Erlesenes Erforschen (Online): Im Schatten von Nürnberg - Das Tokyo-Tribunal

Tokyo Tribunal: All 11 Judges, formal group photo (Pal, Röling, McDougall, Bernard, Northcroft, Jaranilla, Patrick, Cramer, Webb, Mei, Zaryanov. © Courtesy of NARA, 111-SC-251115

Tokyo Tribunal: All 11 Judges, formal group photo (Pal, Röling, McDougall, Bernard, Northcroft, Jaranilla, Patrick, Cramer, Webb, Mei, Zaryanov
© Courtesy of NARA, 111-SC-251115

Erlesenes Erforschen (Online): Im Schatten von Nürnberg - Das Tokyo-Tribunal

Dienstag, 1. Juni 2021, 18.00 Uhr, Online (Livestream)

Link zur Veranstaltungsaufzeichnung in PHAIDRA

Im Rahmen der Reihe Erlesenes Erforschen  werden die Bücher Transcultural Justice at the Tokyo Tribunal und The Tokyo Tribunal: Perspectives on Law, History and Memory von Kerstin von Lingen u.a. präsentiert.


Programm

Begrüßung

Markus Stumpf | Leiter der Fachbereichsbibliothek Zeitgeschichte der Universitätsbibliothek Wien / Universität Wien


Buchpräsentation: Transcultural Justice at the Tokyo Tribunal & The Tokyo Tribunal: Perspectives on Law, History and Memory

Kerstin von Lingen | Institut für Zeitgeschichte / Universität Wien


Podiumsdiskussion Im Schatten von Nürnberg – das Tokyo Tribunal

Kerstin von Lingen mit Miloš Vec


Zu den Büchern und zur Veranstaltung

Kerstin von Lingen (Hrsg.), Transcultural Justice at the Tokyo Tribunal. The Allied Struggle for Justice, 1946–48 (Brill, Leiden, 2018)

Kerstin von Lingen u.a. (Hrsg.), The Tokyo Tribunal: Perspectives on Law, History and Memory (TOAEP, Brüssel, 2020)

Bis heute ist der Schwesterprozess des Nürnberger Prozesses in Japan, der Prozess in Tokyo, fast vergessen. Das ist insofern erstaunlich, weil er zu seiner Zeit ein vielbeachtetes Ereignis war. Elf Richter von elf Nationen saßen drei Jahre lang über 28 Angeklagte zu Gericht, allesamt Vertreter japanischer Eliten, Minister oder Generale. Es kam zu juristischen Kontroversen, etwa um den Angriffskrieg oder Handeln auf Befehl, die bis heute virulent sind.
Neben dem Gericht selbst hatte jede der teilnehmenden alliierten Nationen ein Team von teilweise hundert Mitarbeitern vor Ort - Juristen, Übersetzer, Militärs, Analysten, Sekretärinnen, Köche und Chauffeure. All diese Ausländer versuchten, sich im vom Krieg völlig zerstörten Tokyo zurechtzufinden und bauten in den drei Jahren, die der Prozess dauerte, neben der dienstlichen Aufgabe, Recht zu sprechen, auch eine eigene Gemeinschaft auf.

Die Buchvorstellung beleuchtet zum einen die Hintergründe und den Verlauf des Tokioter Prozesses, der juristisch zu einem Debakel wurde, da es keine einheitliche Urteilsfindung gab, zum anderen aber auch die „soziale" Seite eines Tribunals, das im Schatten des Kalten Krieges 1948 fast unbemerkt zu Ende ging. Danach erläutert die Autorin im Gespräch mit dem Völkerrechtler Miloš Vec die Schwierigkeiten, aber auch die kulturellen Annäherungen, die sich aus der Prozessführung wie auch seinem Verlauf ergaben, und den „Lerneffekt" den dieser für zukünftige Völkerrechtsprozesse haben sollte.



Zu den Vortragenden

Kerstin von Lingen ist Historikerin an der Universität Wien und dort seit 2019 Inhaberin der Professur für Zeitgeschichte (Vergleichende Diktatur-, Gewalt-und Genozidforschung). Zuvor war sie am Historischen Seminar der Universität Heidelberg tätig, wo sie 2017 habilitierte, sowie am Exzellenzcluster „Asia and Europe in a Global Context". Hier leitete sie eine Nachwuchsgruppe zum Thema Kriegsverbrecherprozesse in Asien, aus der vier Dissertationen hervorgingen. Ihre Forschungsschwerpunkte gelten der Genozid- und Gewaltgeschichte, insbesondere dem Holocaust, Dekolonisierungsprozessen (mit Schwerpunkt Asien), zeithistorischer Rechtsgeschichte, Studien zu Memory, Identity and Apology, sowie der globalen Migrations-und Zwangsarbeitforschung.

Miloš Vec, Jurist, ist seit 2012 Professor für europäische Rechtsgeschichte am Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Universität Wien. Zuvor war er Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin (2011/2012) und arbeitete am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main. 2016-2020 Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), Wien. Habilitation 2005 an der Goethe Universität Frankfurt für die Fächer Neuere Rechtsgeschichte, Rechtsphilosophie, Rechtstheorie und Zivilrecht. Miloš Vec ist Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seit 1989. Sein aktueller Forschungsschwerpunkt liegt in der Völkerrechtsgeschichte.


Universität Wien