Dasain-Fest

Dasain-Fest

Audio- und Bilddokumentation zum Dasain-Fest in Tamku, Ostnepal, 1984
Bild: Verehrung von Durgā und Preisung der königlichen Linie der Shah-Könige durch einen lokalen Priester (in der Hand ein Schwert als Symbol der königlichen Herrschaft)
Tonaufnahme: Gebetsrezitation und Lob auf die königliche Dynastie Nepals
Digitalisiertes Kleinbilddia und Ausschnitt eines digitalisierten Tonbandmitschnitts vom 3.Oktober 1984 (2:37 min)
Aus dem Western Himalaya Archive Vienna (WHAV)


Bild 2_ Segnung_ MG84.jpgDie Bilddatei und die Tonaufnahme wurden am 3. Oktober 1984 während des Dasain-Festes in Tamku (Sankhuwa Sabha Distrikt, Ostnepal) aufgenommen und dokumentieren eine Art Lobeshymne auf die königliche Dynastie. Sie wird von einem lokalen Priester gesungen und folgt einer Tradition, die wenige Jahre später schon nicht mehr zeitgemäß war. Dasain (wie das Fest in Nepal heißt) findet zu Ehren der Göttin Durgā und ihrem Sieg über den Dämonen Mahiṣāsura statt und spielt in ganz Südasien eine wichtige Rolle im jährlichen Ritualzyklus der Hindus. Früher wurde es an den Höfen der Könige (Maharajas) mit großem Pomp gefeiert, doch seit dem Ende der Kolonialzeit und der Entmachtung der Maharajas wird das Fest meist nur noch als religiöse Familienfeier zelebriert. Während in Indien (wo es als Dashahara bekannt ist) die politische Bedeutung fast völlig verschwunden ist, ist diese in Nepal durch die Monarchie der Shah noch bis heute lebendig, auch wenn das Land seit 2008 eine Republik ist und die Bedeutung in den letzten Jahren zunehmend hinterfragt wurde.

BIld3_Opferpfahl_MG84.jpgDasain ist auch heute noch das größte religiöse Fest im Jahr. Fast zwei Wochen lang sind alle Ämter geschlossen, die Menschen kehren in ihre Dörfer zurück und feiern mit ihren Familien. Den Höhepunkt bildet ein Tieropfer (Büffel, Ziegen, Schafe), das den Sieg Durgās über den Büffeldämonen markiert. Der Opferherr dieses Rituals ist traditionellerweise der König, der anschließend seinen Segen in Form eines ṭīkās (Segenszeichen) auf der Stirn verteilt, zunächst an seine Familie, dann an die Untertanen (Bild 2).
Das hier dokumentierte Fest fand zu einer Zeit statt, als in Nepal das sogenannte Panchayat-System (1962-1990) in Kraft war und politische Parteien durch König Mahendras Verfassung verboten worden waren. Diesem Ritual stand das Dorfoberhaupt (jimmāwāl) aus der ethnischen Gruppe der Mewahang Rai vor, der traditionellerweise auch als Steuereintreiber und Repräsentant der königlichen Macht fungierte (Bild 3). Die Dorfbewohner kamen am neunten Tag, dem Navami, mit Präsenten zum Haus des jimmāwāl und wohnten dem Blutopfer bei, das feierlich zelebriert wurde. Das Timing des Schafopfers (Bild 4) wurde mit dem Büffelopfer im Königspalast in Kathmandu synchronisiert, und zwar mithilfe der live gesendeten Radioübertragung des staatlichen Rundfunks „Radio Nepal“. In diesem Zusammenhang wurde auch diese von Martin Gaenszle aufgenommene Hymne vorgetragen.

Bild4_Opferung_MG84.jpgIm Zuge der Neugründung des Forschungszentrums CIRDIS (Center for Interdisciplinary Research and Documentation of Inner and South Asian Cultural History) an der Universität Wien im April 2015, erfährt das WHAV nun Schritt für Schritt nicht nur eine fachliche (u.a. stärker ethnographisch orientierte) und geographische Erweiterung (u.a. Nepal und Ostindien), sondern auch eine Entwicklung in Richtung Multimediaarchiv - mit dem Ziel ein digitales Zentrum für die Forschung zum erweiterten Himalayaraum zu etablieren. Die Herausforderung liegt dabei in der Berücksichtigung und dem Erhalt der komplexen räumlich-zeitlichen Beziehung von multimedialen Forschungsdaten wie gleichzeitig aufgenommene Einzelbilder, Filmaufnahmen und Audiodateien – ohne durch traditionell seriell strukturierte Archivierung den Informationsgehalt der Dokumentation zu reduzieren. Zeitlich und örtlich vernetzte Daten, die performative Prozesse, wie sie gerade in der Ritualforschung von besonderer Relevanz sind, abbilden, müssen u.a. versehen mit einheitliche Metadatenstandards, Zeitstempel, GPS-Koordinaten automatisiert abgefragt, ausgewertet und multimedial vernetzt dargestellt werden, um ein Ritual in seiner Vielschichtigkeit rekonstruieren zu können. Zeitlinien und kartenbasierte Visualisierung sind nur zwei mögliche Modelle, komplexe Abläufe in ihrer Mehrdimensionalität darzustellen und somit die wissenschaftliche Auswertung der Daten zu erleichtern.

Dem zukünftigen Himalaya Archive Vienna ist es nicht nur ein Anliegen, ein multimediales Repositorium und Netzwerk für kollaboratives wissenschaftliches Arbeiten aufzubauen, sondern damit auch einen Beitrag zur Vermittlung und dem Erhalt des kulturellen Erbes, das im Himalayaraum nicht nur durch geologische sondern auch politische Instabilität gefährdet ist, zu leisten. Seit den 1990er Jahren wurde diese Art von Dasain-Feier insbesondere von den ethnischen Minderheiten stark attackiert und boykottiert, so dass sie heute kaum mehr in dieser Form stattfinden. Als Familienfeier ist das Fest allerdings nach wie vor sehr lebendig. Auch der ehemalige König Gyanendra Bir Bikram Shah feiert es – allerdings nur noch im kleineren Kreis.


Literaturhinweise:

Gaenszle, Martin: Verwandtschaft und Mythologie bei den Mewahang Rai in Ostnepal. Eine ethnographische Studie zum Problem der 'ethnischen Identität'. Stuttgart: Franz Steiner Verlag Wiesbaden 1991.

Krauskopff, Gisèle & Marie Lecomte-Tilouine: Célébrer le pouvoir: Dasaĩ, une fête royale au Népal. Paris: Editions du CNRS 1996.

Text: Univ.-Prof. Dr. Martin Gaenszle und Mag. Dr. Verena Widorn, Fotos und Audio: Univ.-Prof. Dr. Martin Gaenszle