Wachsmodell eines Sklerotien-Stielporlings

Wachsmodell eines Sklerotien-Stielporlings

Polyporus tuberaster
Wachs auf Holzsockel, Wien um 1810
Maße: H 18 cm (inkl. Sockel), L 21 cm, T 14 cm
Aus der Historischen Sammlung des Departments für Botanik und Biodiversitätsforschung


Feucht war es in Goethes Keller. Zu feucht jedenfalls, um die fünfzehneinhalb Pfund schwere Masse der "Pietra fungaja", jenen „Pilzstein“, den Goethe aus Mailand durch die Vermittlung des Mineralogen Johann Georg Lenz (1748–1832) erhalten hatte, zum gewünschten Auswachsen zu bringen. Die Masse schwoll lediglich an, bekam Risse und zerfiel schließlich. Besonders enttäuschend deshalb, weil sich Goethe schon seit November 1809 mit diesem seltsamen Körper, „der auf der Gränzscheide zwischen dem Mineral- und dem Vegetabilreiche steht und sich freylich mehr zum letzten zu neigen scheint“, eingehend befasst hatte - die Zusammenhänge in der Natur und zwischen den Naturreichen hatten es ihm schon immer besonders angetan. Doch womit haben wir es hier überhaupt zu tun?
Der Sklerotien-Stielporling bildet als Überdauerungsform eine dicht verflochtene und feste Myzelmasse (Sklerotium) aus, die zusätzlich noch mit Substratteilen wie Erde und Holz vermischt sein kann. Dieses Gebilde aus Pilzhyphen und Substrat, oft auch „Pseudosklerotium“ genannt, wurde in Italien, vor allem im Königreich Neapel, unter dem Namen „Pietra fungaja“ gehandelt. In schwach feuchter Erde aufbewahrt, kann es über Jahre hinweg neue essbare Fruchtkörper hervorbringen. Mit einem Stein oder einem Mineral im eigentlichen Sinn hat dies natürlich nichts zu tun.

Der Wiener Botaniker Nikolaus Joseph von Jacquin (1727–1817) hatte bereits im Jahr 1796 den Sklerotien-Stielporling beschrieben und auf zwei Tafeln des „Collectaneorum supplementum” abgebildet. Sein Sohn Joseph Franz von Jacquin (1766–1839) befasste sich dann ebenfalls mit dem Pilz, brachte eine „dichte und feste, aber leichte Erdscholle, doppelt so groß, als das Haupt eines Mannes, ohne alle Beymischung von Steinen, leicht mit dem Messer zu schneiden, und ganz mit einer weißlichen, schwammigen Substanz durchzogen“ nach Wien, und züchtete damit nach einer Überwinterung im Warmhaus mehrere Fruchtkörper.

Wohl als Andenken an die Erstbeschreibung, wie auch an die erfolgreiche Kultur aus dem „Pilzstein“, ließen sich die beiden Jacquin das gezeigte Wachsmodell anfertigen. Es befand sich dann mehr als hundert Jahre praktisch „unerkannt“ im Sammlungsbestand des Botanischen Museums (dem späteren Institut für Botanik) der Universität Wien. Im Jänner 1933 übergaben der Botaniker August Ginzberger (1873–1940) und der Naturschützer (und Cand. phil.) Robert Penz (1911–1934) dem Mykologen Heinrich Lohwag (1884–1945) das in den Sammlungen wiedergefundene Modell zur wissenschaftlichen Bearbeitung. Lohwags Sohn Kurt (1913–1970) publizierte schließlich den Fund und seinen historischen Kontext im Jahr 1935. Seit 2016 befindet sich das Wachsmodell offiziell im Bestand der Historischen Sammlung des Departments für Botanik und Biodiversitätsforschung. Es bildet das (derzeit) älteste biowissenschaftliche Modell an der Universität Wien.

Bei Pilzmodellen werden einige didaktische Eigenschaften von materiellen Modellen besonders deutlich. Modelle von anderen Objekten machen Kleines groß, Großes klein, transformieren in beständigere Materialien und überbrücken räumliche und zeitliche Distanzen. Schlussendlich resultiert ein handhabbares, jederzeit verfügbares und möglichst naturgetreues Abbild. Da es historisch immer wieder zu Vergiftungsfällen mit gekauften Pilzen kam, wurde durch ein Wiener Regierungsdekret im November 1800 beschlossen (interessanterweise stets mit dem nicht existierenden 31.11.1800 zitiert), dass der Stadtmagistrat künftig keinen Marktrichter anstellen dürfe, der nicht eine Vorlesung zur Kenntnis giftiger Schwämme, Pflanzen und Früchte beim Professor der Botanik oder dessen Universitätsgärtner besucht habe und hierüber ein positives Zeugnis vorlegen könne. Wo für diese Vorlesung echte Pilze fehlten, wurden kolorierte Abbildungen und materielle Modelle aus Wachs oder Metall als Demonstrationsobjekte gezeigt. Begleitend zu den Publikationen „Fungi austriaci“ (1804–1806) und „Die eßbaren Schwämme des Oesterreichischen Kaiserstaates“ (1809) des Botanikers Leopold Trattinnick (1764–1849) wurden jeweils Wachsmodelle als „Mycologisches Cabinett“ angefertigt, ein bedeutender Bestand davon befindet sich noch heute im Wiener Marktamtsmuseum .

Im Jahr 1816 bemühte sich Ernest Dominik Witmann (geb. 1780), seit 1811 außerordentlicher Professor der ökonomischen Botanik in Wien, zusammen mit dem Botaniker Josef Hayne (1788–1835) und dem Wachsbossierer Johann Baptist Jaich (1770–1823) um die lieferungsweise Herausgabe von Pilzmodellen unter dem Titel „Mycotheca austriaca“. Die erste Lieferung im Umfang von vier Modellen war 1816 bereits erschienen und kostete immerhin 50 Gulden. Für die kostendeckende Fortsetzung des Werkes wurden 24 Abnehmer auf Subskriptions-Basis gesucht und offenbar nicht gefunden. Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757–1828), Goethes Dienstherr, hatte in der Zwischenzeit auch eine Probe von vier Modellen dieser Mycotheca erhalten. Im November 1819 erkundigte sich Goethe dann brieflich bei dem Direktor der vereinigten k. k. Naturalien-Cabinete in Wien, Karl von Schreibers (1775–1852), was es damit auf sich habe. Ab dann verlieren sich die Spuren der „Mycotheca austriaca“ wieder.

Auch mit Pilzmodellen aus späteren Zeiten kann die Historische Sammlung aufwarten: 31 Modelle aus „Porcellan-Compositionsmasse“ von Heinrich Arnoldi (1813–1882) aus Gotha finden sich ebenfalls im Sammlungsbestand. Arnoldi fertigte zwar hauptsächlich verschiedenste Obst-Modelle an, gab aber um 1870 auch serienweise Sammlungen „plastisch naturgetreu nachgebildeter Pilze“ heraus, die hauptsächlich von Lehrmittelsammlungen an Schulen erworben wurden. Die Modelle tragen eine schwarze Tuschenummer und zusätzlich ein aufgeklebtes Papieretikett mit der korrespondierenden Listen-Nummer, sowie dem deutschen und lateinischen Namen des Pilzes.

Alle Pilzmodelle konnten 2017 mit von der DLE Bibliotheks- und Archivwesen zur Verfügung gestellten Mitteln zur Bestandserhaltung und Restaurierung von Sammlungsbeständen der Universität Wien professionell gereinigt und restauriert werden.

Literaturhinweise:

N. J. JACQUIN (1796): Nicolai Josephi Jacquin Collectaneorum supplementum. Cum figuris coloratis.- 171 S., 16 Taf., Vindobonae (ex officina Wappleriana). Exemplar im Bestand der UB Wien
K. LOHWAG (1935): Das mykologische Wachsfigurenkabinett und die "Pietra fungaja".- Österreichische botanische Zeitschrift 84: 210-218. Exemplar im Bestand der UB Wien
D. LUDWIG, C. WEBER & O. ZAUZIG (Hg.) (2014): Das materielle Modell. Objektgeschichten aus der wissenschaftlichen Praxis.- 337 S., Paderborn. Exemplar im Bestand der UB Wien
NIEDERSÄCHSICHES LANDESMUSEUM HANNOVER (2012): Die Obstmodelle aus dem Provinzial-Museum Hannover mit aktuellem Bestandskatalog des Landesmuseums Hannover. Eine kulturgeschichtliche Spurensuche zu den Obstkabinetten aus drei Jahrhunderten.- 110 S., 1 CD-ROM, Hannover. Exemplar im Bestand der UB Wien
�. NOVAK & A. PILTAVER (2016): Modeli gob Heinricha Arnoldija v Prirodoslovnem muzeju Slovenije / Fungi models of Heinrich Arnoldi in the Slovenian Museum of Natural History.- Hladnikia 37: 3-57. Zeitschrift im Bestand der UB Wien
G. SCHMID (1934): Pietra fungaja. Ein mykologischer Briefwechsel Goethes.- Zeitschrift für Pilzkunde N.F. 13 (=18): 71-81, 110-118 und 140-151.
E. D. WITMANN (1816): Rede als Einleitung zur Mycotheca und Mycographia austriaca.- XXII S., Wien (gedruckt bey den P. P. Mechitaristen). Exemplar im Bestand der UB Wien

Wachsmodell eines Sklerotien-Stielporlings

Text und Fotos: Mag. Matthias Svojtka; Restaurierung: Sonja Bulker, MSc