Bild 6 aus dem Bilderzyklus "Evolution"

Bild 6 aus dem Bilderzyklus "Evolution"

Peter Newrkla (geb. 1948), 1997
Pastellkreide und Gouache auf Papier
Maße: ca. 100 x 60 cm
Aus dem Bestand der Fakultät für Lebenswissenschaften 


Der Bilderzyklus "Evolution" umfasst insgesamt vierzehn Bilder. Er wurde 1996 von der damaligen Formal- und Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien in Auftrag gegeben, um den neu eingerichteten Sitzungssaal des Dekanates im Universitätshauptgebäude auszustatten. Auftraggeber war Dekan Wolfgang Fleischhacker, der dieses Amt von 1991–1999 inne hatte. Obgleich zu dieser Zeit das Bio- und das Pharmazentrum in der Althanstrasse seit einigen Jahren fertiggestellt und bezogen waren, verblieb das Dekanat bis 2004 im Hauptgebäude am Ring und zog erst dann an seinen heutigen Standort im Geozentrum (UZA II).

Der sogenannte "Evolutionsfries" zeigt die markantesten Entwicklungsschritte der Evolution in vierzehn Bildern. Die vierzehn Bilder gehen ineinander über (daher die Bezeichnung Fries) und sind in Dreiergruppen oder paarweise gerahmt. Nur das letzte Bild steht allein für sich und ist daher einzeln gerahmt. Die ersten drei Bilder zeigen den Beginn des Universums: Der Fries setzt mit einem in feuerroten und dunkeln Farben gehaltenen deterministischen Chaos ein und zeigt in Anlehnung an Benoit Mandelbrots  (1924–2010) Fraktale  die Entstehung der Welt. Bild 2 stellt den Beginn der abiotischen Evolution dar, die durch Kristalle und Basaltsäulen mit wabenförmigen Strukturen symbolisiert werden. Auf Bild 3 sind die ersten einfachsten Lebensformen in stark vergrößerter Form zu sehen, die sich zu Mehrzellern weiterentwickeln, darunter erste Algen. Die nächste Dreiergruppe zeigt die Entwicklung komplexerer Lebewesen, wie Hydrozooen, Schwämme, Röhrenwürmer und Korallen (Bild 4), sowie Mollusken, Krebstiere, Stachelhäuter, Trilobiten und erste Wirbeltiere, die durch Fische repräsentiert werden (Bild 5).

Bild 6 thematisiert den Landgang der Tiere und das Aufkommen erster höherer Pflanzen auf der Erde. Links im Bild zu sehen ist ein Quastenflosser (Latimeria) , der seit Millionen Jahren mehr oder weniger unverändert im Meer lebt. In der Bildmitte sind zwei fliegende Fische zu sehen. Bei ihnen dürfte es sich um zwei Exemplare aus der Familie der Thoracopteridae  stammen, die fossil in China, aber auch in Italien und Österreich belegt sind. Darunter ist ein erstes Landwirbeltier zu sehen, eventuell ein Acanthostega  oder ein Ichthyostega . Deutlich erkennbar ist jedenfalls die vordere rechte Extremität, die auf eine Vorform der ersten Landtiere verweist. Auf den Wurzeln des Baumes am rechten Bildrand, oberhalb der Wasseroberfläche, sitzt ein Schlammspringer (Periophthalmus), der kein lebendes Fossil darstellt, sondern einen Modellorganismus, anhand dessen beobachtet werden kann, wie sich der Landgang von Wassertieren vor etwa 400 Millionen Jahren abgespielt haben könnte.

Die nächste Doppelgruppe zeigt die Entwicklung der höheren Pflanzen und Tiere (Bild 7), dargestellt durch die damals sehr stark vertretene Gruppe der Reptilien und mehreren Gingkoblättern, die die Entwicklung der Laubbäume aus den Nadelbäumen symbolisieren (Bild 8). Die folgende Dreiergruppe zeigt die Entwicklung der Vögel (Bild 9), die Entstehung riesiger Laubwälder (Bild 10) sowie die Entwicklung und Ausbreitung der Säugetiere (Bild 11). Mit Bild 12 rückt der Mensch ins Bild, wenngleich er selbst auf dem Bild nicht zu sehen ist. Zu sehen ist seine Behausung (eine Höhle), seine Feuerstelle und Tierfelle, die zum Trocknen aufgespannt wurden. Auch auf dem nächsten Bild ist der Mensch nicht zu sehen, nur seine Fußspuren, seine Werkzeuge und Erfindungen (Rad, Brücke), die von ihm angelegten Felder und eine Ziege, die stellvertretend für die Haustiere auf die Domestizierung und Nutzung der Wildtiere durch den Menschen hinweist. Das Schlussbild bildet eine dunkel gehaltene Dystopie: Der Mensch hat riesige Städte errichtet, die Natur ausgebeutet und mit seinem Fortschrittsglauben sich selbst in Frage gestellt: Embryonen von Menschen und Tieren werden in Eiern ausgebrütet, weder Pflanzen und Tiere sind zu sehen; dafür Müll, riesige Strommasten und zwei Fischskelette im Vordergrund. Am Himmel steht nicht die Sonne, sondern die Erde. Ein Hinweis darauf, dass der Mensch andere Himmelskörper besiedelt hat? Oder eine Erinnerung an die Schönheit und Zerbrechlichkeit des Ökosystems Erde?

Der Maler Peter Newrkla (geb. 1948) studierte Biologie an der Universität Wien und wurde 1974 in diesem Fach promoviert. Bis 1981 war er als Assistent am Institut für Zoologie an der Universität Wien tätig und studierte daneben Malerei an der Universität für angewandte Kunst bei dem österreichischen Maler und Grafiker Wolfgang Hutter  (1928–2014). Seit 1986 ist Peter Newrkla als selbständiger Künstler, Maler und Grafiker in Niederösterreich tätig; seine Werke wurden in mehr als 100 Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt, darunter Österreich, Italien, Deutschland, Tschechien, Portugal und Costa Rica. 1998 war Newrkla Repräsentant österreichischer Kunst auf der EXPO Lissabon; er ist Träger des Niederösterreichischen Umweltpreises in der Sparte Kunst. Die Gegenstände seiner Bilder sind meist Motive aus der Natur: Blumen, Tiere und das Wasser. Aber auch besondere Themen oder Formen, wie etwa die Zeit oder die Spirale werden in Newrklas Bildern aufgegriffen und thematisiert. Newrklas Stil zeichnet sich durch eine sehr farbenfrohe, detailreiche und naturgetreue Gestaltung seiner Motive aus.

Der "Evolutionsfries" ist öffentlich zugänglich und kann im Bereich des hinteren Ausgangs des Geozentrums (UZA II) auf Ebene 01 (Erdgeschoß) besichtigt werden.


Bild 6 aus dem Bilderzyklus "Evolution"

Text: Claudia Feigl, Dr. Peter Newrkla; Fotograf: Dr. Peter Newrkla