Modell des rekonstruierten Diokletiansmausoleums mit umgebender Architektur in Split, 1910–1912

Modell des rekonstruierten Diokletiansmausoleums mit umgebender Architektur in Split, 1910–1912

Hergestellt von Veit Matauschek (Bildhauer)
Geschenk der Akademie der bildenden Künste, Wien, 1935
Material: Gips, Holz
Maße: 153 x 145 cm, H 77 cm
Inventar-Nr.: 955
Aus dem Bestand der Archäologischen Sammlung


Dieses detailreiche Architekturmodell stellt das oktogonale Mausoleum des römischen Kaisers Diokletian  (284–305 n. Chr.) und daran anschließende Gebäude in Split an der dalmatinischen Küste im Zustand nach ihrer Errichtung dar. Es wurde in den Jahren 1910 bis 1912 vom Wiener Bildhauer Veit Matauschek im Maßstab 1:40 angefertigt. Der Architekt und Bauforscher George Niemann  (1841–1912) hatte 1904 vom k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht den Auftrag erhalten, eine Vermessung des spätantiken Palastareals im Stadtzentrum von Split vorzunehmen, das zum Habsburger Reich gehörte. In der Abschlusspublikation von 1910, legte er dann nicht nur die Bauaufnahme des aktuellen Zustands vor, sondern auch Rekonstruktionen des Aussehens in diokletianischer Zeit. Auf Basis dieser Zeichnungen, deren Originale heute im Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste aufbewahrt werden, schuf der österreichische Bildhauer Veit Matauschek insgesamt drei Modelle dieses zentralen Stadtbereiches von Split aus Gips bzw. Gips und Holz.

Beim Diokletianspalast handelt es sich um einen befestigten Architekturkomplex, der mit seinem rechteckigen Grundriss – mit zwei sich im rechten Winkel kreuzenden Straßen und vorspringenden Türmen in der mächtigen Außenmauer – deutlich an ein militärisches Kastell erinnert; die auf das offene Meer gerichtete Südseite zitiert dagegen eine römische Meeresvilla mit zwischen den Ecktürmen vorgeblendeter Säulenstellung samt Arkaden. Der römische Kaiser C. Aurelius Valerius Diocletianus (um 240–um 312), der aus Dalmatien stammte, hatte diese Palastanlage zwischen 295 und 305 n. Chr. als seinen Alterssitz einschließlich Begräbnisstätte errichten lassen. Nach seiner Abdankung im Jahr 305 zog er sich in diesen Palast zurück und verbrachte seine letzten Jahre dort. Mit seinem Namen werden wichtige Reichsreformen verbunden wie die Einrichtung der Tetrarchie, einer Viererherrschaft, in welcher je ein Augustus über die westliche und die östliche Reichshälfte herrschte, wobei jedem ein Caesar zugeteilt war. Auf Kaiser Diokletian geht aber auch seit 303 eine letzte Welle von Christenverfolgungen zurück.

Das Mausoleum des Diokletian ist ein achteckiger Bau auf einem hohen Podium mit oktogonalem Dach, das auf einem knapp bemessenen rechteckigen Platz im Südosten der Palastanlage steht. Außen ist dieser Bau von einem einschiffigen Säulenumgang in korinthischer Ordnung umgeben; dem nach Westen ausgerichteten Eingangsportal ist eine Vorhalle mit syrischem Giebel vorgeschaltet. Der Innenbau (siehe Rekonstruktionszeichnung unten) ist durch Nischen und eine zweigeschoßige verkröpfte Säulenstellung gegliedert und mit einer Kuppel bedeckt. Niemann gibt in seiner Rekonstruktion keine Fenster an, daher ist die Beleuchtungsfrage unklar.

Die Akademie der bildenden Künste Wien nahm Mitte der 1930er-Jahre die Auflösung ihres Akademischen Gipsmuseums in Angriff; die so gewonnenen Räume im Gebäude am Schillerplatz sollten für den Unterricht einzelner Klassen und für Wechselausstellungen genutzt werden. In einem Protokoll vom 11. Juli 1935 wird dabei unser Modell erwähnt:
"Der Hauptmittelsaal des Gipsmuseums ist zu räumen. […] Von den jetzt dort untergebrachten Schauobjekten ist die Rekonstruktion des römischen Diokletianstempels in Spalato nach Matauschek besonders zu erwähnen. Da Spalato nicht mehr im Gebiete unseres heutigen Vaterlandes liegt, so hat diese Rekonstruktion für uns auch sehr an Bedeutung verloren."
(Quelle: Universitätsarchiv der Akademie der Bildenden Künste Wien, Verwaltungsakten 1935/762)

Nachdem die jugoslawische Regierung und das Kunsthistorische Museum Wien das Modell als Geschenk abgelehnt hatten, griff die Archäologische Sammlung zu: Am 25. November 1935 wurde es in das Universitätshauptgebäude am Ring gebracht. Zum Modell gehörten damals wie heute ein Postament aus Holz, schwarz-marmorierend gestrichen und mit zwei metallenen Hebegriffen versehen, sowie eine Vitrinenhaube aus Holz, Stahl und Glas.

Veit Matauschek stellte noch zwei weitere Modelle im selben Maßstab her: Das erste, ausschließlich aus Gips, wurde in Rom in der großen internationalen Ausstellung anlässlich der 50jährigen Einigung Italiens, die am 8. April 1911 eröffnet wurde, in den Diokletiansthermen gezeigt. Ein drittes Modell, von dem keine Abbildungen bekannt sind, ging als Geschenk an den Direktor des Archäologischen Museums von Split, Monsignore Frane Bulić  (1846–1934), und wurde dort im Museum aufgestellt. Das Modell in Wien sollte sicher der Ausbildung von Architekten an der Kunstakademie dienen, schließlich war George Niemann dort seit 1873 Professor für Perspektive und architektonische Stillehre. Darauf verweisen vor allem kleine Unterschiede zum römischen Modell: An zwei Stellen ist eine hölzerne Dachstuhl-Konstruktion sichtbar, und zwar an einem Teil des Pultdaches auf der Ostseite des Mausoleumsumganges (siehe Rekonstruktionszeichnung unten). Außerdem ist der gesamte Dachstuhl der Halle nördlich des Mausoleums in Holz ausgeführt, auch wenn das durch die in Gips ausgeführte Dachdeckung nur am östlichen Ende zu erkennen ist.

Das Modell wurde, seitdem es sich im Besitz der Universität befindet, drei Mal restauriert: 1937 zum Entfernen der Transportschäden; nach 1945, da es durch einen Bombenangriff in Mitleidenschaft gezogen war, und schließlich 1992, nach dem Umzug der Archäologischen Sammlung 1989 an ihren heutigen Standort im ehemaligen Gebäude der "Hochschule für Welthandel" am Währinger Park. Nachdem zuletzt im Hauptgebäude am Ring nur das Gebäude des Mausoleums präsentiert worden war, wurden die architektonischen Einzelteile nun nach einer gründlichen Oberflächenreinigung und Wiederherstellung kleinerer Teile auf eine neue Grundplatte montiert. Die Arbeiten nahmen acht Monate in Anspruch und kosteten insgesamt 200.000,– Schilling.

Veranstaltungshinweise:

Dieses didaktische Architekturmodell, ein herausragendes Objekt der Archäologischen Sammlung der Universität Wien, soll hier stellvertretend auf das 150jährige Jubiläum des Faches Klassische Archäologie an der Universität Wien hinweisen und alle Interessierten sowohl zum Besuch der dokumentarischen Ausstellung als auch zum Festtag am 28. Juni einladen.

Literatur:

K. K. Österreichisches Archäologisches Institut, Der Palast Diokletians in Spalato, im Auftrage des k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht aufgenommen und beschrieben von George Niemann (Wien 1910). Exemplare im Bestand der UB Wien: Originalausgabe 1910 und Neudruck dieser Ausgabe
LANCIANI, R., Catalogo della Mostra Archeologica nelle Terme di Diocleziano (Bergamo 1911) 50 – 53 mit 3 Abb. [Modell in Rom] Exemplar im Bestand der UB Wien
DEMANDT, A., Die Spätantike. Römische Geschichte von Diocletian bis Justinian 284–565 n. Chr., HdA III, 6 (München ²2007) 57–75. Exemplare im Bestand der UB Wien
SZEMETHY, H., From Samothrace to Spalato-Split. The Architectural Drawings of Ancient Buildings and Sites by George Niemann (1841–1912), in: Cogitata tardere posteris. Figuratione dell'architettura antica nell'Ottocento. Atti della Giornata di studi "La documentazione grafica dei monumenti antichi nell'Ottocento. Tra tecniche e ideologia", Catania, 25 novembre 2009 (Rom 2010) 87–109 bes. 99 f. mit Abb. 17. Exemplar im Bestand der UB Wien
ERTEL, Chr., Der Diokletianspalast in Split – eine Kaiserresidenz in alten Mauern. Zeichnungen von Moritz Otto Kuntschik und George Niemann als Schlüssel zu einer Neuinterpretation, Kölner Jahrbuch 46, 2013, 141–171 bes. 141–143 mit Abb. 1. [Modell in Wien, Restaurierung 1992] Exemplar im Österreichischen Bibliothekenverbund vorhanden (ÖIA: ÖAW-Bibliothek in Wien)
SCHÖRNER, H., Von systematischer Vernachlässigung bis absichtlicher Zerstörung: Gipsabgüsse in Jenaer und Wiener Antikensammlungen im 20. Jahrhundert, in: L. Winkler-Horaček – A. Alexandridis (Hrsg.), Destroy the Copy II. International Conference on the Fate of Plaster Cast Collections, 8.–10. Oktober 2015, FU Berlin (im Druck).

Modell des rekonstruierten Diokletiansmausoleums mit umgebender Architektur in Split, 1910–1912

Text: Dr. Hadwiga Schörner; Foto: Kristina Klein; Rekonstruktionszeichnung aus: Niemann (1910) Tafel XII.