Neuerscheinung zur Provenienzforschung

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Olivia Kaiser, Christina Köstner-Pemsel, Markus Stumpf (Hg.): Treuhänderische Übernahme und Verwahrung. International und interdisziplinär betrachtet, Vienna University Press bei V&R unipress Göttingen 2018


Der Band Treuhänderische Übernahme und Verwahrung – international und interdisziplinär betrachtet stellt einen Beitrag zum Gedenkjahr 2018 und zu 20 Jahre Washingtoner Prinzipien betreffend NS-entzogenem Raubgut dar und markiert den Abschluss der Aktivitäten zur gleichnamigen Tagung, die vom Arbeitsbereich NS-Provenienzforschung im Mai 2017 an der Universitätsbibliothek Wien veranstaltet wurde.

Die sogenannte „Sammlung Tanzenberg“ an der UB Wien ist ein markantes Beispiel einer „treuhänderischen Übernahme“ und gab den zentralen Impuls für die Auseinandersetzung mit Treuhand im Kontext der Provenienzforschung im Rahmen einer wissenschaftlichen Tagung. Das Bücherkonvolut setzt sich aus verschiedenen geraubten Buchbeständen zusammen und wurde nach 1945 von der UB Wien treuhänderisch übernommen und in den Bestand eingearbeitet – ohne umfassend auf die Provenienzen einzugehen und Rückgaben zu veranlassen.

Die Frage nach dem Umgang mit „treuhänderisch“ verwahrtem Kulturgut bzw. Raubgut betrifft nicht nur Bibliotheken, sondern auch Archive und Museen sowie jüdische Institutionen. Übernahmen „zur treuen Hand“ beschreiben den Übergang von Besitz, jedoch nicht von Eigentum.

Erwerbungsarten wie Kauf, Geschenk, Pflicht und Tausch stellen übliche Geschäftsvorgänge in Kultureinrichtungen dar und werden im Rahmen der Provenienzforschung kritisch untersucht. Mit Auflagen versehene Übernahmen und Verwahrungen wie Treuhand, Leihgaben, aber auch staatliche Zuweisungen im Kontext von NS-Kulturgutraub und staatlichen Transformationsprozessen wurden bislang hingegen wenig beachtet.

Wie Markus Stumpf, Leiter der Fachbereichsbibliothek Zeitgeschichte und des Arbeitsbereichs NS-Provenienzforschung an der UB Wien in seinem Blog-Beitrag Rückgabe von NS-Raubgut – 20 Jahre auf der Suche nach „gerechten und fairen Lösungen“  ausführt, stellen die Washingtoner Prinzipien, die 1998 von 44 Staaten unterzeichnet wurden, eine nicht-rechtsverbindliche Richtlinie für die Bemühungen um „faire und gerechte Lösungen“ dar. In Österreich regelt das Kunstrückgabegesetz (BGBl 181/1999  und BGBl 117/2009 ) den Umgang mit im Nationalsozialismus entzogenem Kulturgut in Bundesbesitz.

Dass 20 Jahre nach den Washingtoner Prinzipien noch immer viel Raubgut in den Beständen der Kultureinrichtungen Europas zu finden ist, erörtern die Tagungsband-Beiträge von ProvenienzforscherInnen, HistorikerInnen, KunsthistorikerInnen, BibliothekarInnen und RechtswissenschafterInnen aus Österreich, Deutschland, Polen, Tschechien, Litauen und Russland.

Der Fokus auf Treuhand stellt ein facettenreiches Spezialthema der Provenienzforschung dar, die einen Beitrag zur Beforschung der NS-Zeit und Erinnerungsarbeit an die Opfer des NS-Regimes leistet.


Das Buch Treuhänderische Übernahme und Verwahrung wurde am 27. Juni 2018 im Rahmen der Veranstaltung „20 Jahre Washingtoner Prinzipien. Treuhänderische Übernahme und Verwahrung“ als letzter Programmpunkt der Reihe Erlesenes Erforschen präsentiert. Der Tagungsband erscheint als dritter Band der Schriftenreihe Bibliothek im Kontext  bei V&R unipress.

Link zum E-Book (Open Access) in der V&R elibrary 
Link zum Buch in u:search – die Suchmaschine der UB Wien

Tagungswebseite Treuhänderische Übernahme und Verwahrung, 2.–4. Mai 2017 
Arbeitsbereich NS-Provenienzforschung an der UB Wien

Universitaet Wien