Symposium: Strategien und Methoden zur Verarbeitung digitaler Daten

Unter dem Motto "Strategien und Methoden zur Verarbeitung digitaler Daten" lud die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) am bisher heißesten Donnerstag dieses Jahres, dem 13. Juni 2019 nachmittags, in Wien zu einem halbtägigen Symposium mit breitem Themenfächer  in das angenehm kühle Oratorium am Josefsplatz ein.
Anlass war die Präsentation zum Start von "ÖNB Labs" , einem "offenen Experimentierfeld" für die Nutzung digital(isiert)er ÖNB-Bestände und ihrer Metadaten: es soll damit geforscht, ausprobiert und auch künstlerisch-kreativ gearbeitet werden, so Max Kaiser und die Projektmanagerin Sophie-Carolin Wagner, die die vorwiegend englischsprachige Veranstaltung moderierte. Stefan Karner, einer der Entwickler, stand allen Vortragenden hilfreich zur Seite.

Im ersten Teil ging es dann tatsächlich ausschließlich um moderne Kunst!

Gene KOGAN  ließ die Zuhörerschaft mit zahlreichen, großteils erheiternden Beispielen seiner Computerkunstwerke die eigene künstlerische Entwicklung nachvollziehen, etwa beim Programmieren unter Nutzung von "machine learning"-Methoden. Aus echten Objekten auf digitalen Bildern, Landkarten oder Videos entstehen generierte: "Fake images", "Invisible Cities", "Dance moovies", ...
Auch ein rund um dieses Symposium abgehaltener Workshop mit ihm ist nachzuerleben (Aufzeichnung) .

Die junge Medienkünstlerin Sofia CRESPO  gestand ihre Neigung zur Biologie ein. Sie "schöpft ihre Modelle oft aus dem Meer", seit sie als Kind mit einer 3D-Brille eine (Kino-)Qualle auf sich zu schwimmen sah. Sie generiert aber auch künstliche Fossile, und hat in dem erwähnten Workshop digitalisierte historische Ansichtskarten aus dem Data-Set des ÖNB-Bestandes genutzt, um eine neue, fiktive "alte" Ansichtskarte entstehen zu lassen. Ihr Ansatz, etwa für eine computerkünstlerische Bearbeitung von Texten sind Markov-Ketten, und sie interessiert sich für das Zusammenspiel von Gehirnfunktionen und Kunst (z. B. in ihrem "Neural Zoo").

Nach der Pause stellte zunächst Mahendra MAHEY aus der British Library (BL), London, der Projektmanager von "BL Labs"  die dort bereits seit sechs Jahren wachsenden Erfahrungen mit GLAM-Labs (= Galleries, Libraries, Archives and Museums Labs) vor. Zwar hat auch er schon viel mit Künstlern zusammengearbeitet, aber es geht ihm v. a. um die Optimierung von Komponenten für eine allgemeine Benutzung der riesigen Bestände der BL, von denen erst 3% digitalisiert sind. Die Leute sollen im Sinne von "public use" in einer "Nuss-Schale" Vieles ausprobieren, was den Systembetreuern und -entwicklern wertvolle Erfahrungen liefert. Deshalb veranstaltet man seitens BL-Labs auch regelmäßig "Competitions", vergibt "Awards", fördert Ideenbringer und unterstützt Projekte (Rückblick: 2015–2018) . Ein besonders kantiger seiner zwölf prägnanten Tipps für Anbieter von digitalisierten Beständen lautet: "Reject perfectionism, enemy of rapid progress! Good enough is sometimes ... good enough! (This can be a difficult message for risk averse institutions!)" Sein Wiener Vortrag  kann nachgelesen werden.

Auch für "ÖNB-Labs" ist die sogen. "Re-usability" der Digitalisate ganz wesentlich. Gabriele HÖFLER stellte das ÖNB Labs-Projekt "Bring your Project" vor, und sich selbst als Entwicklerin: sie gibt Hilfestellung bei der Vorbereitung und Durchführung von Vorhaben, wenn mindestens Teile davon aus dem digitalen Bestand der ÖNB stammen.

Monika KOVARAOVA-SIMECEK von der FH St. Pölten brachte ein konkretes Anwendungsbeispiel aus der historischen Forschung, bei dem mittels Auswertung von Massendaten aus digitalisierten Zeitungsbeständen gearbeitet wurde. Sie stellte das Thema "Kulturgeschichte der Börsenberichterstattung in Wien - Digitale Visualisierungsstrategien" vor und erläuterte Methodik und Vorteile, die erst durch diese neue Art der Aufbereitung von Pressematerial und seine Durchsuchbarkeit ermöglicht wird.

Als nächstes stellte Barbara KLAUS von der Universität Innsbruck in ihrem Referat "ANNO Interface and Usability" die konstruktiv-kritischen Ergebnisse zur Nutzung von ANNO, dem digitalen Zeitungsarchiv der ÖNB, im Rahmen des EU-Projekts "NewsEye"  in den Raum. Alle Anregungen zur Verbesserung von Features haben, so Max Kaiser, gerade jetzt gute Chancen auf baldige Umsetzung, weil in etwa einem Jahr ein Relaunch geplant sei.

Ingo BÖRNER von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bewies in seinem Beitrag über "Schnitzlerorte und Linked Open Data", dass die Nutzung digitalisierter Materialien, in diesem Fall die Ansichtskarten-Sammlung der ÖNB, in Verbindung mit suchbaren Metadaten (hier: GeoNames ) auf bequemem Weg überraschend neue Forschungsergebnisse bringen können. Werkpassagen und Lebensspuren Arthur Schnitzlers im Franz-Joseph-Land ließen sich anhand einer alten Ansicht dieser Gaststätte im Wiener Prater nachträglich und sogar bildlich verorten.

Als letzter Vortragender dieses dichten Nachmittagsprogramms gewährte Andreas PREDIKAKA einen Blick in das Webarchiv der ÖNB: so, wie ein "Veränderungstracking" (etwa der laufende Preisvergleich einer Ware) in der Gegenwart durchgeführt werden kann, ermöglicht dies das Webarchiv mit Blick in die Vergangenheit. Durch die Auswertung von Metadaten via html-Seiten kann archivierter Webcontent im Rückblick Vergleichsdaten liefern. Eines seiner, durch Visualisierung sogen. "Merklisten" des jeweiligen Vergleichs, anschaulich gemachten Beispiele waren die 343 (!) Website-Versionen zur Zusammensetzung des österreichischen Nationalrates im Jahr 2015: die 16 resultierenden Veränderungen wurden als schematische Sitzverteilungsgrafiken visualisiert.

Zum Abschluss fand die angekündigte halbstündige Podiumsdiskussion statt, und als draußen die ersten Sektkorken hörbar wurden, lud die Moderatorin schnell nochmals zum Mitmachen ein. Sie kündigte auch die erste "ÖNB Labs Challenge 2019" samt Preisgeldern und Aussicht auf Veröffentlichung an.

Von rechtlichen Aspekten (etwa Nutzungsbedingungen), von formalen Fragen (etwa Erfassungsformate und Praxisregeln) oder von Metadaten und Standards war zwar nicht oft oder im Detail die Rede, aber – so mein Eindruck – werden sie mitgedacht, wie selbstverständlich vorausgesetzt und wohl implizit für unverzichtbar erachtet, damit Services für die Nachnutzung von digitalem Kulturerbe funktionieren und optimiert werden können. – Dr.in Margit Sandner (14. 6. 2019)