Fotographie der Theresia Schindler

Fotographie der Theresia Schindler

Fotographie der Theresia Schindler, geb. Mendel (1829-1908)
Anton Berger, Odrau (Odry / Tschechien), undatiert
Maße: 65 x 108 mm
Aus der Historischen Sammlung des Departments für Botanik und Biodiversitätsforschung


Ich habe mich von der Tierzucht zur Pflanzenzucht gewendet. Sie sehen, der Bischof wusste nicht, dass auch Pflanzen ein Geschlechtsleben haben.

Diese Gregor Johann Mendel (1822-1884), dem „Vater der Genetik“, zugeschriebene Äußerung soll zusammen mit dem vorgestellten Bild von Mendels Schwester Theresia verdeutlichen, wie sehr große Errungenschaften, Taten und wissenschaftliche Erkenntnisse oft von glücklichen oder unglücklichen Zufällen und sehr weltlich-banalen Zwängen abhängig sind. Die Biographik vergangener Jahrhunderte schilderte oft die Lebensgänge bedeutender Personen quasi als „Heldensagen“, als einen einzigen zielstrebigen Himmelsritt im gestreckten Galopp, und übersah dabei häufig, wie oft und leicht es auch ganz anders hätte kommen können. Theresia Schindler war für Mendel und die Grundlagen der modernen Genetik einer dieser glücklichen Zufälle.

Mendel-Portrait.JPGJohann Mendel wurde am 20. Juli 1822 in Heinzendorf bei Odrau (Hynčice-Vražné) im tschechischen Kuhländchen geboren und hatte vier Schwestern, von denen allerdings nur zwei das Erwachsenenalter erreichten: Die ältere Schwester Veronika Mendel (geb. 12.05.1820, gest. 09.03.1882) und die hier vorgestellte jüngere Schwester Theresia Mendel (geb. 01.05.1829). Zwei Geschwister, beide auf den Namen Rosina getauft, verstarben als Kleinkinder (Rosina Mendel, 16.03.1825-09.11.1828 und 07.09.1831-10.10.1831). Noch bevor Johann Mendel das Gymnasium beendete, erlitt sein Vater Anton (1789-1857) im Jahr 1838 einen Arbeitsunfall und bewältigte fortan die schwere körperliche Arbeit am Bauernhof nicht mehr. Durch die angespannte finanzielle Lage konnte der Vater keinen Unterhalt mehr für Johann zahlen, der sich durch Nachhilfestunden als Privatlehrer verdingen musste. Selbst von schwacher körperlicher Verfassung, kam er auch als Hoferbe nicht in Frage. Der Bauernhof wurde schließlich im August 1841 an Alois Sturm (geb. am 27.05.1815 in Mankovice) überschrieben, der zuvor Veronika Mendel geheiratet hatte. Der hier vertraglich festgesetzte Unterhalt von 10 Gulden pro Jahr machte es aber bei weitem nicht möglich, dass Johann seine philosophischen Studien in Olmütz weiter fortsetzen konnte. In dieser, für den weiteren Lebensweg bedeutenden Situation, half Theresia Mendel ihrem älteren Bruder entscheidend: sie schenkte Johann einen großen Anteil ihres Erbteils, damit dieser seine Studien beenden konnte.

Nach Abschluss der philosophischen Jahrgänge entschloss sich Johann Mendel nun zum geistlichen Stand; er wurde im Oktober 1843 in der Abtei St. Thomas der Augustiner-Eremiten in Alt Brünn eingekleidet und erhielt den Ordensnamen Gregorius. Nach vollendeten Theologie-Studien unterrichtete Mendel 1849 dann als Hilfslehrer am Gymnasium in Znaim Mathematik und Griechisch. Für die dauernde Ausübung der Lehrtätigkeit war jedoch eine dreiteilige Lehramtsprüfung vor einer akademischen Kommission notwendig. Diese trat Johann Mendel, nach mehrheitlich autodidaktischer Ausbildung in den Fächern Naturgeschichte und Physik, 1850 in Wien an und fiel dabei durch. Auch ein weiterer Versuch im Jahr 1856, die Lehrbefugnis zu erhalten, scheiterte. Diesmal war Mendel aber immerhin besser vorbereitet gewesen: von 1851 bis 1853 hatte er an der Universität Wien studiert und dabei großes Interesse an Physik gezeigt. Im Juli 1853 nach Brünn zurückgekehrt, interessierte er sich besonders für den Fragenkomplex der Hybridisierung und züchtete Mäuse. Am 7. und 8. Juni 1854 erhielt St. Thomas allerdings einen eher unangenehmen Besuch: Bischof Anton Ernst Graf Schaffgotsch (1804-1870) visitierte, einem Auftrag von Papst Pius IX aus 1852 folgend, das Kloster und empfahl in seinem Bericht an Kardinal Friedrich zu Schwarzenberg (1809-1885) die völlige Aufhebung, weil Verweltlichung und Verfall der klösterlichen Ordnung dort ein unakzeptables Ausmaß angenommen hätten. Wohl hatte Schaffgotsch auch von Mendels Mäusen gehört oder die Zuchten sogar gesehen.

Mendel-Denkmal.JPGMit der Sexualität von Tieren zu experimentieren war natürlich ein Tabu. Aber glücklicherweise haben ja auch Pflanzen ein Geschlechtsleben: Mendel wandte sich nun 1855-1863 seinen mittlerweile weltberühmten Kreuzungs-Versuchen an Erbsen (Pisum) zu, die er im Klostergarten durchführte. Am 7. Februar und 8. März 1865 referierte er dem Naturforschenden Verein in Brünn seine Resultate, eine gedruckte Arbeit erschien dann 1866 als „Versuche über Pflanzen-Hybriden“ in den „Verhandlungen des naturforschenden Vereines in Brünn“ (Bd. 4, S. 3-47 – siehe den Sonderdruck der Arbeit), blieb aber vorerst weitgehend unbeachtet. Erst im Jahr 1900, als die Botaniker Hugo de Vries (1848-1935), Carl Correns (1864-1933) und Erich Tschermak-Seysenegg (1871-1962) eigene Experimente unternommen und mit Mendel übereinstimmende Ergebnisse erhalten hatten, wurde in voller Tragweite klar, was Mendel da im Klostergarten so alles beobachtet hatte.

Von wissenschaftlichen Versuchungen unberührt blieb Theresia Mendel: Sie heiratete am 12. Oktober 1852 in Heinzendorf den Bauern Leopold Schindler (geb. am 04.04.1827 in Hynčice), getraut vom „Augustiner Priester“ Johann Mendel, ihrem geliebten älteren Bruder. Zeitlebens dürfte sie Heinzendorf wohl kaum jemals verlassen haben, einmal zumindest fuhr man nach Odrau zum Fotographieren. Theresia Schindler starb am 2. Februar 1908 in ihrem Geburtsort, ihr Mann Leopold war bereits sechs Jahre zuvor verstorben (gest. am 26.02.1902 in Hynčice). Zusammen mit zwei verpatzten Lehramtsprüfungen und einem päpstlichen Auftrag brachte sie Gregor Johann Mendel in den Klostergarten zu seinen Erbsen und damit die moderne Genetik auf ihren Erkenntnisweg.

Theresia Rueckseite.JPGDas Portrait, das Theresia Schindler als rundliche Frau mit Gebetbuch in der Hand zeigt, gelangte im Jänner 1931, zusammen mit einigen anderen Archivalien, als Geschenk von Erich Tschermak-Seysenegg in den Besitz des Instituts für Botanik der Universität Wien. Tschermak war nicht nur einer der Mendel-Wiederentdecker, sondern auch Enkel des Wiener Botanik-Professors Eduard Fenzl (1808-1879): Fenzls Tochter Hermine (1838-1929) hatte am 9. Jänner 1867 den Mineralogen Gustav Tschermak (1836-1927) geheiratet, am 15. November 1871 wurde in Wien der gemeinsame Sohn Erich geboren. Viel später notierte Erich Tschermak dann in charakteristischer Schrift auf der Rückseite des Bildes, allerdings mit leicht falschem Satzbau:

Gregor Mendels Schwester Theresia (später verh. Schindler), die auf einen Teil ihres Erbgutes freiwillig an ihren Bruder abtrat, damit er seine Gymnasialstudien beenden konnte. Ähnlichkeit mit Mendel!


Veranstaltungshinweise:

International MENDEL DAY – March 8, 2016
Ort: Universität Wien, Department für Botanik und Biodiversitätsforschung
Adresse: Rennweg 14, 1030 Wien
Eintritt frei

SYMPOSIUM 150 Jahre Mendelsche Regeln: vom Erbsenzählen zum Gen-Editieren
Datum: 17. - 18. März 2016
Ort: Österreichische Akademie der Wissenschaften
Adresse: Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien
Eintritt frei, Anmeldung erforderlich

Programm (pdf)


Literaturhinweise:

S. Eckert-Wagner (2004): Mendel und seine Erben. Eine Spurensuche.- 160 S., Norderstedt (Books on Demand).
H. Iltis (1924): Gregor Johann Mendel. Leben, Werk und Wirkung.- VII, 426 S., Berlin u.a. (Springer).
J. Klein & N. Klein (2013): Solitude of a Humble Genius – Gregor Johann Mendel. Vol. 1: Formative Years.- XXI, 407 S., Berlin u.a. (Springer).
O. Richter (1943): Johann Gregor Mendel wie er wirklich war. Neue Beiträge zur Biographie des berühmten Biologen aus Brünns Archiven.- Verhandlungen des Naturforschenden Vereines in Brünn, 74(2): 1-262.
L. Salvini-Plawen (2003): Gregor Johann Mendel (1822-1884), ein biographischer Streifzug.- S. 73-98, in: D. Angetter & J. Seidl (Hrsg.), Glücklich, wer den Grund der Dinge zu erkennen vermag. Österreichische Mediziner, Naturwissenschafter und Techniker im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main (Peter Lang).

Text und Fotos: Mag. Matthias Svojtka

Mit herzlichem Dank an Dr. Ilse Schindler, Dr. Gabriele Schindler-Hultzsch und Dr. Johann Vollmann für ergänzende biographische Daten und Materialien.