Apollonköpfe

Apollonköpfe

Gipsabgüsse antiker Marmorporträts
Höhe der Köpfe: 30 cm
Aus der Archäologischen Sammlung


Die beiden Gipsabgüsse vergegenwärtigen zwei Marmorköpfe, die vor ca. 150 Jahren in Athen und Rom ausgegraben wurden und die am Anfang der Erforschung einer bedeutenden Apollonstatue stehen - eines Götterbildes, das uns viel davon verrät, wie sich die Griechen der klassischen Zeit diesen Gott vorstellten und welche Wirkung derartige Bildschöpfungen noch viele Jahrhunderte nach ihrer Erschaffung hatten.

Die beiden Archäologen, die diese Neufunde der Fachwelt vorstellten, erkannten, dass beide Köpfe im 2. Jh. n.Chr. gemeißelt worden waren, dass es sich aber nicht um Bilderfindungen dieser Zeit handelte, sondern jeweils um Kopien des Kopfes einer Apollonstatue aus der Zeit um 450 v.Chr. Eine vollständige Kopie dieses klassischen Götterbildes war schon länger bekannt; sie war 1721 südlich von Rom gefunden worden und vom hessischen Landgraf Friedrich II. im Jahre 1777 für sein Museum Fridericianum in Kassel gekauft wurden. Daher hat diese Apollonstatue den Spitznamen “Kasseler Apoll”. Auch ohne dieses Werk in Kassel hätten die Archäologen gesehen, dass die beiden Köpfe ein Werk der Hochklassik als Vorbild hatten; dafür sprechen die Proportionen (das U-förmige, lange Gesicht mit breitem, schweren Kinn, die markante Hervorhebung von Augen, Mund und Nase), die großflächigen, unbewegten Karnatpartien (Wangen, Stirn), die Gestaltung der Haare (mit dem geschlossenen Lockenkranz, der das Gesicht rahmt, und den eng anliegenden Strähnen auf der Kalotte). Dieses Vorbild muß eine Statue gewesen sein, denn im 5. Jh. v.Chr. (und auch noch lange danach) wurden Menschen und Gottheiten stets als vollständige Figuren (und nicht reduziert auf den Kopf) dargestellt. Fachleute konnten der Anlage und Ausarbeitung von Locken und Gesichtsdetails auch ansehen, dass das Vorbild eine Bronzestatue war. Wie viele Statuen der klassischen Zeit existiert dieses Werk nicht mehr.

Glücklicherweise sind Abbildungen auf antiken Münzen und Gemmen erhalten, denen man Folgendes entnehmen kann: Die Statue war in Athen aufgestellt, und der Gott hielt Pfeil und Bogen in der linken Hand und einen Lorbeerzweig in der rechten. Pfeil und Bogen weisen Apollon als die Instanz aus, die Freveltaten bestraft, aber auch Krankheiten und Seuchen herbeiführen und vertreiben kann. Der Lorbeer, die dem Apollon heilige Pflanze, visualisiert die Macht des Gottes, Reinigungen vorzunehmen. Damit ist die Absolution von Verunreinigungen gemeint, die man sich durch eigene Fehler oder auch in bestimmten Lebenssituationen (z.B. durch Kontakt mit Leichen bei der Vorbereitung einer Bestattung) zuziehen konnte.

Diese aus den antiken Kopien und Abbildungen zu erschließende Statue ist höchstwahrscheinlich identisch mit einer Apollonfigur, die der Schriftsteller Pausanias im 2. Jh. n.Chr. auf der Akropolis von Athen sah und von der er sagt, dass sie ein Werk des Bildhauers Phidias war und als Dank für die Abwehr einer Heuschreckenplage geweiht wurde.

Zusätzlich zu den Abgüssen dieser beiden Köpfe enthält die Archäologische Sammlung der Universität Wien nicht nur zwei Abgüsse von weiteren Nachbildungen dieser Statue (bzw. ihres Kopfes), sondern auch einen Marmorkopf, der im 2. Jh. n.Chr. als Kopie des Kopfes der Statue auf der Akropolis angefertigt wurde. Er wurde 1887 aus einer Privatsammlung angekauft, kurz nachdem der Wiener Archäologe Otto Benndorf den in Rom gefundenen Kopf publiziert hatte.

Die Archäologische Sammlung, gegründet 1869, enthält ca. 1200 Gipsabgüsse und ca. 3500 antike Objekte (vor allem Keramik). Sie ist ein Labor für Lehre und Forschung. Die fünf erwähnten Köpfe können unter Studiobedingungen studiert, ihr Zeugniswert für die Überlieferung des Götterbildes unter idealen Bedingungen beurteilt werden. Die Studierenden lernen zentrale Methoden, die für die Analyse nicht nur von Statuen unerlässlich sind.

Beide Gipsabgüsse wurden eigens für die Ausstellung der Sammlungen der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät, die ab 10.4.2013 im Volkskundemuseum (Laudongasse) zu sehen sein wird, restauriert.

Text: Univ.-Profin. Drin. Marion Meyer, Foto: Kristina Klein