Volvelle

Volvelle

„Luna“ – aus: Sebastian Münster „Organum uranicum“ (Basel 1536)
Maße: 14 x 14,2 cm
Aus der historischen Sammlung der FB Geographie und Regionalforschung
Nachlass Dionys Ritter von Grün


An der Fachbereichsbibliothek Geographie und Regionalforschung befindet sich die Nachlassbibliothek des Geographen Wilhelm Dionys (Dionysius) Johann Ritter von Grün (1819-1896). Grün lehrte Geographie an der (Deutschen) Universität zu Prag und hat seine mit viel Sorgfalt und unter materiellen Opfern zusammengetragene Bibliothek dem „Verein der Geographen an der Universität Wien“ hinterlassen. Schwerpunkte der Sammlung sind Werke zur Geschichte der Geographie, zur mathematischen Geographie, Astronomie sowie zur Länderkunde. Ursprünglich umfasste die Sammlung rund 1.500 Bände, erhalten geblieben sind rund 840 Bände, darunter einige Kostbarkeiten des 16., 17. und 18. Jahrhunderts. Das 1536 erschienene Werk von Sebastian Münster „Organum Uranicum“, aus dem das Objekt des Monats stammt, ist eines der ältesten Bücher der Sammlung.

Sebastian Münster und sein „Organum uranicum“

Sebastian Münster (1488-1552) war Universalgelehrter und Humanist. Geboren vor 525 Jahren in Nieder-Ingelheim wirkte er im Laufe seines Lebens vor allen Dingen in Basel. An der Universität Basel hatte er den Lehrstuhl für Hebraistik inne und wurde später sogar Rektor.

Münster genoss innerhalb seiner Fachdisziplin eine sehr hohe Reputation, war aber auch als Kosmograph, Kartograph, Astronom, Mathematiker und sogar als Konstrukteur von Sonnenuhren tätig. Seine rege schriftstellerische und kartographische Tätigkeit - 142 Karten werden ihm zugeordnet – gipfelte in der Herausgabe seines berühmtesten Werkes, der „Cosmographia“ (deutsche Erstausgabe 1544).

Seine Verdienste auf dem Gebiet der Astronomie und Mathematik waren nicht unbedingt bahnbrechend, sondern bestanden eher darin, komplizierte wissenschaftliche Sachverhalte allgemeinverständlich darzustellen. Im Jahr 1536 erschien Münsters Schrift „Organum Uranicum / Habes In Hoc Libro Amice Lector, Explicatas Theoricas Omnium planetaru[m], atq[ue] eorunde[m] varios, singulos & quotidianos ad annos usq[ue] & ultra expressos motus, Lunae quoq[ue] in lumine crescentis, senesce[n]tis & per eclipsim deficientis, & item Solis deliquiu[m] patientis, omne[s] varietate[s] quibus omniubs comodi adiecti sunt canones“. Das in lateinischer Sprache verfasste Werk gliedert sich in zwei Abschnitte. Das erste Buch enthält eine allgemeinverständliche wissenschaftliche Beschreibung des vorkopernikanischen, also geozentrischen Weltbildes. Das zweite Buch beinhaltet eine - etwas umständliche - Anleitung für die Berechnung der Position und der Bewegung der sieben „alten Planeten“ unseres Sonnensystems (Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond). Als Hilfsmittel sind sogenannte Volvellen (lat. volere – drehen, rollen) beigefügt. Volvellen sind Instrumente aus beweglichen Papierscheiben und dienen der Visualisierung astronomischer Vorgänge. Münsters „Organum uranicum“ beinhaltet 20 Holzschnitte, 14 Volvellen sowie 14 Tabellen und sollte die Möglichkeit schaffen, für jede Stunde und jeden Tag der Jahre 1536 bis 1571 den Stand und die Bewegung der sieben alten Planeten zu berechnen.

Volvellen waren keine neue Erfindung der Renaissancezeit. Sie wurden bereits in der Antike von den Griechen aber auch von arabischen Gelehrten für die Darstellung astronomischer Sachverhalte verwendet und können – wenn man so will - als frühe analoge Rechner bezeichnet werden. In europäischen Handschriften sind sie ab dem 13. Jahrhundert zu finden, ihren Höhepunkt erlebten sie vom 16. bis ins 18. Jahrhundert. Volvellen gelten als eindrucksvolle Zeugnisse der damaligen Buchdruckerkunst. Erstmals eröffnete sich die Möglichkeit, die sonst den Gelehrten vorbehaltenen Messinstrumente, eine breiterem Publikum - in Form von Papierscheiben - zugänglich zu machen.

Die Buchseite war Teil der Volvelle, darauf wurden ein oder mehrere konzentrische Kreise gesetzt, die im Zentrum oft durch einen Faden zusammengehalten wurden. Die Abbildung zeigt eine Volvelle, bestehend aus einer aufgesetzten Scheibe mit Bindfaden. Im inneren Kreis sind die zwölf Monate aufgetragen, der äußere Kreis ist auf die Buchseite selbst aufgedruckt und zeigt die Symbole der zwölf Tierkreiszeichen, jeweils in 30 Grad unterteilt. An der inneren Scheibe ist ein kleiner Fortsatz angebracht, der als Zeiger dient. Die Volvelle besticht durch ihre auffallende Schwarz-Weiß-Schattierung und durch das dekorative Schmuckelement in der Mitte der Scheibe.

Die Nachlassbibliothek Dionys Ritter von Grün

Das Buch Münsters (Sig. A I B c 3) wie auch die gesamte „Grün’sche Bibliothek“ sind auf Anfrage vor Ort in der Fachbereichsbibliothek Geographie und Regionalforschung benutzbar. Die Sammlung ist im Zettelkatalog der Fachbereichsbibliothek nachgewiesen, zudem werden die Bestände derzeit sukzessive online erfasst. (Fast) Jedes Buch weist einen Besitzstempel auf („Ex bibliotheca Dionysii de Grün“).

Dionys Ritter von Grün, geboren im damaligen Prerau (Mähren; heute Tschechien), gestorben in Prag, sollte nach den Plänen seines Vaters eigentlich Landwirt werden. Der Sohn widersetzte sich und schlug eine akademische Laufbahn ein. Nach dem späten Schulabschluss (Grün war bereits 30 Jahre) begann er in Prag das Studium der Geschichte und Geographie, ging aber bald darauf aus materiellen Zwängen nach Deutschland, wo er u.a. Vorlesungen des berühmten Geographen Carl Ritter (1779-1859) besuchte. Nach weiteren kurzen Stationen, darunter wieder der Besuch der Universität Prag, nahm er 1853 eine Lehrerstelle am Gymnasium in Leutschau (heute: nördliche Slowakei) an, wechselte aber nach zwei Jahren ans Akademische Gymnasium zu Wien, wo er dann zwanzig Jahre bleiben sollte.

Seine publizistische Tätigkeit ist dürftig, lediglich sein 1.000 Seiten starkes Werk „Geographie. Länder- und Völkerkunde“ (1870/71) ist erwähnenswert, da es angeblich ausschlaggebend für seine Bestellung zum Geographielehrer von Kronprinz Rudolf war. Grün sollte in den zwei Jahren seiner Lehrtätigkeit (1872-1874) wesentlichen Einfluss auf Rudolfs’ Vorliebe für die naturwissenschaftlichen Fächer, insbesondere für die Geographie gehabt haben. 1874 verlieh ihm Kaiser Franz Joseph die Ritterwürde.

Parallel zu seiner Lehrtätigkeit am Hof wurde Grün im Mai 1872 zum außerordentlichen Professor für Geographie an der Prager Universität ernannt. 1875 nahm er mit seiner Antrittsrede „Die Geographie als selbstständige Wissenschaft“ seine Lehrtätigkeit auf, 1876 wurde er von Kaiser Franz Joseph zum ordentlichen Professor ernannt, obwohl man im Kollegenkreis seine fehlenden wissenschaftlichen Leistungen bemängelte und ihn in einer Festschrift sogar als „Autodidakten“ bezeichnete.

Nach der Teilung der Prager Universität lehrte Grün am deutschen Teil weiter, bis er sich 1885 in den dauernden Ruhestand versetzen ließ. Dionys Ritter von Grün verstarb am 26. Februar 1896.

Text und Foto: Mag. Alexandra Gappmayr