Walter Pichl (1912–1982)
Manuskript, 63 Seiten mit 2 Illustrationen
Text handschriftlich überw. in Wolof, teilw. in dt. Sprache
Signatur: A.1.3.16.
Aus der Fachbibliothek Afrikawissenschaften und Orientalistik
Das Manuskript "Die Sprache der Wolof. 2. Texte." gehört zum wissenschaftlichen Nachlass des Wiener Afrikanisten Walter Pichl (1912–1982), der an der Fachbibliothek Afrikawissenschaften und Orientalistik der UB Wien aufbewahrt wird. Die insgesamt 33 Großteils unveröffentlichten Manuskripte entstanden im Rahmen von Pichls sprachwissenschaftlichen Forschungen zu verschiedenen Sprachen Westafrikas, insbesondere während zahlreicher Forschungsaufenthalte im Senegal und in Sierra Leone zwischen den späten 1950er-Jahren und Pichls Tod im Jahre 1982. Pichls Interesse an afrikanischen Sprachen entwickelte sich während des Zweiten Weltkriegs: Als Dolmetscher der deutschen Wehrmacht war er 1940–1941 im Kriegsgefangenenlager Frontstalag 230 (auch Camp de la Chauvinerie) bei Poitiers im besetzten Frankreich eingesetzt, in dem vor allem Angehörige der französischen Kolonialtruppen – viele von ihnen aus Westafrika – interniert waren. Dort kam er erstmals intensiver mit westafrikanischen Sprachen in Kontakt (insbesondere Wolof) und fertigte erste Aufzeichnungen an. Unter den Gefangenen befand sich auch Léopold Sédar Senghor (1906–2001), Dichter, Intellektueller, Mitbegründer der Négritude-Bewegung und späterer erster Präsident des unabhängigen Senegal (1960–1980). Zwischen ihm und Pichl entstand eine lebenslange Freundschaft und Senghor wurde später einer der wichtigsten Förderer von Pichls Forschungen im Senegal. Der Austausch mit ihm und anderen Gefangenen bildete einen frühen Bezugspunkt für Pichls spätere wissenschaftliche Arbeit.
1957 veröffentlichte Walter Pichl seine Dissertation "Die Sprache der Wolof in Senegambien", die auf Daten basiert, die Pichl bei den Gefangenen im Lager in Poitiers gesammelt hatte. Wolof gehört zur atlantischen Gruppe der Niger-Kongo-Sprachen und wird vor allem im Senegal gesprochen, wo es die bedeutendste Verkehrssprache ist. In den folgenden Jahrzehnten beschäftigte Pichl sich mit diversen Sprachen im Senegal und Sierra Leone, darunter neben Wolof auch Sérèr-Sine, Sherbro und Krim. Einen wichtigen Schwerpunkt bildeten die Cangin-Sprachen, die im Umland der Stadt Thiès unweit der Hauptstadt Dakar gesprochen werden. Diese wurden von Pichl erstmals als eigene Sprachengruppe identifiziert und er prägte auch die bis heute gültige Bezeichnung „Cangin“.
Das Manuskript "Die Sprache der Wolof 2. Texte" nimmt innerhalb des Nachlasses von Walter Pichl eine besondere Stellung ein: Es ist das einzige der überlieferten Manuskripte, das vollständig handschriftlich verfasst wurde. Es handelt sich um eine Sammlung verschiedener Textsorten, die mit Ausnahme der Titel und einzelner Erläuterungen ausschließlich auf Wolof niedergeschrieben sind. Der Hauptteil umfasst Geschichten, die Pichl von Menschen aus dem Senegal erzählt wurden, deren Namen fallweise auch beim Titel der jeweiligen Erzählung vermerkt sind. Außer diesen Texten umfasst das Manuskript auch eine Sammlung von Liedern, Sprichwörtern und Rätseln. Der Entstehungszeitraum des Manuskriptes ist nicht bekannt.
Eine Einleitung oder sonstige Erläuterungen sind nicht vorhanden. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass es sich Großteils (möglicherweise ausschließlich) um Texte handelt, die Walter Pichl unter den Gefangenen in Poitiers gesammelt hat, da sich ausgewählte Texte auch schon in seiner Dissertation wiederfinden. Es könnte sich also um Beiwerk zu ebenjener handeln, die stark auf die strukturelle Beschreibung der Sprache fokussiert ist. Viele Überschneidungen gibt es auch mit den Texten in dem Manuskript „A Wolof Reader (Grammar notes, texts and vocabulary)“ aus dem Jahr 1972, in dem Pichl seine Forschungen zum Wolof zusammenfasst. Ob das Manuskript vollständig ist, lässt sich nicht feststellen. Es endet unvermittelt und die Nummerierung der Skizzentafeln (es gibt nur die Tafeln III und IV) legt nahe, dass weitere Teile geplant waren, die entweder nicht ausgearbeitet wurden oder nicht erhalten sind.
Einen gestalterisch besonderen Teil des Manuskripts bilden die Skizzen auf zwei Tafeln. Tafel III (siehe oben bzw. auf Seite 44 des Digitalisats) zeigt ein Boot mit der Beschriftung „Bei den Wolof v. St. Louis übliches Plankenboot”; auf der Seite davor sind Vokabeln zum Boot verzeichnet. Tafel IV (siehe unten bzw. auf Seite 51) enthält ein Webemuster aus der Gegend von Thiès sowie zwei Skizzen von Ringen.
Die Manuskripte des Nachlasses Walter Pichls sind Teil einer kolonial geprägten Wissensproduktion, deren Macht- und Ordnungsstrukturen bis heute fortwirken. Bezugnehmend auf das hier präsentierte Objekt wird das etwa durch die Machtverhältnisse, in die das Sammeln der Texte eingebettet war, deutlich: Im Frontstalag 230 in Poitiers, wo er als Dolmetscher der Wehrmacht unter Kriegsgefangenen der französischen Kolonialtruppen forschte. Auch die später entstandenen Materialien, die überwiegend nach dem Ende der formalen Kolonialherrschaft im Senegal und in Sierra Leone entstanden, waren in ihrer Entstehung und Überlieferung von kolonial geprägten, für die damalige Zeit typischen Forschungspraktiken bestimmt: Sprecher*innen wurden meist auf die Rolle von Informant*innen reduziert, ihre oft weit darüber hinausgehende Mitarbeit an der Forschung blieb weitgehend unsichtbar. Darüber hinaus gelangten die Materialien nach Europa, ohne dass die Beteiligten Zugang zu den Ergebnissen oder Einfluss auf deren weitere Verwendung hatten.
Die heutige Bearbeitung versteht den Bestand daher nicht nur als Quelle zur Sprachforschung, sondern auch als Zeugnis kolonialer Wissensproduktion. Sie will die Entstehungskontexte kritisch rekonstruieren und den Zugang gemeinsam mit den betroffenen Gemeinschaften neugestalten. Erste Schritte dazu erfolgten im aktuellen von der Stadt Wien geförderten Projekt „Das koloniale Erbe des Wiener Afrikanisten Walter Pichl”.
Dieses Manuskript wurde gemeinsam mit 32 weiteren Manuskripten aus dem Nachlass von Walter Pichl im Rahmen des vom Bundesministeriums für Kunst, Kultur, Medien und Sport (BMWKMS) aus Mitteln der Europäischen Union finanzierten Projekts "Kulturerbe Digital an der Universität Wien" digitalisiert und ist nicht nur im universitätsweiten Repositorium PHAIDRA, sondern auch im nationalen Portal Kulturpool abrufbar. In weiterer Folge wird der Bestand auch über Europeana zugänglich sein.
Der Import der im Rahmen des Kulturerbe Digital-Projekts digitalisierten und erschlossenen Objekte in den Kulturpool ist noch nicht abgeschlossen; die Digitalisate werden nun nach und nach freigeschaltet.
Text: Alexander Kupfer, BA | Scans: Universitätsbibliothek Wien