Taschentuchbaum

Taschentuchbaum

Davidia involucrata
Pflanzenfamilie: Hartriegelgewächse (Cornaceae)
Wuchshöhe: bis zu 20 Meter
Aus dem Botanischen Garten der Universität Wien
Standorte: Gruppe 6 und Gruppe 30


Der sommergrüne Taschentuchbaum kann bis zu 20 Meter hoch werden. Er ist vor allem wegen seines spektakulären Anblicks zur Blütezeit bekannt und wird daher gelegentlich auch als Zierbaum verwendet. Der Baum ist in Österreich winterhart, bei einer Aussaat ist allerdings ein geschützter Platz für die ersten Jahre sinnvoll. Bei einer Aufzucht aus Samen kann es 10 bis 20 Jahre dauern, bis der Baum das erste Mal blüht. Das scheinbar Auffälligste an den Blüten ist gar kein Blütenbestandteil, denn bei den weißen „Taschentüchern“ handelt es sich um sogenannte Hochblätter, die UV-Licht absorbieren und dadurch Bestäuber anlocken. Was wie eine große Blüte aussieht ist tatsächlich ein „botanisches Gesamtkunstwerk“ aus je einem dieser Hochblätter und dem eigentlichen, eher unspektakulären Blütenstand. Die einzelnen Blüten besitzen keine Hüllblätter. Fast alle Blüten in einem Blütenstand sind männlich, nur eine ist zwittrig. Im Botanischen Garten beginnt die Blüte Mitte bis Ende April. Besonders die Bäume in Gruppe 6 bieten mit den fast immer gleichzeitig im Umfeld blühenden verschiedenen Pfingstrosen-Arten einen herrlichen Anblick.

Die Art kommt ausschließlich in fünf Provinzen im Süden Chinas vor. Trotz des außergewöhnlichen Erscheinungsbildes zur Blütezeit war der Baum lange Zeit außerhalb von China eine echte Rarität und selbst in China wenig bekannt. So wird erzählt, dass der chinesische Premierminister Zhou Enlai (1898–1976) 1954 bei einem Besuch in Genf einen blühenden Taschentuchbaum bewundert hat und überrascht darüber war, dass es sich um eine Art aus seinem Land handelt. Mittlerweile kann man den Baum aber weltweit in Botanischen Gärten finden und China wirbt mit dem Baum um Touristen.

Als vermutlich erster Europäer sah der Lazaristenmönch und Naturforscher Armand David (1826–1900) den Baum im Jahre 1868 in China. Er schickte Herbarbelege nach Frankreich, wo die Art beschrieben wurde. Die bis dahin unbekannte Gattung wurde zu Ehren von Armand David Davidia genannt. 1899 wurde der Brite Ernest Henry Wilson (1876–1930) damit beauftragt, für eine Gärtnerei Samen von einem Baum zu holen, der zuvor von dem irischen Botaniker Augustine Henry (1857-1930) in China gefunden worden war. Henry hat durch seinen Reisebericht auch den Namen "Taschentuchbaum" geprägt. Mit einer Karte und ohne ein Wort Chinesisch sprechen zu können suchte Ernest Wilson den Baum, nur um dann feststellen zu müssen, dass dieser gefällt worden war. Er konnte aber einen weiteren Baum finden und die Samen nach England schicken. In der Folge entwickelte sich Wilson zu einem bedeutenden Pflanzensammler in China – allein 340 Arten wurden von ihm beschrieben, und von unzähligen Arten hat er die ersten lebenden Exemplare nach Europa gebracht.

In China ist der Baum auch als "Taubenbaum" bekannt und wird mit einer der vier historischen Schönheiten Chinas in Verbindung gebracht - Wang Zhaojun. Sie war angeblich so schön, dass die Gänse bei ihrem Anblick vergaßen, mit den Flügeln zu schlagen und zu Boden fielen. Wang Zhaojun lebte zur Zeit der Han-Dynastie um 50 v. Chr. und wurde mit einem Herrscher der Xiongnu-Reiternomaden verheiratet, was dem Kaiserreich laut den Erzählungen viele Jahre Frieden sicherte. Der Legende nach sandte sie jeden Tag eine Taube nach Hause, welche im Baum vor dem Haus ihrer Familie landete – dem Taubenbaum. Von der Geschichte gibt es viele Versionen, in denen unterschiedliche Ideale wie Aufrichtigkeit, Opfermut und Intelligenz der Heroin hervorgehoben werden. Den meisten ist aber das Leitmotiv gemein, dass die Heldin das Wohl Chinas über ihr eigenes stellt.

Taschentuchbaum

Text: Barbara Knickmann und Martin Rose, Foto: Martin Rose