Stereoskop

Stereoskop

"Mercury" Stereoscope Viewer, zwischen 1900–1920
Underwood & Underwood Company, New York, USA
Holz, Metall, Glas, Samt
Maße: 23,5 x 18 x 12 cm
Inv.-Nr.: UniWien_Pflphy_Geräte_0001
Aus der Sammlung historischer Geräte des ehemaligen Instituts für Pflanzenphysiologie



"Theoretically, a perfect photograph is absolutely inexhaustible. In a picture you can find nothing which the artist has not seen before you; but in a perfect photograph there will be as many beauties lurking, unobserved, as there are flowers that blush unseen in forests and meadows. It is a mistake to suppose one knows a stereoscopic picture when he has studied it a hundred times by the aid of the best of our common instruments. Do we know all that there is in a landscape by looking out at it from our parlor-windows?"

Diese Zeilen von Oliver Wendell Holmes  (1809–1894) stammen aus dessen 1859 erschienen Artikel "The Stereoscope and the Stereograph"  und beschreiben überaus treffend auch unsere Erfahrung, die wir mit dem Stereoskop aus dem frühen 20. Jahrhundert und den dazugehörigen Stereofotografien gemacht haben: Stereoskopie vermittelt einen Eindruck von räumlicher Tiefe, indem zwei Teilbilder beim Betrachten zu einem räumlichen Gesamteindruck verschmelzen.

Die ersten Entwürfe für Stereoskope wurden bereits in den 1830er Jahren von Sir Charles Wheatstone  (1802–1875) veröffentlicht. Damit wurden Stereoskope zur selben Zeit wie die ersten praxistauglichen Verfahren für die Fotografie entwickelt. Diese Erfindungen erlaubten insbesondere ab 1860 das "virtuelle" Reisen um die Welt und ermöglichen uns heute einen Blick in die Vergangenheit. Mit dem Erleben dreidimensionaler, scheinbar lebensgroßer und sehr detailreicher Stereofotografien begeisterte schon die Great Exhibition  1851 in London ihre Besucherinnen und Besucher. Erst 1860, durch die Konstruktion eines einfacheren Modells mit zwei prismatischen Linsen, einer Holzfassung mit Griff und einer Bildhalterung durch Oliver Wendell Holmes, dem "Holmes Stereoskop", wurde diese Technik für weite Gesellschaftskreise zugänglich.

Firmen wie "Underwood & Underwood" warben erfolgreich mit Slogans wie "To Be In Arm’s Reach Of Distant Countries It Is Only Necessary To Be Within Arm’s Reach Of The Underwood Stereograph Travel System". Stereoskope und Sets diverser Stereofotografien aus aller Welt hielten Einzug in Wohn- und Klassenzimmer. Sogenannte "School Room Travel" - Sets konnten im Unterricht eingesetzt werden. Darunter gab es Sets zu Reisen in ferne Länder, Einblicke in landwirtschaftliche Prozesse und Kulturen aus aller Welt, botanische Exkursionen und Zusammenstellungen unterschiedlichster Tiere. Heute werden Stereoskope als Vorläufer von Virtual Reality und CGI ("Computer Generated Imagery") diskutiert. Gerade während des Corona-Lockdowns hat die Vernetzung über virtuelle Netzwerke, virtuelles Reisen und die Unterhaltung durch Filme etc. an Bedeutung gewonnen und – wie auch schon die Stereoskope – erneut zu einem Schrumpfen unserer Welt geführt.

Zwei "Mercury"-Stereoskope und ein "School Room Travel"-Set  mit Stereofotografien von landwirtschaftlichen Praktiken, diversen botanischen Motiven und kulturellen Einblicken traten im Zuge der Aufarbeitung und Inventarisierung der Sammlung des ehemaligen Pflanzenphysiologischen Instituts der Universität Wien ans Tageslicht, gefolgt von zahlreichen weiteren Schätzen, die uns Einblick in die Lehre und wissenschaftliche Praxis der letzten 150 Jahre gewähren. Auch in den Zoologischen und Anthropologischen Sammlungen wird gerade viel aufgearbeitet – trotz Einschränkungen durch den "Corona-Lockdown". Ziel dieses großen Projektes der Fakultät für Lebenswissenschaften ist es, die wissenschaftlichen (Lehr-)Sammlungen umfassend zu inventarisieren, zu übersiedeln und u. a. auch virtuell zugänglich zu machen, und damit einem breiten Publikum virtuelles Reisen in unsere Vergangenheit zu ermöglichen.

Weiterführende Literatur:

GUREVITCH, Leon (2012): The Birth of a Stereoscopic Nation: Hollywood, Digital Empire and the Cybernetic Attraction. Animation, 7 (3), S. 239–258. Online-Artikel 

JOHNSON, David (2017): Stereoscopes: Nineteenth-Century Virtual Reality Devices. Blogeintrag auf der Seite des NOMA (New Orleans Museum of Art) vom 17.10.2017. Online-Artikel 

HOLMES, Oliver Wendell (1859): The Stereoscope and the Stereograph. In: The Atlantic Monthly, June 1859. Online-Artikel 

MILLS, Virginia (2018): 180 years of 3D. Blogeintrag der "Royal Society" vom 14.08.2018. Online-Artikel 

McMURRY, Frank Morton [1915]: The world visualized for the classroom. 1000 travel studies through the stereoscope and in lantern slides, classified and cross referenced for 25 different school subjects, Teachers' manual. New York [1915]. Online-Artikel 

Stereoskop

Text und großes Foto: Mag.a Aicha Laarouchi & Daniela Vogl, BSc; Foto unten: Gregor Eder