Fotografie mit Giljaken-Familie

Fotografie mit Giljaken-Familie

Fotografie von Friedrich Albert Dörbeck (1871–1957)
Aufgenommen im Zuge einer Expedition in den Russländischen Fernen Osten, zwischen 1902–1912
Maße: 23,2 x 16,4 cm (Karton); 11,6 x 8,6 cm (Foto)
Signatur: B1A_66-43r
Aus der Dia- und Fotothek des Instituts für Kultur- und Sozialanthropologie


Auf der Fotografie ist das Innere eines Blockhauses der Niwchen (früher: Giljaken) an der Mündung des Amur zu sehen. Es entstand während der „Hydrographischen Expedition“ der russischen Marine im Ochotskischen Meer  zwischen 1902 und 1912. Bei dieser Expedition in Ostsibirien, an den Küsten von Sachalin, der Halbinsel Kamtschatka und den Kurilen legte der Marineoffizier Friedrich (Albert) Dörbeck (russ.: Fjodor Albertowitsch Derbek) als Arzt und naturwissenschaftlicher Mitarbeiter eine größere Sammlung von Meeresflora und -fauna an. Zusätzlich begann er, sich intensiv für das Leben der indigenen Bevölkerung zu interessieren und sammelte reichhaltiges Material. Im Zuge dessen fertigte er unter anderem etwa 600 Fotos an. Rund 60 davon sind noch erhalten und befinden sich heute alle am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Die anderen gelten als verschollen und gingen wohl verloren.

Auf den ersten Blick fällt hier die metallene Teekanne im Vordergrund der Aufnahme auf. Wahrscheinlich stammt sie aus russischer Produktion. Bei genauerem Hinsehen kann man das eher ärmliche Innere einer Hütte und eine Mischung aus indigenen, chinesischen und russischen Einrichtungsgegenständen und Kleidungsstücken der Bewohnerinnen und Bewohner erkennen. Eventuell bemerkt man die scheinbar gegenseitige kritische Musterung des russischen Sanitätsgehilfen und des Kindes. Es spiegelt nicht nur die Situation während einer Expedition wider, sondern zeigt auch die schleichende Kolonialisierung und Globalisierung in dieser scheinbar entlegenen Ecke der Welt. Dieses Bild hat viele Ebenen – und hat auch selbst eine lange und wechselvolle Geschichte. Ein Grund dafür war die allmähliche Machtübernahme der Bolschewiken im Russländischen Fernen Osten und in Sibirien.

Aufgrund des stalinistischen Terrors floh Dörbeck mehrere Jahre hindurch in längeren Etappen über China und Österreich bis nach Deutschland. Als hoher zaristischer Offizier, Deutschstämmiger und Wissenschafter waren er und auch seine Familie besonders gefährdet. Auf ihrer Flucht kamen sie alle für einige Jahre in Wien zur Ruhe, wo Dörbeck seine Frau bis zu ihrem Tod pflegen konnte. 1945, mit dem Einmarsch der Sowjetarmee in Ostösterreich, flohen er und seine Kinder weiter nach Deutschland.

Um seine ethnographischen und naturwissenschaftlichen Forschungen vor dem Vergessen zu bewahren, publizierte Dörbeck zahlreiche deutschsprachige Artikel. Möglicherweise gab er deshalb auch einen Teil seiner Sammlung an das Museum für Völkerkunde (heute: Weltmuseum Wien ) und an das Institut für Völkerkunde (heute: Institut für Kultur- und Sozialanthropologie ) in Wien. Auf diesem Wege gelangten die etwa 60 noch erhaltenen Bilder von Dörbecks Expeditionsfahrten an Pater Wilhelm Koppers (1886–1961), der als Ordinarius und Vorstand des Instituts für Völkerkunde an der Universität Wien tätig war. Heute bilden diese Fotografien einen Teilbestand des Nachlasses von Wilhelm Koppers.

Im Rahmen des Projektes "Ethnographische Datenarchivierung" der Universitätsbibliothek Wien am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie werden die Fotos von Dörbeck professionell digitalisiert, wissenschaftlich erschlossen und langzeitarchiviert. Damit soll ein Beitrag geleistet werden, um seine nach wie vor bedeutenden Forschungen wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Forschungsprojekt "Ethnographische Datenarchivierung"

Ziel dieses Pilotprojekts ist es, Grundlagen für eine den Bedürfnissen und Besonderheiten ethnographischer Forschung angepasste Forschungsdatenmanagement- und Archivierungsstrategie zu erarbeiten und zu erproben. Dafür werden Strategien und Workflows entwickelt, sowie rechtliche und ethische Fragen für ethnographische Forschungen abgeklärt und untersucht. Für die nationale sowie internationale Sichtbarkeit und Zugänglichkeit wird ein digitales Repositorium erarbeitet und aufgebaut und Forschungsdaten und Objekte digitalisiert. Das Projekt ist eine Kooperation von UB Wien und Institut für Kultur- und Sozialanthropologie.

Projektleitung: HRin Mag.a Maria Seissl (Leiterin, DLE Bibliotheks- und Archivwesen)
Wiss. Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Kraus (IKSA)
Projektkoordination: Mag.a Birgit Kramreither (Fachbereichsbibliothek KSA)
Projektmanagement: Mag. Dr. Igor Eberhard (Fachbereichsbibliothek KSA/IKSA)

Literaturhinweise:

Albert, Friedrich [Dörbeck, F. A. ] (1956): Die Waldmenschen Udehe. Forschungsreisen im Amur- und Ussurigebiet. Darmstadt: C. W. Leske Verlag.
Dörbeck, Friedrich (1956): Beobachtungen bei Besuchen von Giljaken-Siedlungen. Natur und Volk. Bericht der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft. 86: 333–342.
DVGU (Dala' Nevostochnyj Gosudarstvennyj Universitet) (ed.) (1997): Primorskyj kraj. Kratkij enciklopediceskij spravočnik. Wladiwostok: DVGU.
Eberhard, Igor (2003): Friedrich Dörbeck: Vergessen in Wien und anderswo? Ein ethnohistorischer und biographiegeschichtlicher Beitrag zur Konstruktion der Ethnologie und Wissenschaftsgeschichte des Russischen Fernen Ostens. Diplomarbeit. Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften. Universität Wien.
Eberhard, Igor (2005): Friedrich Albert Dörbeck und Die Waldmenschen Udehe. Eine Ergänzung zur Forschungsgeschichte des Russländischen Fernen Ostens. In: Bauer, Stefan/Donecker, Stefan/Ehrenfried, Aline/Hirnsperger, Markus (Hg.): Bruchlinien im Eis. Aktuelle Beiträge zur Ethnologie des zirkumpolaren Nordens. LIT-Verlag: Wien 2005: 283–298.

Weiterführender Link:

Projekt Ethnographische Datenarchivierung 

Text: Mag. Dr. Igor Eberhard