Modell von Ocythoe tuberculata Rafinesque, 1814 (hist. Philonexis catenulatus Férussac)
Leopold und Rudolf Blaschka, um 1888
Glas, bemalt
Maße: 20 x 16,5 x 6 cm
Inv.-Nr.: GM 105
Aus der Zoologischen Sammlung
Bereits 1775 wurde an der Universität Wien ein Naturhistorisches Museum eingerichtet, um den Studierenden dauerhaftes Anschauungsmaterial zur Vertiefung der erworbenen Kenntnisse zur Verfügung zu stellen. Diese Sammlung erfuhr über die folgenden Jahrzehnte kontinuierliche Zuwächse an Präparaten und bildete eine wichtige Säule der zoologischen und naturgeschichtlichen Ausbildung in Wien. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurde schrittweise damit begonnen, andere Objektarten, wie beispielsweise Wandtafeln und Modelle anzuschaffen, die sich in ganz anderer Art für die universitäre Wissensvermittlung nutzen ließen. In jene Zeit, in die auch die Zusammenlegung der bis dahin an verschiedenen Standorten aufgebauten zoologischen Institutssammlung im neuerrichteten Hauptgebäude am Ring fällt, datiert auch die Anschaffung einer außergewöhnlichen Kollektion von Glasmodellen, zu der auch das hier vorgestellte Modell eines Kopffüßers (Ocythoe tuberculata Rafinesque, 1814) zählt.
Das außergewöhnlich lebensechte Modell dieses Kraken stammt von Leopold (1822–1895) und Rudolf Blaschka (1857–1939), die ihre Werkstätte in Dresden hatten. Gemeinsam fertigten die beiden – Vater und Sohn – über Jahrzehnte hinweg biologische Glasmodelle in herausragender Qualität. Diese wurden in die ganze Welt, hauptsächlich an Museen, Universitäten und Schulen verkauft, nicht zuletzt um dem Bedürfnis nach immer realistischeren Nachbildungen für die Vermittlung von Art- und Formenkenntnis nachzukommen. In der ersten Schaffensphase waren es fast ausschließlich marine wirbellose Tiere, die die Blaschkas in Glas modellierten, während sie später – im Rahmen eines Exklusivvertrages mit dem Harvard Museum of Natural History in Cambridge (Massachusetts, USA) – ausschließlich botanische Darstellungen produzierten. Besonders bemerkenswert an den zoologischen Modellen ist wohl der Umstand, dass die Blaschkas die Mehrzahl ihre Studienobjekte höchstwahrscheinlich nie lebend zu Gesicht bekamen, sondern ihre Darstellungen ausschließlich anhand von Abbildungen, und fallweise wohl auch konservierten Exemplaren, anfertigten (Reiling 2000). Die Naturnähe, die sie auf diese Weise trotzdem erreichten, zeugt von einem hervorragenden Verständnis für Raumverhältnisse und Proportionen tierischer Organismen. Auch Farben und Texturen kommen den lebenden Organismen oftmals näher als die zugrunde liegenden Vorlagen und demonstrieren das umfassende Naturverständnis der beiden Glaskünstler.
Auch das hier vorgestellte Modell basiert ausschließlich auf einer publizierten Abbildung, und zwar zweier Farbtafeln in Jean-Baptiste Véranys (1800–1865) "Mollusques méditeranéens" aus dem Jahr 1851. Vérany, ein ausgebildeter Apotheker und Amateurzoologe, bildete in dieser umfassenden Arbeit praktisch alle zu dieser Zeit bekannten Kopffüßerarten des Mittelmeeres auf selbstgefertigten Illustrationen ab. Er schuf damit nicht nur ein wichtiges Grundlagenwerk, sondern lieferte auch anderen Künstlern Vorlagen für teilweise durchaus populäre Darstellungen von Vertretern dieser Tiergruppe (Dolan 2022).
Ocythoe tuberculata Rafinesque, 1814 ist eine vergleichsweise selten gefundene, wiewohl biologisch bemerkenswerte, Kopffüßerart die ihr ganzes Leben im freien Ozean, hauptsächlich nahe der Oberfläche, verbringt. Als einzige Vertreterin der Familie Ocythoidae Gray, 1849, zeigt sie einige Anpassungen an das Leben auf hoher See, die in keiner anderen rezenten Kopffüßergruppe zu finden sind. Die weiblichen Tiere besitzen beispielsweise als einzige Krakenart eine funktionelle, gasgefüllte Schwimmblase, die es ihnen erlaubt ihren Auftrieb zu regulieren. Darüber hinaus ist diese Art der einzige bekannte lebendgebärende Kopffüßer – der Nachwuchs wächst im vergrößerten Eileiter der Weibchen heran (Finn 2014).
Dieses Objekt wurde gemeinsam mit den weiteren 144 in der Zoologischen Sammlung aufbewahrten Blaschka-Glasmodellen im Rahmen des Projekts "Kulturerbe Digital an der Universität Wien" 3D-digitalisiert und ist nicht nur im universitätsweiten Repositorium PHAIDRA, sondern auch im nationalen Portal Kulturpool abrufbar. In weiterer Folge wird der Bestand auch in Europeana abrufbar sein. Der Import der Glasmodelle und der anderen im Rahmen des Kulturerbe Digital-Projekts digitalisierten und erschlossenen Objekte in den Kulturpool hat vor Kurzem begonnen; sie werden nun nach und nach freigeschaltet.
Projektwebsite "Kulturerbe Digital an der Universität Wien"
DOLAN, John R.: The Cephalopods of Jean-Baptiste Vérany: The beast and the beauties. In: Arts et sciences 7 (2) 2022, S. 1–18. Online abrufbar
FINN, Julian K.: Family Ocythoidea. In: Cephalopods of the world: An annotated and illustrated catalogue of cephalopod species known to date. Vol. 3. Octopods and Vampire Squids. Hrsg. v. Patrizia Jereb, Clyde F.E. Roper, Mark D. Norman und Julian K. Finn. Rom: FAO 2016. (= FAO Species Catalogue for Fishery Purposes 4) S. 237–239. Online abrufbar
REILING, Henri: The Blaschka’s glass animal models: Illustrations of 19th century zoology. In: Scientiarum Historia 26 (1/2) 2000, S. 131–143.
VÉRANY, Jean-Baptiste: Mollusques méditeranées: observés, décrits, figurés et chromolithographiés d'après le vivant. Vol. 1: Cèphalopodes de la Méditerranée. Genf 1851. Online abrufbar
Text: Mag. Simon Engelberger | Fotograf: Dominik Juchum