Torma für einen Yidam

Torma für einen Yidam

Opferkuchen für die Schutzgottheit Khro bo gTso mchog, Mustang, Nepal
Digitalfotografie, Kemi Tsewang 2010
Aus dem Western Himalaya Archive Vienna (WHAV)


Ein zentrales Elemente in der rituellen Praxis der Bön-Tradition (der alten vor-buddhistischen Religion), wie sie auch heute noch in Tibet, Nepal und Indien praktiziert wird, sind Tormas, Opferkuchen, die aus Mehl und Butter von Priestern hergestellt werden. Die bis zu drei Meter hohen Skulpturen variieren in Form, Größe, Farbe und Dekoration je nach Art der Verwendung, dem Ritual und der Gottheit, die sie repräsentieren und der sie geopfert werden.

Die Anfertigung von Tormas im Rahmen von Bon-Ritualen in Mustang, einem ehemaligen Königreich im Norden Nepals, wurde von den Wissenschaftlern Charles Ramble (École Pratique des Hautes Études, Sorbonne) und Kemi Tsewang (Mustang, Nepal) in den Jahren 2008 und 2010 genauesten dokumentiert. Die Herstellung des etwa 80cm hohen Torma für den Schutzgottheit Khro bo ist ein aufwändiger Prozess, der mit der Modellierung eines standfesten pyramidenförmigen Unterkörpers aus Mehl und Wasser beginnt. (Abb.1)

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Die Bemalung erfolgt bevorzugt in den Farben Rot und Schwarz, anschliessend wird das Objekt mit aus (Yak-) Butter gefertigten Blütenblättern kunstvoll verziert. (Abb.2)

Abb2.jpg Mit alten Holzmodeln werden zusätzlich religiöse Symbole und Figuren in den Teig gedrückt. (Abb.3)

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Die fertigen Gebilde werden dann auf einem Altar vor der entsprechenden Gottheit aufgestellt. (Abb.4)

Abb4.jpg Der Herstellungsprozess, der Gebrauch aber auch die Vernichtung von Tormas im Rahmen des Rituals ist in religiösen Texten kodifiziert und genau erklärt. Dieser dreistufige Prozess spiegelt den Kreislauf der Natur und das Wesen der Vergänglichkeit wieder.

Im Museum für Völkerkunde kann nun zum ersten Mal in Europa die Ritualkunst der Bon-Tradition bewundert werden und der Entstehungsprozess solcher Opferkuchen live mitverfolgt werden. Vom 1.2. -1.3.2013 werden Lamas aus Nepal eine Reihe von komplexen Ritualen anlässlich des tibetischen Neujahrsfestes durchführen. Ritualobjekte aus dem Museum für Völkerkunde, private Leihgaben, frisch angefertigte Tormas sowie Foto- und Videodokumentationen bieten den Ausstellungsbesuchern einen umfassenden Einblick in diese sonst wenig bekannte Kultur.

Mehr Informationen zur Ausstellung finden Sie im Online-Katalog (ebenso einen link zum live-stream) hier.

Seit 1. Dezember 2012 läuft auch ein dreijähriges vom FWF finanziertes Projekt “Text, Art and Performance in Bon Ritual“ unter der Leitung von Univ.-Prof. Deborah Klimburg-Salter. Nähere Informationen dazu finden Sie hier.

Die visuelle Dokumentation von Ritualkunst und religiösen Texten wird im WHAV archiviert und sind über die digitale Datenbank teilweise schon zugänglich.

Text: Verena Widorn

Abb.1 – 3: Entstehungsprozess eines Tormas, Photograph: Kemi Tsewang 2010
Abb.4.: Tormas auf einem Altar, Photograph: Charles Ramble 2008