Wandtafel "Der Zellinhalt"

Wandtafel "Der Zellinhalt"

Wandtafel Nr. 3 der „Anatomischen Reihe“ von Otto Schmeil (1860–1943) und Hans Meierhofer (1874–1966), 1913
Verlag Quelle & Meyer, Leipzig
Chromolithografie
Papier auf Leinwand, Holz
Maße: 144 x 116 cm
Inv.-Nr.: HSBB/W020
Aus der Wandtafelsammlung des Departments für Botanik und Biodiversitätsforschung


„Es ist auch gar kein Zweifel, daß die Tafeln in jedem Betracht auch das Beste sind, was der Schule in dieser Art bisher geboten worden ist: keins der früheren und gleichzeitigen Unternehmungen kann sich mit diesem messen“ urteilte der deutsche Zoologe und Direktor der zoologischen Station in Rovigno Thilo Krumbach (1874–1949) über die „Wandtafeln für den zoologischen und botanischen Unterricht“, die von Otto Schmeil (1860–1943) ab 1903 herausgegeben wurden. Aus rein deutscher Sicht innerhalb eines Zirkels von Personen um Schmeil, die den biologischen Schulunterricht reformierten, mag dies richtig gewesen sein. Aus österreichischer Perspektive ist sicherlich auch Paul Pfurtscheller (1855–1927) mit seinen ab 1902 in Wien erschienenen zoologischen Tafeln als erhebliche didaktische und ästhetische Konkurrenz zu werten.

Bis 1914 waren insgesamt 27 Tafeln unter dem Titel „Schmeils zoologische Wandtafeln“ und 13 Tafeln unter dem Titel „Schmeils botanische Wandtafeln“ erschienen, die sich auch alle als Illustrationen in Schmeils Lehrbüchern finden. Dabei bediente sich Schmeil der Hilfe von zwölf Illustratoren - darunter sowohl Tier- und Pflanzenmaler wie Walter Heubach (1865–1923), Comingio Merculiano (1845–1915) und Paul Klapper (1863–1928) - als auch Fachwissenschaftler wie Friedrich Georg Kohl (1855–1910) und Carl Tönniges (1869–1948). Ergänzend zu den botanischen Tafeln gab Schmeil zwischen 1912 und 1913 sechs Tafeln der „Anatomischen Reihe“, gezeichnet von Hans Meierhofer (1874–1966) aus Zürich, heraus. Diese Darstellungen beruhten, in Schmeils eigenen Worten, „auf genauesten Naturstudien und enthalten etwa den Stoff, der für höhere Schulen in Betracht kommt“. Im Gegensatz zu den zoologischen und allgemein botanischen Wandtafeln, die für den Mittelschul-Unterricht konzipiert waren, war die Anatomische Reihe didaktisch doch deutlich anspruchsvoller und eignete sich in erster Linie für Universitäten. Sie bildet wohl, zusammen mit einigen Wandtafeln von Émile Deyrolle (1838–1917), Gaston Bonnier (1853–1922) und Louis Mangin (1852–1937), sowie manchen Großdrucken von Leopold Kny (1841–1916) und Arnold Dodel-Port (1843–1908), die größten jemals publizierten Zelldarstellungen. Erläuterungen zu den Tafeln mit Größenangaben der einzelnen Darstellungen erschienen als Einblattdrucke.

Tafel 1 ("Die Zelle und ihre Teilung"), Tafel 2 ("Die Zellwand") und Tafel 6 ("Das Assimilationsgewebe") der Anatomischen Reihe erschienen bereits 1912, im Jahr 1913 folgten dann Tafel 3 ("Der Zellinhalt"), Tafel 4 ("Das Hautgewebe, 1. Hälfte") und Tafel 5 ("Das Hautgewebe, 2. Hälfte"). Bis zum Jahr 1926 lagen dann insgesamt 27 zoologische, 15 botanische und sieben pflanzenanatomische Wandtafeln vor, wie ein Eintrag im „Handbuch für das ländliche Fortbildungsschulwesen in Preußen“ (1926, S. 304) zeigt. Zwischenzeitlich war die botanische Serie noch um zwei Tafeln mit dem Titel „Häufige eßbare, ungenießbare und giftige Pilze“ mit Illustrationen von Emil Doerstling (1859–1940) erweitert worden, die Anatomische Reihe hatte eine siebente Tafel von Meierhofer mit dem Titel „Das Leitungs- und Festigkeitsgewebe“ erhalten. Insgesamt waren offenbar neun Tafeln der Anatomischen Reihe geplant gewesen, realisiert wurden jedoch nur sieben.

Tafel 3 der Anatomischen Reihe zeigt unter Figur 1 einen Harzgang in der Epidermis des nadelförmigen Blattes der Waldkiefer (Pinus sylvestris) im Querschnitt, unter Figur 2 Calciumoxalat-Kristalle aus der Rinde der Gewöhnlichen Rosskastanie (Aesculus hippocastanum), unter Figur 3 Raphiden aus einer Wurzel der Gartenhyazinthe (Hyacinthus orientalis), unter Figur 4 eine Calciumoxalat-Druse im Blatt des Sibirischen Rhabarbers (Rheum rhaponticum) und unter Figur 5 zusammengesetzte Stärkekörner aus der Frucht des Hafers (Avena sativa). Mittig wird sehr prominent der Querschnitt durch die Randpartie eines Roggenkornes (Secale cereale) gezeigt, bei der unter der Fruchthülle und der Samenhaut mit Aleuronkörnern prall gefüllte Zellen der sogenannten „Kleberschicht“ anschließen. Figur 7 illustriert korrodierte Stärkekörner der Gerste (Hordeum vulgare), Figur 8 eine Öldrüse aus dem Laubblatt des Echten Johanniskrautes (Hypericum perforatum), Figur 9 Milchsaftröhren aus dem Stängel des Schöllkrauts (Chelidonium majus) und Figur 10 schließlich den Querschnitt durch die Randpartie einer Kartoffel-Knolle (Solanum tuberosum), bei der unter plattenförmigen Zellen der Korkschicht zahlreiche Zellen mit exzentrisch gelagerten Stärkekörnern liegen. Das untenstehende Abschluss-Bild zeigt einen Ausschnitt aus Tafel 6 der Anatomischen Reihe: Mittig wird wunderbar ornamental der Querschnitt durch ein Blatt der Rotbuche (Fagus sylvatica) präsentiert, links davon der Querschnitt durch ein nadelförmiges Blatt des Gemüse-Spargels (Asparagus officinalis), rechts davon der Querschnitt durch die Randpartie einer Kiefern-Nadel (Pinus sylvestris).

Der Illustrator und eigentliche Ausführende der anatomischen Reihe, Hans Meierhofer, wurde am 7. Oktober 1874 in Weiach (Kanton Zürich, Schweiz) geboren und wuchs als "Verdingkind" in ärmlichen Verhältnissen bei einer nordzürcherischen Bauernfamilie auf. Hier brachte die tägliche Arbeit den Buben in direkten Kontakt mit der lebendigen Natur und legte den Keim für seine später anhaltende Naturbegeisterung. Von 1890 bis 1894 besuchte er das Lehrerseminar in Küsnacht und wurde 1896 zunächst als Primarlehrer angestellt, entschloss sich dann jedoch zu einem vollwertigen akademischen Studium an der Universität Zürich. 1901 promovierte er hier bei Arnold Dodel-Port über die Entwicklungsgeschichte des Wasserschlauches (Utricularia) und erwarb sich 1904 das Patent als Sekundarlehrer. 1912 übernahm Meierhofer das Amt eines Sekretärs der kantonalen Erziehungsdirektion und wirkte von 1916 bis 1940 als Professor für Biologie, Chemie und Warenkunde an der Handelsabteilung der Höheren Töchterschule in Zürich. Seit 1905 mit Maria Leber (1876–1966) verheiratet und 1906 zum Bürger von Zürich ernannt, verstarb Hans Meierhofer hier im Jahr 1966. Auch an Tafel 12 ("Sonnentau und Fettkraut") der botanischen Serie von Schmeil als Mitarbeiter beteiligt, gab Meierhofer 1930 bis 1933 insgesamt 23 Wandtafeln unter dem Titel „Biologische Tafeln | Tables biologiques“ heraus, die sich in drei Serien gliederten: Die erste Serie war der Botanik gewidmet, die zweite Serie trug den Titel „Der menschliche Körper“, die dritte Serie schließlich befasste sich mit der Zoologie. Erläuterungen zu den in Zürich von der Gebrüder Fretz AG gedruckten Tafeln erschienen unter dem Titel „Wegleitung zum Gebrauch der biologischen Tafeln“.

Die Universität Wien besitzt in der Wandtafelsammlung des Departments für Botanik und Biodiversitätsforschung insgesamt acht botanische Tafeln von Otto Schmeil: Von der Anatomischen Reihe sind Tafel 2, 3, 4 und 5 in 5 Exemplaren vorhanden, dazu kommen Tafel 8 ("Getreiderost", erschienen 1906) und Tafel 12 ("Sonnentau und Fettkraut", erschienen 1912) in 3 Exemplaren. Sie bildeten ursprünglich einen Teil der Lehrmittelausstattung im Bereich der Pflanzenphysiologie des alten Biozentrums und wurden teilweise 2013 restauriert und fotografiert. Im Rahmen des Umzugs in das neue Biology Building der Universität Wien gelangten sie im Frühjahr 2021 in den Bestand der Historischen Sammlung des Departments für Botanik und Biodiversitätsforschung.

Die Autoren danken Samira Kunz und Michael Gasser vom Hochschularchiv der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich für biographische Materialien zu Hans Meierhofer.

Literatur:

Degler, Wiebke / Juen, Adrian / Klinger, Kerrin / Markert, Michael (2020): Staging nature in twentieth-century teacher education and classrooms.- Paedagogica Historica, 56 (1/2): 121–149. Online verfügbar über die UB-Wien

Höhn, Walter (1954): Hans Meierhofer. Zum 80. Geburtstag. Neue Zürcher Zeitung vom 07.10.1954.

Quelle & Meyer (1931): Verzeichnis aller Veröffentlichungen des Verlages Quelle & Meyer Leipzig, 1906–1931.- XI, 312 S., Leipzig: Quelle & Meyer.

Schenk, Anette (2000): Otto Schmeil. Leben und Werk.- Monographien zur Geschichte der Pharmazie, 2: 248 S., Heidelberg: Palatina Verlag.

Schinz, Hans (1913): [Bücherbesprechungen] Schmeil, Botanische Wandtafeln: Anatomische Reihe.- Naturwissenschaftliche Wochenschrift, N.F. 12 (= 28): S. 495–496.

Schmidt, Jutta (1984): Die „biologischen“ Wandbilder von Otto Schmeil. In: Hans Brög et al.: Die weite Welt im Klassenzimmer. Schulwandbilder zwischen 1880 und 1980 (= Schriften des Rheinischen Museumsamtes, 29), Köln: Rheinland-Verlag, S. 81–89.

Schoenichen, Walther (1914): Methodik und Technik des naturgeschichtlichen Unterrichts.- Handbuch des naturwissenschaftlichen und mathematischen Unterrichts, 5: XIV, 611 S., Leipzig: Quelle & Meyer.

Wandtafel "Der Zellinhalt"

Text: Mag. Matthias Svojtka & Mag. (FH) Mehran Djawadi, Fotos: Foto Leutner (Wien) und Mag. (FH) Mehran Djawadi