Paul F. Lazarsfeld Archiv: Anton Amann übergibt die wissenschaftliche Leitung an Christoph Reinprecht

Seit den frühen 1980er Jahren ist das Paul F. Lazarsfeld Archiv, gegründet von Paul Martin Neurath und Anton Amann, an das Institut für Soziologie der Universität Wien angebunden. Die Fachbereichsbibliothek Soziologie und Politikwissenschaft verwaltet das Archiv und betreut die wissenschaftlichen Nachlässe des 1976 verstorbenen Soziologen Paul Felix Lazarsfeld sowie des 2001 verstorbenen Soziologen Paul Martin Neurath. Neben den Arbeitsbibliotheken umfasst das Archiv sämtliche Publikationen sowie unpublizierte Arbeiten und Teile der wissenschaftlichen Korrespondenzen. Darüber hinaus finden sich Dokumente, Arbeitsunterlagen und Forschungsberichte im Archiv.


Am 13. April 2021 wurde die Leitung des Archives von Prof. Anton Amann an Prof. Christoph Reinprecht übergeben.

Anton Amann, Soziologe und Sozialgerontologe war Professor am Institut für Soziologie, sowie unter anderem Initiator und Direktor des „Wiener Instituts für Sozialwissenschaftliche Dokumentation und Methodik“ (WISDOM 1984) und des „Zentrums für Alternswissenschaften und Sozialpolitikforschung“ (ZENTAS 1991). Gemeinsam mit Paul Martin Neurath begründete er ab 1978 das Paul F. Lazarsfeld Archiv, welches am 11. März 1983 eröffnet wurde. Das Archiv wurde in den ersten Jahren durch Paul Neurath im heutigen Bestand aufgebaut, Anton Amann war stellvertretend an der Seite von Neurath tätig. Die bedeutende Rolle, die Lazarsfeld in der Entwicklung der Sozialforschung innehatte, die persönliche Nähe Neuraths zu Lazarsfeld und dessen Umfeld sowie Neuraths langjährige Forschung und unermüdliche Sammelarbeit zu Lazarsfeld haben zu dem einmaligen Bestand des Archivs beigetragen. Nach dem Tod Paul Neuraths im Jahr 2001 übernahm Anton Amann die Leitung des Archivs.

Prof. Amann integrierte den wissenschaftlichen Nachlass Paul Neuraths sowie dessen Privatbibliothek in den Bestand. Er initiierte zahlreiche Projekte zum Archiv, um die Systematisierung, die nachhaltige Archivierung und die wissenschaftliche Bearbeitung von Manuskripten, Dokumenten und Büchern voranzutreiben. Unter Verwendung der Archivmaterialien entstanden bislang eine Vielzahl wissenschaftlicher (Abschluss-)Arbeiten; mittlerweile ist das Archiv zu einem großen Teil online recherchierbar.

Anton Amann leitete das Archiv voller Engagement, umsichtig und kritisch zurück- und vorausschauend. Leider konnte eine bereits für März vergangenen Jahres öffentliche Übergabefeier mit Fachpublikum nicht stattfinden, weshalb die Leitung jetzt im kleinen virtuell-feierlichen Rahmen durch die Direktorin der Universitätsbibliothek Maria Seissl an Christoph Reinprecht übertragen wurde.

Christoph Reinprecht ist Professor am Institut für Soziologie. Seine Forschungsschwerpunkt liegen in der kritischen angewandten Soziologie. Zuletzt war er Herausgeber von „Die Soziologie und der Nationalsozialismus in Österreich“ oder „Flucht und Asyl - internationale und österreichische Perspektiven“.

„Herkömmlich betrachtet ist das Paul F. Lazarsfeld-Archiv eine materielle Infrastruktur wissenschaftlichen Arbeitens: ein Speicher, in dem die Vergangenheit, im Falle des Lazarsfeld-Archivs ein bestimmter Ausschnitt der Geschichte der Soziologie und der empirischen Sozialforschung, in Form von Dokumenten, Manuskripten, Briefwechsel, Publikationen abgelagert und aufbewahrt wird. Eine zeitgemäße und kritische Perspektive betrachtet Archive hingegen als Ergebnis sozialer und kultureller Praktiken des Erinnerns und Vergessens. Das kollektive Gedächtnis ist nicht einfach da, sondern wird immer wieder von Neuem hergestellt, modifiziert, rekonfiguriert. Archive entstehen und leben durch die Fragen, die formuliert, die Verbindungen, die entdeckt, die Verknüpfungen, die versucht und hergestellt werden. Sie sind staubig, aber auch launisch, geordnet und doch eigenwillig und für Überraschungen gut. In diesem Sinne ist das Paul F. Lazarsfeld-Archiv nicht nur unerlässlich für jede fundierte Auseinandersetzung mit Werk und Wirken von Lazarsfeld (und Paul Martin Neurath), sondern vor allem auch ein Ort kritischer Befragung der sich wandelnden Konstitutionsbedingungen der empirischen Sozialforschung, historisch und heute. Das Archiv in diesem Verständnis weiterzuentwickeln, mit anderen Einrichtungen zu vernetzen und in neue Forschungsvorhaben einzubinden, wird das Ziel der nächsten Jahre sein", sagt Christoph Reinprecht anlässlich der Übernahme.

Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Prof. Reinprecht und auf neue Impulse für das Paul F. Lazarsfeld Archiv als Ort des Gedächtnisses der (vertriebenen) österreichischen Sozialforschung.


Wir bedanken uns bei Anton Amann und heißen Christoph Reinprecht herzlich willkommen!


Beate Lang, Leiterin, und das Team der Fachbereichsbibliothek