor Fischer in Cassel. Speziell gezeigt werden Skelett, Wirbel und Zähne des Archaeopteryx, eines Archosauriers, der als "Urvogel" gilt.

Große Teile Mitteleuropas waren vor ca. 150 Millionen Jahren im Jura noch von einem Meer bedeckt. Im Bereich des heutigen Süddeutschlands dehnte sich ein flaches Randmeer der Tethys aus. Auch der Solnhofener Raum war von diesem Meer bedeckt. Der Sedimentationsraum der Solnhofener Schichten lag in verschiedenen „Lagunen“ oder Wannen zwischen den Riffen einer Flachwasserplattform.

Dem Auffinden des ersten Urvogels, dem sogenannten Londoner Exemplar, ging der Fund einer Feder voraus. Das unvollständige „Londoner Exemplar“ liegt auf zwei Spaltplatten (sogen. Gegenplatten). Vom Schädel sind leider nur der Gehirnschädel und das Vorderende des Oberkiefers mit einigen Zähnen bekannt. Die Halswirbelsäule ist stark zurückgekrümmt. Rietschel ging 1976 davon aus, dass das „Londoner Exemplar“ möglicherweise im Meer ertrunken ist, als Leiche eine geraume Zeit im Wasser trieb und anschließend zu Boden sank. Gefunden wurde der Londoner Archaeopteryx vom Landarzt Dr. Carl Friedrich Häberlein (1828–1871), der diesen einzigartigen Fund mit seiner gesamten Aufsammlung von Solnhofener Fossilien unter etwas merkwürdigen Umständen im Jahr 1863 um 700 Pfund Sterling an das Britische Museum in London verkaufte.

Das nahezu vollständige Skelett mit den Abdrücken von Federn auf beiden Platten wurde im Jahr 1876 (möglicherweise bereits 1874 oder 1875) aufgefunden und ging als „Berliner Exemplar“ in die Forschungsgeschichte ein. Ernst Otto Häberlein (1819-1896) war eines von acht Kindern des Landarztes Dr. Carl Friedrich Häberlein und ebenfalls ein leidenschaftlicher Sammler aber auch Händler von fossilem Material aus Solnhofen. Er bot den Urvogel zunächst dem Paläontologischen Museum in München zum Preis von 15.000 Gulden an. Die Interessen des bayerischen „Märchenkönigs“ Ludwigs II. lagen aber nicht so sehr auf dem Gebiet der Wissenschaften, sondern galten vor allem der Musik Richard Wagners und dem Bau von Schlössern. Für die Aufbringung des Kaufpreises wurde sogar beim deutschen Kaiser Wilhelm II. vorgesprochen: die Antwort war abschlägig und veranlasste Carl Vogt (1817–1895) zu dem Ausspruch, dass Kaiser Wilhelm II. das Stück sehr wohl gekauft hätte, wenn es sich um eine Kanone oder ein fossiles Gewehr gehandelt hätte. - Dieser Satz wurde ihm als Majestätsbeleidigung ausgelegt.

Ernst Häberlein verkaufte 1880 den zweiten Urvogel für 20.000 Mark an den Berliner Großindustriellen Werner von Siemens (1816–1892), der den Fund dem Berliner Museum zur Verfügung stellte. Allerdings bekam er in den folgenden zwei Jahren das Geld in Form von Raten zu je 10.000 Mark vom Preußischen Kultusministerium zurück.

Im Laufe der Zeit wurden weitere hervorragende Urvogelfunde gemacht, zum Beispiel das Maxberg-Exemplar (für immer verschollen?) oder das Haarlemer Exemplar (ein vermeintlicher Flugsaurier). Weiters wären das Eichstätter Exemplar, das zwei Jahrzehnte lang geheimgehalten wurde, oder das Solnhofener Exemplar, das möglicherweise einen Kriminalfall darstellt, zu erwähnen. Mit dem Münchener Exemplar bzw. mit dem achten, neunten und zehnten Exemplar wären weitere wichtige Urvogelfunde angeführt.

Lange Zeit wurde auch über die Flugfähigkeit von Archaeopteryx diskutiert. Heute besteht fast kein Zweifel daran, dass Archaeopteryx aktiv fliegen konnte. Lebensraum der Urvögel dürften Landgebiete gewesen sein. Viohl (1998) meinte, dass die Archaeopteryx–Individuen möglicherweise auf kleinen Inseln inmitten der Solnhofener Plattenkalkwannen lebten.
Abschließend wäre zu betonen, dass Archaeopteryx neben primitiven reptilischen Merkmalen (wie z. B. Ausbildung des Brustbeins, Schwanz und bezahnte Kiefer) auch fortschrittliche Merkmale (z. B. Flügel, Federn, Gehirn) in sich vereint und damit einen „primitiven“ Vogel darstellt.

Text: Ass.-Prof. Mag. Dr. Karl Rauscher, Foto: Foto Leutner