Eocenische Periode

Eocenische Periode

Aquarell von Joseph Kuwasseg (1799-1859), Graz um 1858
Maße: 66 x 50 cm
Für: „Die Urwelt in ihren verschiedenen Bildungsperioden“ von Franz Unger (1800-1870)
Inv.-Nr.: Journal-Nr. P1, Sign. P1
Aus der Historischen Sammlung des Departments für Botanik und Biodiversitätsforschung


Nichts unterbricht die paradiesische Ruhe dieser Gegend, weder die in den Lüften kreisenden Haliaëtos, noch der am Ufer wachende Tantalus, ja nicht einmal die Heerden von Palaeotherium, die sich von den versengten Grasflächen in diese feuchten Thäler zurückziehend, das Bild dieses Lebens nur noch freundlicher machen

Mit diesen Worten schließt Franz Unger (1800-1870) die Beschreibung des Bildes „Eocenische Periode oder Periode des Pariser Grobkalks“ aus seinem am 18. Dezember 1850 ausgegebenen Werk „Die Urwelt in ihren verschiedenen Bildungsperioden“. Die Veröffentlichung – ein Textband  von 40 Seiten und eine Mappe mit 14 Lithographien im Format 45 x 31 cm – verlegte Unger auf eigene Kosten, unterstützt allerdings durch die kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien. Sie stellt den weltweit ersten öffentlich zugänglichen Bilder-Zyklus von Rekonstruktionsversuchen der Urwelt dar, der wesentlich zum internationalen Wissenstransfer der damaligen Zeit beitrug.

Insert_02.jpgAbgesehen von zwei „Guckkastenbildern“ des Leander Russ (1809-1864) für Kaiser Ferdinand I. von Österreich aus dem Jahr 1842, die „vorweltliche Landschaften“ zeigen, bilden diese Bilder gleichzeitig auch die ältesten österreichischen Darstellungen der Vorwelt. Im Jahr 1858 erschien eine um zwei Lithographien erweiterte Auflage bei Theodor Oswald Weigel (1812-1881) in Leipzig. Eine wenig bekannte englische Bearbeitung der Erstauflage durch Samuel Highley (1825-1900), 1853 in der Reihe „Highley's Library of Science and Art“ unter dem Titel „Ideal views of the primitive world in its geological and palæontological phases“ erschienen, stellt übrigens die früheste nur mit Originalfotographien ausgestattete erdwissenschaftliche Veröffentlichung dar: Der Landschaftsfotograph William Russell Sedgefield (1826-1902) hatte im damals neuen Kollodium-Nassverfahren 14 verkleinerte Albumin-Papierbilder (16,7 x 11,4 cm) der Lithographien hergestellt.

Die Universität Wien besitzt zu Ungers „Urwelt“ einen Zyklus von 18 Aquarellen (66 x 50 cm) des Grazer Künstlers Joseph Kuwasseg (1799-1859). Weltweit sind nur zwei dieser Aquarell-Zyklen, jeweils in einer großformatigen roten Originalkassette, bekannt. Kuwasseg, geboren in Triest, übersiedelte im Alter von zehn Jahren mit seiner Familie nach Graz und hatte „ausser Graz von der Welt auch gar nichts gesehen“ – entsprechend musste er von Unger, der vor seiner Berufung am 16. November 1849 zum Professor der Pflanzenanatomie und –physiologie nach Wien Botanik und Zoologie am Joanneum in Graz lehrte, zunächst in den Formen der jetzigen Flora unterrichtet werden, dann erfolgte die Erläuterung der fossilen Pflanzenwelt. Kuwasseg „schlenderte nach jeder Unterweisung Unger’s einsam in den Bergen oder an den Murufern herum und componirte seine Bilder“, die dann wiederum Unger zur Prüfung, Abänderung und Korrektur vorgelegt werden mussten. So entstanden die Motive zu den veröffentlichten Bildern, die nach Kuwassegs Zeichnungen von Leopold Rottmann (1812-1881) lithographiert wurden. Der Druck der Bilder in München war zwar schon 1848 abgeschlossen, dennoch verzögerte sich die Herausgabe des Werkes bis Jahresende 1850. Fast alle Vorzeichnungen und zusätzlichen Sepia-Blätter zu den Lithographien der Erstauflage befinden sich heute in der Neuen Galerie des Universalmuseums Joanneum .

Insert_03.jpgBislang ist ungeklärt, in welchem Verhältnis die beiden erhaltenen Aquarell-Zyklen zu den publizierten Auflagen stehen und wann die Aquarelle angefertigt wurden. Die Zweitauflage der „Urwelt in ihren verschiedenen Bildungsperioden“ von 1858 enthält 16 Lithographien (der zugehörige Textband mit Einleitung und Inhalt insgesamt 19 Blatt), bezogen auf die Erstauflage wurde sie um die Darstellung der „Silurischen“ und „Devonischen Periode“ erweitert. Die Aquarelle beinhalten dann zudem eine zusätzliche (dritte) Darstellung der Steinkohlen-Periode und ein Bild „älteres Diluvium“. Der Aquarell-Zyklus der Neuen Galerie am Joanneum (2005 aus Privatbesitz angekauft) besitzt für diese beiden Landschaftsbilder extra beigefügte großformatige Textblätter, an der Universität Wien sind diese Blätter im gedruckten, prunkvollen Textband  eingebunden (bezeichnet als Blatt V.2 und XIV.2) und mit dem zusätzlichen Hinweis „als Manuscript gedruckt“ versehen. In der Februar-Ausstellung des österreichischen Kunstvereines im Jahr 1859 wurden die Aquarelle bereits ausgestellt, wie uns die Wiener Zeitung vom 2. Februar 1859 auf Seite 499 berichtet; Joseph Kuwasseg starb am 19. März desselben Jahres in Graz. Der Textband der Zweitauflage an der Universität Wien gleicht in Farbe und Bezugsmaterial sehr der Aquarell-Kassette selbst, was eine Datierung der Aquarelle mit 1858 und ihre Anfertigung als prunkvolle Spezialausgabe wahrscheinlich macht.

„Du sollst dir kein Bildnis machen, keinerlei Gleichnis, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, noch des, das im Wasser unter der Erde ist“, heißt es in der Bibel. Franz Unger und Joseph Kuwasseg machten sich und der Welt ein Bild davon, wie die Erde zu Urzeiten wohl ausgesehen haben mag. Unger war sich der Problematik solcher erster Rekonstruktionsversuche durchaus bewusst, er meinte es seien „Charakterstudien“ und keine absoluten „Portraits“ und stellte sich der wissenschaftlichen Kritik, die an den Bildern laut wurde.

Insert_05.jpgSachliche Kritik an konkreten Darstellungen bilde nach Unger schließlich allein den Wissensfortschritt, überdies könnten Laien nur über bildliche Darstellungen für einen Sachverhalt interessiert werden. Dieses moderne und aufgeklärte Wissenschaftsverständnis wurde zeitgenössisch postwendend (1851) von der katholischen Kirche und der Kirchenzeitung des Sebastian Brunner (1814-1893) kritisiert: An österreichischen Hochschulen werde das Heidentum gelehrt und mit Pferdekraft am sozialen Umsturz gearbeitet.


Literaturhinweise:

G. Celedin (2002): Joseph Kuwasseg, 1799-1859.- 232 S., Graz (Leykam).
B. Hubmann & B. Moser (2006): „Biedermeierliche“ Rekonstruktionen geologischer Ökosysteme durch Joseph Kuwasseg und Franz Unger.- Berichte der Geologischen Bundesanstalt, 69: 32-34.
F. Kirchheimer (1982): Die Einführung des Naturselbstdruckes und der Photographie in die erdwissenschaftliche Dokumentation.- Zeitschrift der Deutschen Geologischen Gesellschaft, 133: 1-117.
M. Klemun (2009): Franz Unger and Sebastian Brunner on evolution and the visualization of Earth history; a debate between liberal and conservative Catholics.- Geological Society, London, Special Publications, 310: 259-267.
W. Koschatzky (1991): Des Kaisers Guckkasten. Eine Sammlung alt-österreichischer Ansichten aus der Wiener Hofburg.- Veröffentlichungen der Albertina, 27: 1-281.
A. Reyer (1871): Leben und Wirken des Naturhistorikers Dr. Franz Unger.- [1] Bl., 100 S., Graz (Leuschner & Lubensky).
M. J. S. Rudwick (1992): Scenes from deep time. Early pictorial representations of the prehistoric world.- XIII, 280 S., Chicago (University of Chicago Press).


Text und Foto: Mag. Matthias Svojtka, Restaurierung: Dr. Bettina Dräxler. Mit herzlichem Dank an Frau Dr. Sabine Grabner (Österreichische Galerie Belvedere) für Hinweise zu Leben und Werk von Leander Russ.