Handgezeichnete Kartenkopien des Straßburger Ptolemäus von 1513

Handgezeichnete Kartenkopien des Straßburger Ptolemäus von 1513

Handgezeichnete Kartenkopien des Straßburger Ptolemäus von 1513 in Joachim Vadians Edition der antiken Chorographie De situ orbis des Pomponius Mela (Wien, 1518)
27 kolorierte Manuskriptkarten
Größe: zwischen 14–17 x 12–19 cm
Eingebunden als Anlage zur Edition der antiken Chorographie des Pomponius Mela durch Joachim Vadian: Pomponii Melae Hispani, Libri de situ orbis tres, Adiectis Ioachimi Vadianim Helvetii in eosdem Scholiis: Addita quoq[ue] in Geographi[am] Catechesis & Epistola Vadiani Ad Agricola[m] digna lectu (Wien: Lucas Alantse und Johannes Singriener der Ältere, 1518)
Signatur: II-193091 (Provenienz: Wiener Jesuitenkolleg)
Aus der Sammlung Alte und wertvolle Bestände der UB Wien


Im Lesesaal „Altes Buch“ an der Universitätsbibliothek Wien konnte in jüngster Zeit ein spektakulärer Fund gemacht werden: Auf der Suche nach handgezeichneten Welt- und Länderkarten stieß der Autor der vorliegenden Beschreibung aufgrund eines freundlichen Hinweises von Frau Univ.-Prof. Dr. Elisabeth Klecker (Institut für Klassische Philologie, Mittel- und Neulatein an der Universität Wien) auf 27 kolorierte Manuskriptkarten, die einer im Zeitalter des Humanismus erstellten Neuedition der antiken Chorographie De situ orbis libri tres des Pomponius Mela (verfasst 43/44 n. Chr.) beigebunden sind. Diese eindrucksvolle Edition wurde von den Wiener Buchdruckern Lucas Alantse (Tegniphilus, florit 1505–1522) und Johannes Singriener dem Älteren (um 1480–1545) im Jahre 1518 publiziert.

Der Autor des voluminösen Bandes im Folioformat ([23] und 133 Blätter), das zugleich einen kritischen Kommentar zum geographischen Opus des Pomponius Mela darstellt, ist kein Geringerer als der Schweizer Gelehrte und spätere Bürgermeister und Reformator von St. Gallen, Joachim Vadian (Joachim von Watt, 1483/1484–1551), dessen Leben eng mit der Universität Wien verbunden war: Er hatte sich 1502 in Wien immatrikuliert und wirkte dort im geistigen Umfeld des „Erzhumanisten“ und Dichters Konrad Celtis (1459–1508), des habsburgischen Diplomaten Johannes Cuspinian (1473–1529) und des schwäbischen Astronomen und Astrologen Georg Tannstetter (Collimitus, 1482–1535).

Vadian.jpgDer aus einer reichen Handelsfamilie stammende Humanist Vadian hatte sich zunächst auf eine Studienreise nach Italien begeben, ehe er nach Wien zurückkehrte, wo er im Herbst 1508 sein Magistrat abschloss. Anschließend unterrichtete er an der Wiener Universität und profilierte sich mit mehreren Lobgedichten und zahlreichen Textausgaben antiker und mittelalterlicher Werke. Am 12. März 1514 wurde er von Kaiser Maximilian I. zum poeta laureatus gekürt. In dieser Zeit wandte er sich vermehrt kosmographischen Themen zu. Im Wintersemester 1516/1517 bekleidete er das Amt des Rektors der Universität Wien. Im darauf folgenden Sommersemester wiederholte Vadian eine Vorlesung über die Geographie des Pomponius Mela, die er bereits 1514 gehalten hatte. Daran schloss sich im Wintersemester 1517/1518 eine Vorlesung über das geographische Opus des spätantiken lateinischen Grammatikers Gajus Julius Solinus an. Vadians Idee, das im Unterricht behandelte geographische Wissen der antiken Welt auch in Form von Scholien herauszugeben, geht bereits auf das Jahr 1515 zurück. Doch erst am 1. Mai 1518 war die beeindruckende kosmographische Sammlung druckreif, von der sich in der Universitätsbibliothek Wien noch zwei weitere Exemplare erhalten haben (Signaturen: II-300468 und II-261495; diese enthalten jedoch kein Kartenmaterial).

Das Besondere an dem hier zu beschreibenden Objekt ist, dass ihm nicht nur ein handschriftlicher Textauszug von Vadians Introductorium Sive Epitoma In Geographiam beigebunden wurde, sondern auch 27 farbig kunstvoll ausgeführte Manuskriptkarten, welche den vorgestellten geographischen Sachverhalt didaktisch eindrucksvoll illustrieren. Dabei handelt es sich um exakte Kopien der traditionellen 26 ptolemäischen Länderkarten (zehn für Europa, vier für Afrika und zwölf für Asien) nach dem sogenannten Strassburger Ptolemäus von 1513 sowie um eine kunstvoll gestaltete Weltkarte der damals bekannten Ökumene.

Die ptolemäischen Karten gehen auf die Geographike Hyphegesis des antiken Geographen Claudius Ptolemäus (ca. 100–180 n. Chr.) zurück, worin mehr als 8.000 Örtlichkeiten mit ihren Breiten- und Längenpositionen aufgeführt sind. Eine umfangreiche Rezeption dieses geographischen Werkes begann bereits zu Beginn des 15. Jahrhunderts, als die griechischen Kodizes von byzantinischen Emigranten nach Italien gebracht wurden, wo das Opus nicht nur ins Lateinische übersetzt, sondern in der Folge auch weiter verbreitet und ergänzt wurde. Insbesondere die ersten deutschen Ptolemäus-Ausgaben von Ulm (1482 und 1486) sowie diejenigen von Straßburg (aus den Jahren 1513 und 1520) sind hierbei von eminenter Bedeutung für die Geschichte der Kartographie. Letztere wurden von dem bekannten, im Herzogtum Lothringen wirkenden Kartographen Martin Waldseemüller (Hylacomilus, † 1520) angefertigt.

Im Rahmen eines internationalen Forschungsprojektes zu Vadian, an dem neben dem Verfasser dieser Beschreibung auch der pensionierte Bibliothekar der Vadianischen Sammlung in St. Gallen, Dr. Rudolph Gamper, der Leiter der Ptolemaios-Forschungsstelle an der Universität Bern, Dr. Florian Mittenhuber sowie der amerikanische Kartographiehistoriker Chet Van Duzer beteiligt sind, konnten inzwischen weltweit insgesamt sieben Exemplare von Vadians Mela-Druck von 1518 (und eines der zweiten Ausgabe von 1522) eruiert werden, die alle farbige Handzeichnungen (Kopien der traditionellen 26 ptolemäischen Länderkarten mit recht ähnlichem Duktus) enthalten.

Brillenkarte.jpg

Von einzigartiger Bedeutung ist hierbei das Wiener Exemplar: Während nämlich alle anderen bislang eruierten Kartensets zu Vadians Mela-Kommentar auf eine Weltkarte verzichten, wurde hier zu Beginn eine solche eingefügt. Diese ist noch ganz ptolemäisch gehalten, indem sie gemäß der alten Tradition den Indischen Ozean als Binnenmeer darstellt. Mittels einer detaillierten Analyse der Zeichnung konnte zweifelsfrei die Vorlage ermittelt werden: Kopiert wurde die gedruckte Weltkarte, welche der Margarita Philosophica des Freiburger Karthäuserpriors Gregor Reisch (um 1470–1525) ab 1503 beigegeben wurde. Doch hat der unbekannte Kopist die Darstellung der Winde am Rand weggelassen – schade eigentlich, denn einer der blasenden Köpfe trägt eine Brille, die zugleich eine der frühesten Abbildungen dieses bis heute wichtigen optischen Hilfsmittels darstellt.


Veranstaltungshinweis:

KARTOGRAPHIEHISTORISCHES COLLOQUIUM WIEN
Datum: 14.-17. September 2016
Ort: Institut für Geschichte, Hörsaal 41 (Stiege 8, 1. Stock)
Lageplan Hauptgebäude
Adresse: Universitätsring 1, 1010 Wien
Anmeldung erforderlich!

Programm (pdf, 7 MB)


Ausstellung:

KARTOGRAPHIE IN ÖSTERREICH
Datum: 14. September - 15. Oktober 2016
Ort: Foyer der Hauptbibliothek (Stiege 2, 1. Stock)

Information zur Ausstellung 


Text: Dr. Thomas Horst (CIUHCT, Lissabon), Foto: Prof. Dr. Elisabeth Klecker, Portrait: Wikipedia