Blütenmodell von Aconitum napellus (Blauer Eisenhut)

Blütenmodell von Aconitum napellus (Blauer Eisenhut)

Robert Brendel (ca. 1821-1898), Breslau um 1870
Holz, Papiermaché, Draht, Ölfarbe, Lack
Höhe: 40 cm
Aus der Historischen Sammlung des Fakultätszentrums für Biodiversität


Als sich die ersten Beschwerden des Alters zeigten, verkaufte der schlesische Pharmazeut Carl Leopold Lohmeyer (1799-1873) im Jahr 1855 seine Apotheke in Neisse, dem heutigen Nysa in Polen, und übersiedelte nach Breslau. Auf naturwissenschaftlichem Gebiet hatte der Mann bereits Großes geleistet: Er spannte 1838 von seiner Apotheke zum Haus seines Schwagers einen seidenummantelten Leitungsdraht und konstruierte einen Gauß-Weber'schen Nadeltelegraph – damit besaß Neisse rund 10 Jahre vor der Einführung eines Staatstelegraphen in Preußen bereits ein brauchbares Telegraphiesystem. Mit zunehmendem Alter wandte sich Lohmeyer wieder seiner ehemaligen Lieblingswissenschaft, der Botanik, zu. Er besaß ein „prächtiges, mit seltener Eleganz ausgestattetes und sorglich gepflegtes Herbarium“ und versuchte sich seit seiner Übersiedelung nach Breslau, dort angeregt von Professor Ferdinand Julius Cohn (1828-1898), in der modellhaften Nachbildung besonders interessanter Blütentypen. Von 1866 bis 1869 fertigte er mehr als 300 dieser „Lohmeyer’schen Pflanzenmodelle“ an, die er der Universität und der städtischen Realschule am Zwinger in Breslau vermachte.

Eisenhut_zerlegt.jpgLohmeyers Modelle waren zum Teil zerlegbar und demonstrierten den Blütenbau wichtiger Pflanzenfamilien, verschiedene pflanzliche Organe und Entwicklungszustände, die Keimung der Ein- und Zweikeimblättrigen sowie den Bau der Früchte und Samen. Sie stellten sich bald als derart instruktives Hilfsmittel beim botanischen Unterricht heraus, dass von verschiedenen anderen Universitäten der Wunsch geäußert wurde, ebenfalls solche Modelle zu besitzen. Hier nun betrat Robert Brendel die Szene. Er begann „unterstützt durch geschickte, billige Arbeitskräfte, die Copirung der Lohmeyer’schen Modelle“ und konnte bereits im März 1866 die erste Serie von 30 Blütenmodellen zum Preis von 20 Thalern zum Verkauf anbieten. Dazu lesen wir bei Brendel (Deutsches Magazin für Garten- und Blumenkunde, Jg. 1866, S. 148-151):

Jedes einzelne Modell repräsentirt den Blüthenbau einer wichtigen Pflanzenfamilie und ist bezeichnet mit dem botanischen Namen der dargestellten Pflanze, ihrer Stellung im natürlichen und Sexualsystem und seinem Größenverhältnisse. Die Modelle selbst sind in vergrößertem Maßstabe von dauerhaftem Material, in Oel gemalt, lackirt, auf polirten Holzständern ruhend und cartonnirt; theilweise auch zerlegbar behufs Anschauung der inneren Organe, und wo erforderlich, auch die Wurzel und Frucht besonders dargestellt.

1869 konnte Brendel auf der internationalen Gartenbau-Ausstellung in Hamburg bereits 45 Blütenmodelle sowie Modelle von 10 landwirtschaftlichen, 5 Obst- und 5 Forstgewächsen zeigen.

Um das Jahr 1875 übersiedelte Brendel mit seiner Firma nach Berlin, an den Kurfürstendamm 101. 10 Jahre später erschienen die ersten umfangreichen wissenschaftlichen Erläuterungen zu den botanischen Modellen von Robert Brendel , verfasst von Alexander Tschirch (1856-1939). Aus dem Jahr 1885 hat sich auch ein (Preis)-Verzeichnis der botanischen Modelle  erhalten, das interessante Einblicke in den damaligen Stand der Produktion gibt: In 7 thematischen Serien wurden Modelle von 8 Kryptogamen, 16 „angebauten Pflanzen“, 7 Obst- und Gartengewächsen, 8 Forstgewächsen, 9 Giftpflanzen, 45 Blüten und 6 insektenfressenden Pflanzen angeboten. Das teuerste Modell, die zerlegbare Sporenkapsel des Mooses Brachythecium rutabulum in 150facher Vergrößerung, kostete 50 Mark. Einige Jahre vor Robert Brendels Tod - er starb am 22. Jänner 1898 in Berlin im 77. Lebensjahr - übernahm sein Sohn Reinhold (ca. 1861-1927) die Firma und führte sie unter der Bezeichnung „Verlagsanstalt für Lehrmittel“, zunächst in der Berliner Ansbacherstraße 56, dann Schillstraße 11 weiter. Um das Jahr 1897 übersiedelte er mit seiner Lehrmittelhandlung in die Bismarck-Allee 37 in Berlin-Grunewald. 1925 finden wir die Firma dann in Neumarkt in Schlesien (heute: Środa Śląska, Polen), 1930 im schlesischen Liegnitz (heute: Legnica, Polen), wo Reinhold Brendel bereits am 17. August 1927 im 66. Lebensjahr verstorben war. Die letzten Spuren der Lehrmittelhandlung verlieren sich im 2. Weltkrieg. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts produzierte die Firma PHYWE in Göttingen noch botanische Modelle unter der Bezeichnung „Brendel-Modell“.

ModelleBrendel.jpgBrendel-Modelle zählen zusammen mit den Pilz-Wachsmodellen des Leopold Trattinnick (1764-1849), den Papiermaché-Modellen zur menschlichen Anatomie des Louis Auzoux (1797-1880) sowie den zoologischen und botanischen Glasmodellen des Leopold (1822-1895) und Rudolf Blaschka (1857-1939) zu den weltweit bedeutendsten naturwissenschaftlichen Modellen. Sie wurden im Laufe der Zeit mit zahlreichen Medaillen und Auszeichnungen auf wissenschaftlichen Ausstellungen und Weltausstellungen prämiert, der wissenschaftliche Anspruch wurde durch gedruckte Erläuterungen, verfasst von Botanikern wie dem erwähnten Alexander Tschirch, ferner Michael E. Eduard Eidam (1845-1901), Leopold Kny (1841-1916) und Carl Müller (1855-1907), erhöht. International wurden Brendel-Modelle von den bedeutendsten Naturalienhändlern, so beispielsweise A. Pichlers Witwe in Wien, Václav Frič in Prag und James W. Queen & Comp. in Philadelphia, gehandelt. Ausführungen aus der Breslauer Periode, die sich durch einen Sockel aus hellem Obstholz auszeichnen - wogegen die späteren Berliner Modelle einen Sockel aus schwarz lackiertem Holz besitzen - gelten heute als absolute Raritäten. Die Universität Wien besitzt in der historischen Sammlung des Fakultätszentrums für Biodiversität sieben Brendel-Modelle aus der Breslauer Produktion, darunter auch Modelle, wie sie sich in der ersten Serie von 1866 finden: Ranunculus acris (Scharfer Hahnenfuß), Aconitum napellus (Blauer Eisenhut) und Lilium martagon (Türkenbundlilie).

Ursprünglich stand der reine Bildungszweck der meist aus Papiermaché, Holz, Hemdstoff, Glasperlen, Federn und Gelatine gefertigten Modelle im Vordergrund, der kunsthandwerkliche Wert wurde nicht berücksichtigt. Das Modell transponierte die oft schwer zugängliche „Außenwelt“, den Makrokosmos, in vergrößerter, manchmal idealisierter, jedenfalls didaktisch aufbereiteter Form als angreif- und begreifbaren Mikrokosmos in die Studierstube, das Klassenzimmer oder den Hörsaal. Heute stehen uns mit modernen Mikroskopen, Film und Fernsehen, reich illustrierten und dennoch erschwinglichen Büchern sowie dem Internet didaktisch ganz andere Methoden zur Verfügung als früher. Die Modelle unterliegen einem Bedeutungswandel von naturwissenschaftlichen Demonstrationsobjekten hin zu einerseits historisch wertvollen Dokumenten der Naturvermittlung im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, und andererseits zu gesuchten Sammelobjekten.


Literaturhinweise:

Anonymus (1874): Nekrolog des Carl Leopold Lohmeyer.- Jahres-Bericht der schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur 51 (für 1873): 111-116.

A.-M. Bogaert-Damin (2007): Voyage au coeur des fleurs. Modèles botaniques et flores d’Europe au XIXe siècle.- Publication, Bibliothèque Universitaire Moretus Plantin 12: 1-239.

G. Fiorini, L. Maekawa & P. Stiberc (2008): Save the Plants: Conservation of Brendel Anatomical Botany Models.- The Book and Paper Group annual 27: 35-45.

O. Kronsteiner (2009): Robert und Reinhold Brendel. Dreidimensionale Blütenlese. S. 42-51, in: S. Weber-Unger (Hrsg.), Der naturwissenschaftliche Blick. Fotografie, Zeichnung und Modell im 19. Jahrhundert.

H. Reiling (2009): Über Blaschkas Glasmodelle und die zeitgenössische Naturgeschichte, mit einem Anhang über Brendels botanische Modelle.- S. 267-282, in: M. Kaasch (Hrsg.), Natur und Kultur (= Verhandlungen zur Geschichte und Theorie der Biologie, 14).


Text und Foto: Mag. Matthias Svojtka, Restaurierung: Sonja Bulker