Zoologische Wandtafel von Rudolf Leuckart, 1892
Wandtafel Nr. 89, Serie I
Kolorierte Lithographie
Papier auf Leinwand, Holz
Maße: H 140 cm x B 104 cm
Aus der Wandtafelsammlung des Departments für Evolutionsbiologie
Spätestens in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts kamen großformatige Illustrationen, sogenannte Wandtafeln, für den Gebrauch in Schulen und Universitäten stark in Mode. Wandtafeln zählen generell zu den erfolgreichsten Unterrichtsmedien, da sie seit ihrer Erfindung in den späten 1830er Jahren bis heute in Schulen und Universitäten verwendet werden. Die Thematik der dargestellten Inhalte erstreckt sich über sämtliche Wissensbereiche: von Agrarwissenschaft, Astronomie, Botanik, Geographie, Geschichte und den Geowissenschaften über Ethnologie, Human- und Veterinärmedizin bis hin zu allgemeiner Sachkunde, Physik, Chemie und Zoologie. Der große Erfolg dieses Mediums verdankt sich der hohen Qualität der Produkte. Dies betrifft nicht nur die Materialität dieser für gewöhnlich auf Leinwand aufgezogenen und mittels zweier Holzstäbe fixierten Großdrucke, sondern auch die Art der Darstellung, die vor allem jene Wandtafeln aus den Serien der Blütezeit dieses Mediums zwischen 1870–1920 heute zu begehrten Dekorationsobjekten macht. Besonders werden sie aber in erster Linie durch ihre Inhalte: den Menschen, Tiere und Pflanzen in ihren unterschiedlichsten Formen, dargestellt in einprägsamen Bildern, die das sichtbar zu machen vermögen, was an den Organsimen selbst oftmals nicht oder nur sehr schwer zu erkennen ist. Wandtafeln wurden in großem Umfang überwiegend in Europa hergestellt und weltweit vertrieben.
Unter diesen meist in Serien publizierten Wandtafeln sticht vor allem ein Unterfangen heraus, das sich einerseits durch den Umfang und andererseits, noch viel deutlicher, durch den hohen wissenschaftlichen Anspruch auszeichnet: Die Zoologischen Wandtafeln, initiiert und herausgegeben von Rudolf Leuckart (1822–1898), gemeinsam mit Hinrich Nitsche (1845–1902) bzw. später Carl Chun (1852–1914). Im Zeitraum zwischen 1877 und 1892 wurden im Rahmen von zwei Serien 101 Wandtafeln publiziert, wobei jede Tafel von einem detaillierten, in drei Sprachen (englisch, deutsch, französisch) verfassten Beschreibungsheft begleitet wurde (Zacharias 2002). Letztere ermöglichten es erst, die Darstellungen vollständig zu erfassen und zu verstehen, da die großformatigen Drucke selbst keinerlei Legende oder schriftliche Erklärung aufweisen. Leuckart, der die Herausgabe der Tafeln inne hatte und einen Teil derselben auch selbst ausführte, engagierte für die Bearbeitung vieler Tiergruppen anerkannte Spezialisten jener Zeit, was die herausragende Qualität der dargestellten Inhalte erklärt.
Unter den Bearbeitern für einzelne Tiergruppen finden sich weithin bekannte Zoologen wie Friedrich Blochmann (1858–1931), Carl Chun, Karl Möbius (1825–1908) oder Wladimir Schewiakoff (1859–1930). Auch zwei (später) an der Universität Wien Lehrende sind darunter, nämlich Berthold Hatschek (1854–1941) und Karl Grobben (1854–1945). Die hier besprochene Wandtafel, die in zwei Kopien in der Wandtafelsammlung des Departments für Evolutionsbiologie der Universität Wien erhalten ist, wurde unter Federführung von Karl Grobben ausgeführt. Grobben, der seine gesamte akademische Karriere an der Universität Wien absolvierte, war ein weithin anerkannter Spezialist für wirbellose Tiere – insbesondere für die Anatomie, Morphologie und Entwicklungsbiologie von Krebs- und Weichtieren (Mollusken). Für die Zoologischen Wandtafeln entwarf er, zu jener Zeit bereits habilitiert an der Universität Wien, zwei Darstellungen (Tafel Nr. 77 und 89, beide 1892 publiziert [Zacharias 2002]) zur Anatomie und Morphologie von verschiedenen Muscheln („Lamellibranchiata“), einer Tiergruppe, zu der er damals bereits umfangreich geforscht hatte.
Die rund 250 Zoologischen Wandtafeln von Rudolf Leuckart, die sich in der Wandtafelsammlung des Departments für Evolutionsbiologie befinden, waren jüngst Gegenstand eines Abschlussprojekts im Rahmen des Universitätslehrgangs "Library and Informationstudies" an der Universitätsbibliothek Wien. Dabei ging es um die genaue Untersuchung der dargestellten Inhalte, deren Vorlagen und weitere Verwendung. Dafür wurden eingehende Recherchen zu den beteiligten Wissenschaftlern betrieben und die zeitgenössische Fachliteratur durchgesehen. Für viele Tafeln konnten erstmals die publizierten Vorlagen und deren weiteren Publikationen eindeutig zugeordnet werden – so auch für die gezeigte Wandtafel Nr. 89 "Trigoniidae, Siphoniata".
Für die Tafel Nr. 89 („Trigoniidae, Siphoniata“) lässt sich, nicht zuletzt auf Grund der detaillierten Beschreibung im Begleitheft, die Herkunft der verwendeten Abbildungen genau nachvollziehen. Grobben, der ein talentierter Zeichner war und viele seiner wissenschaftlichen Arbeiten selbst illustrierte, fertigte auch für diese Publikation drei Abbildungen (Abb. 1, 2 & 4) selbst an, inkludierte aber auch, teilweise leicht verändert, Abbildungen aus Werken anderer Wissenschaftler der Zeit (Abb. 3, 5–7). Im Begleittext zur Tafel sind die drei von Grobben stammenden Illustrationen als „Original“ angeführt und tatsächlich handelt es sich dabei um Zeichnungen, die er offenkundig um 1890 ausgeführt hatte. Eine der drei Abbildungen (Abb. 2) hatte er selbst kurz zuvor in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung zum Kreislaufsystem der Muscheln publiziert (Grobben 1891). Abbildung 1 hingegen – darstellend die Anatomie einer Warzigen Herzmuschel (Acanthocardia tuberculata) – findet sich erstmalig in der fünften Auflage des, damals bereits weit verbreiteten, „Lehrbuch der Zoologie“ von Grobbens Doktorvater und Leuckart-Schüler Carl Claus (1835–1899).
Dieses „deutschsprachige [Zoologie-]Lehrbuch schlechthin“ (Salvini-Plawen & Mizzaro 1999) erlebte bis 1932 noch fünf weitere Auflagen – nach Claus' Tod fortgeführt von Grobben –, wobei die Abbildung der Warzigen Herzmuschel jedes Mal unverändert übernommen wurde (Claus 1897, Claus & Grobben 1905, 1910, 1917, Claus, Grobben & Kühn 1932). Zählt man die Reprint-Ausgabe des Lehrbuchs von 1971 hinzu, so fand diese Illustration über 80 Jahre hinweg Eingang in die wissenschaftliche Literatur und diente Generationen von Studierenden als Hilfe beim Verständnis der inneren Organisation von Weichtieren. Darüber hinaus konnten auch die Vorlagen der anderen Darstellungen identifiziert werden: Es handelt sich dabei um Abbildungen aus Veröffentlichungen von Jean Louis Armand de Quatrefages de Bréau (1810–1892), Ernst Albert Egger (1864–1887), Melchior Neumayr (1845–1890) und Karl Alfred von Zittel (1839–1904).
CLAUS, Carl: Lehrbuch der Zoologie. 5. Auflage, Marburg: Elwert'sche Verlagsbuchhandlung 1891. Exemplar im Bestand der UB Wien
CLAUS, Carl: Lehrbuch der Zoologie. 6. Auflage, Marburg: Elwert'sche Verlagsbuchhandlung 1897. Exemplar im Bestand der UB Wien
CLAUS, Carl (Begr.) / GROBBEN, Karl: Lehrbuch der Zoologie. 7. Auflage, Marburg: Elwert'sche Verlagsbuchhandlung 1905. Exemplar im Bestand der UB Wien
CLAUS, Carl (Begr.) / GROBBEN, Karl: Lehrbuch der Zoologie. 8. Auflage, Marburg: Elwert'sche Verlagsbuchhandlung 1910. Exemplare im Bestand der UB Wien
CLAUS, Carl (Begr.) / GROBBEN, Karl: Lehrbuch der Zoologie. 9. Auflage, Marburg: Elwert'sche Verlagsbuchhandlung 1917. Exemplare im Bestand der UB Wien
CLAUS, Carl (Begr.) / GROBBEN, Karl / KÜHN, Alfred: Lehrbuch der Zoologie. 10. Auflage, Wien, Berlin: Springer 1932. Exemplar im Bestand der UB Wien
CLAUS, Carl (Begr.) / GROBBEN, Karl / KÜHN, Alfred: Lehrbuch der Zoologie. Spezieller Teil. Reprint aus der 10. Auflage. Wien, Berlin: Springer 1971. Exemplare im Bestand der UB Wien
de QUATREFAGES, Jean Louis Armand: Études embryogéniques. Mémoire sur l’embryogénie des tarets. In: Annales des sciences naturelles, Zoologie 11 (1849). S. 202–228. Online verfügbar
EGGER, Ernst Albert: Jouannetia cumingii Sow. Eine morphologische Untersuchung. In: Arbeiten aus dem Zoologisch-Zootomischen Institut in Würzburg 8 (1888). S. 129–199. Online verfügbar
GROBBEN, Karl: Über den Bulbus arteriosus und die Aortenklappen der Lamellibranchiaten. In: Arbeiten aus dem Zoologischen Institute der Universität Wien und der Zoologischen Station in Triest 9/2 (1891). S. 163–178. Online verfügbar
NEUMAYR, Melchior: Zur Morphologie des Bivalvenschlosses. In: Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Mathematisch-naturwissenschaftliche Classe. Erste Abtheilung 88/2 (1884). S. 385–418. Online verfügbar
SALVINI-PLAWEN, Luitfried / MIZZARO, Maria: 150 Jahre Zoologie an der Universität Wien. Wien 1999 (=Verhandlungen der Zoologisch-Botanischen Gesellschaft in Österreich 136). Exemplare im Bestand der UB Wien
ZACHARIAS, Helmut: Sensuousness in science. The Wandtafel company of Rudolf Leuckart. In: Visual Zoology. The Pavia Collection of Leuckart's zoological wall Charts. Hrsg. v. Carlo Alberto Redi, Silvia Garagna, Maurizio Zuccotti, Ernesto Capanna und Helmut Zacharias. Como: Ibis 2002. Exemplar im Bestand der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
ZITTEL, Karl Alfred v.: Mollusca und Arthropoda. In: Handbuch der Palæontologie, I Abtheilung, Palæozoologie, Band 2. München, Leipzig: R. Oldenbourg 1885. Online verfügbar
Text und Projektbetreuung: Mag. Simon Engelberger & Mag.a Claudia Feigl | Foto: Fotostudio Leutner | Projektdurchführung: Matthias Graf, Jacqueline Huber, Daniela Lentsch, Csaba Molnar und Franziska Wakonig