Figürliches Ölgefäß

Figürliches Ölgefäß

Ostgriechisches Figurengefäß in Form eines erlegten und aufgehängten Hasen
Geschenk von Dr. Ludwig Pollak, Rom, am 5. Mai 1895
Material: Ton, bemalt und gebrannt
Maße: L. 17,3 cm; max. D. 7,2 cm
Datierung: um 600–575 v. Chr.
Inv.-Nr.: 712
Aus der Archäologischen Sammlung


Dieses Gefäß war Teil der Ausstellung Die Stifterinnen und Stifter der Archäologischen Sammlung der Universität Wien, die von 25. November 2016 bis 27. Jänner 2017 in der Archäologischen Sammlung der Universität Wien zu sehen war. Es bildet den Höhepunkt einer fünf antike griechische Vasen umfassenden Schenkung des ehemaligen Absolventen Ludwig Pollak. Außer diesem Gefäß gehören dazu noch ein korinthischer Kugelaryballos mit drei nach links laufenden Hopliten (Inv. 712 a: um 575–550 v. Chr.), eine korinthische Miniaturkotyle mit verblasster Streifenbemalung (Inv. 712 b: um 550–500 v. Chr.), eine attisch-schwarzfigurige Miniaturkanne mit einer Wellenlinie unten und darüber einem Fries von nach rechts laufenden Schwänen (Inv. 712 c: Swan group, um 550–525 v. Chr.) sowie ein attisch-schwarzfiguriger Miniaturteller mit einem fliegenden Vogel im Zentrum, am Rand eine gerahmte Punktverzierung (Inv. 712 d: Kern Group, um 525–500 v. Chr.).

Auch wenn die exakte Provenienz dieser Objekte nicht überliefert ist („aus dem römischen Kunsthandel“), so ist es doch sehr wahrscheinlich, dass die aus dem griechischen Mutterland (Athen, Korinth) bzw. Kleinasien stammenden Tongefäße in etruskischen Gräbern zu Tage kamen. In diesen ist ein solch fröhliches Durcheinander in der Herkunft der Grabbeigaben oft anzutreffen, was uns wiederum einen Hinweis auf den regen Mittelmeerhandel jener Zeit, dem 6. Jahrhundert v. Chr., gibt. Da wir aber nicht wissen, ob alle Gefäße aus demselben Grab stammen, bleibt auch im Dunkeln, warum drei dieser fünf Objekte Miniaturgefäße sind: Kanne, Becher und Teller sind direkt mit dem Mahl verbunden; die beiden anderen, nicht im Miniaturformat, verweisen in ihrer Funktion als Salbgefäße auf Körperpflege bzw. Sport. Diese Salbgefäße waren selbst nicht stehfähig, sondern wurden normalerweise mit einem Lederband um ihrem Mündungshals an die Wand gehängt oder am Gürtel bzw. am Handgelenk transportiert. Die breit ausgezogene Form des Mündungstellers macht dabei eine vorsichtige und sparende Entnahme des kostbaren Salböls möglich.

Das Salbgefäß mit seiner außergewöhnlichen Form wurde auf den ostägäischen Inseln oder dem dahinter liegenden kleinasiatischen Festland produziert; eine Vermutung, die vor allem durch die Farbe des Tones gestützt wird. Es besitzt die Form eines erlegten, aufgehängten Hasen mit zurückgefallenem Kopf, wobei die Gefäßöffnung mit dem Mündungsteller auf der Brust des Tieres sitzt. Die Vorder- und Hinterläufe sind abgebrochen, doch abgesehen davon kann der Erhaltungszustand als gut bezeichnet werden, da die Bemalung noch sehr gut zu erkennen ist: Das Fell des Hasen ist durch gleichmäßige Punktierung in schwarzem Glanzton angegeben, ebenfalls schwarz sind der Schwanz, die Umrahmung der Ohren, die Angabe der Augen und Schnurrhaare sowie die Grundierung des Mündungstellers, auf welcher oben und an der Seite zusätzlich Punkte und Striche in weißer Deckfarbe aufgebracht sind; das Zentrum der Ohren ist mit roter Deckfarbe überzogen. Mund und Nase sind geritzt.

Der Wohltäter, Ludwig Pollak (1868–1943), aus alter jüdischer Familie in Prag stammend, hatte seit 1888 dort an der Deutschen Universität und seit 1891 dann in Wien Klassische Archäologie studiert und wurde 1892 bei Otto Benndorf mit seiner Arbeit „Zu den Wiener Kraterfragmenten auf Tafel IX der Wiener Vorlegeblätter 1890/91“ promoviert. Er ist für die beiden Sommersemester 1892 und 1893 als Empfänger des kleinen „systemisierten“ Stipendiums des Archäologisch-epigraphischen Seminars verzeichnet, welches stets im Nachhinein für besondere Leistungen während des vergangenen Semesters verliehen wurde. 1893 erhielt er diese finanzielle Anerkennung höchstwahrscheinlich deshalb zugesprochen, weil er einen handschriftlichen Katalog sämtlicher Vasen in der Archäologischen Sammlung erstellt hatte, der am 15. Oktober 1893 in das Inventar des Archäologischen Lehrapparates aufgenommen wurde.

Nachdem er 1893/94 als österreichischer Staatsstipendiat Italien und Griechenland bereist hatte, ließ er sich Anfang Februar 1895 in Rom als Privatgelehrter sowie als Kunst- und Antikenhändler nieder. Nur ein Vierteljahr später, am 5. Mai 1895, erfolgte seine Schenkung an die Archäologische Sammlung seiner alten Alma Mater. In Rom widmete er sich dem Sammeln, vor allem von antiker, mittelalterlicher und neuzeitlicher Kunst, ebenso vermittelte er Verkäufe von Kunstobjekten. Außerdem arbeitete er wissenschaftlich: er verfasste etwa Kataloge von Privatsammlungen oder publizierte eigene Entdeckungen im Kunsthandel vor dem Verkauf. 1905 fand er den fehlenden rechten Arm des Laokoon der berühmten Gruppe in einer römischen Steinmetzwerkstatt, der seitdem den Rufnamen „Pollak’scher Arm“ trägt. Eine Schwäche besaß er für Autographen von Johann Wolfgang von Goethe, die er leidenschaftlich sammelte. Im Mai 1915 verließ Ludwig Pollak Rom nach dem Kriegseintritt Italiens, verbrachte vier Jahre in Wien und kehrte im Mai 1919 wieder zurück. Bei der Massenverhaftung römischer Juden am 16. Oktober 1943 wurde auch er mit seiner Familie festgenommen. Seine Spur verliert sich am 18. Oktober 1943, ebenso wie die seiner zweiten Ehefrau Julia, geb. Süßmann, und seiner Kinder Wolfgang, Angelina und Susanna, sodass wir nicht wissen, wann, wo und wie sie zu Tode gekommen sind. Damit ist Ludwig Pollak auch ein Beispiel für die historische Einbindung der Archäologischen Sammlung in die dunkelsten Kapitel der politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der größte Teil von Pollaks Nachlass, darin Kunstgegenstände, 2.000 Bücher, seine Autographensammlung und seine Tagebücher, wurde von der Schwester seiner Frau, Margarete Süssmann Nicod, in den Jahren 1951 und 1958 der Stadt Rom gestiftet. Er ist heute Teil der Bibliothek und der Kunstsammlung des Museo Barracco .


Literaturhinweise:

H. Kenner, Corpus Vasorum Antiquorum Wien Bd. 1, Deutschland Bd. 5 (München 1942) Taf. 4, 12.
F. Brein (Hrsg.), Kataloge der archäologischen Sammlung der Universität Wien Bd. 2: Bronzezeitliche und geometrische Keramik. Archaische Lokalstile (Wien 1999) 61 f. Kat. 55 Abb. 55 Taf. 12, 2.
M. Merkel Guldan, Die Tagebücher von Ludwig Pollak. Kennerschaft und Kunsthandel in Rom 1893–1934 (Wien 1988).
M. Merkel Guldan (Hrsg.), Ludwig Pollak, Römische Memoiren. Künstler, Kunstliebhaber und Gelehrte 1893–1943 (Rom 1994).
M. Nota Santi – O. Rossini – E. Cagiano de Azevedo, Museo Barracco. Storia della collezione, Quaderno no. 2 (Roma 2000).
E. Cagiano de Azevedo, Ludovico Pollak e il Museo Barracco. La donazione Nicod al Comune di Roma, Bollettino dei Musei Comunali di Roma N. S. 15, 2001, 117–132.


Text: Dr.in Hadwiga Schörner, Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien; Foto: Kristina Klein & Barbara Flögel, Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien