Alejandro Camasca, 2025
Ayacucho, Peru
Maße: L 43,7 x B 13 x T 5,4 cm
Inschrift: Museo del Charango Ayacuchano Camasca. Jr. Dos de Mayo 722
Inv.-Nr.: 00093
Aus der Musikinstrumentensammlung
Diese Nachbildung des Charangos „Pajaicito“ (= kleiner Vogel) wurde in der südperuanischen Stadt Ayacucho vom Luthier (= Gitarren- bzw. Saiteninstrumentenbauer) Alejandro Camasca gefertigt. Ihr Bau orientiert sich an den Modellen seines Großvaters Claudio Camasca (1894–1960), einem renommierten Meisterluthier. Charangos sind kleine Chordophone aus den Anden, über deren Ursprünge aufgrund mangelnder Quellenlage wenig gesichert ist: neben wissenschaftlichen Forschungen zählen Erzählungen und Mythen zu den Hauptquellen. Trotz diverser Widersprüche wird angenommen, dass das Instrument in der Andenregion des heutigen Bolivien und Peru zur Zeit der spanischen Kolonialisierung durch Aneignung lautenähnlicher Instrumente der Kolonialmächte entstand. Die unsicheren Quellenlage hat zur Folge, dass bis heute Debatten zwischen Bolivien und Peru über die nationale Zugehörigkeit des Instruments geführt werden.
Auch sind die Bedeutung und der Ursprung des Begriffs "Charango" nicht geklärt. Im Allgemeinen wird mit Charango ein fünfseitiges, lautenähnliches Saiteninstrument bezeichnet, dessen Korpus aus Holz oder Gürteltierpanzer gefertigt ist. In europäischen Museen wird das Charango eng mit dem Gürteltier verknüpft, sodass die Vorstellung entstand, Charangos würden grundsätzlich aus Gürteltierpanzer hergestellt. Diese Aussage ist stark vereinfachend und so nicht richtig: Tatsächlich wurden und werden für den Charango-Bau auch andere Materialien verwendet, vor allem Holz. Bis heute bestehen mehrere Bezeichnungen für das Charango bzw. charangoähnliche Instrumente, etwa Walaycho, Ayquileno, Kiriki, Maulincho, Chillador und Khonkhota.
Das gezeigte Instrument hat eine Länge von 43,7 cm und ist folgendermaßen gestimmt: E-A-EC-G. Das „Pajaicito“ besteht aus Kiefer- und Walnussholz und verfügt über ein Griffbrett mit nur fünf Bünden – obwohl seine Länge die Anbringung weiterer Bünde erlauben würde. Es ist mit fünf Darmsaiten bespannt, die aufgrund der rustikalen Bauweise nicht gestimmt werden können. Trotz der fünf Saiten ist das Instrument mit sechs hölzernen Wirbeln ausgestattet.
Der Korpus zeigt ein einziges dekoratives Motiv: die Darstellung eines Charangos und eines Vogels rund um den Steg. Darunter ist der Name des Ausstellungsortes zu sehen – das "Museo del Charango Ayacuchano" der Familie Camasca, einer Kunsthandwerkerfamilie, deren Tradition über mehrere Generationen bewahrt wurde. Eine Besonderheit dieses Museums ist, dass neben den Musikinstrumenten auch die Werkzeuge zu sehen sind, mit denen die Instrumente hergestellt werden. Dieses Charango wurde speziell für die Musikinstrumentensammlung der Universität Wien angefertigt.
Charango. Ein Instrument – viele Facetten
Am 29. Jänner 2026 wurde eine Ausstellung eröffnet, die sich ganz dem Charango widmet. Sie wurde im Rahmen zweier Lehrveranstaltungen gemeinsam mit Studierenden geplant und realisiert und lädt dazu ein, das Charango anhand ausgewählter Instrumente, Texte, Werkzeuge und Fotografien in seiner Vielfalt kennenzulernen. Auch die Nachbildung des Charangos „Pajaicito“ ist zu sehen.
Videoaufnahmen von Musikern und Einblicke in Charango-Museen und -Werkstätten in Bolivien und Peru ergänzen die Schau. Eine digitale Erweiterung der Ausstellung ist in Vorbereitung.
Institut für Musikwissenschaft, Pausenraum (1. Stock)
Spitalgasse 2, Hof 9, 1090 Wien
MENDÍVIL, Julio: Nuevas y no tan nuevas noticias sobre el charango. In: Revista de investigación Rodolfo Holzmann 2/1 (2023) Online verfügbar
MENDÍVIL, Julio: La construcción de la historia: el charango en la memoria colectiva mestiza ayacuchana. In: Julio Mendívil (Hrsg.): El charango. Historias y Tradiciones Vivas. Wien/Caracas: Fundación Celarg. Colección Francisco Curt Lange de Musicología / Hollitzer Verlag 2018. S. 104–123. Exemplare im Bestand der UB Wien
MENDÍVIL, Julio: “¿Hermanando pueblos? Las historias del charango y los discursos nacionalistas en Bolivia y Perú”. In: Julio Mendívil (Hrsg.): El charango. Historias y Tradiciones Vivas. Wien/Caracas: Fundación Celarg. Colección Francisco Curt Lange de Musicología / Hollitzer Verlag 2018. S. 265–94. Exemplare im Bestand der UB Wien
MENDÍVIL, Julio: Sobre nacionalismos y el origen del charango. Online-Aufsatz auf "Suburbano" vom 25.11.2014 Online verfügbar
MENDÍVIL, Julio: The Construction of History: The Charango and the Collective Memory of Mestizo Ayacucho. In: Javier León & Helena Simonett (Hrsg.): A Latin America Music Reader. Illinois: University of Illinois Press 2016. S. 146–160. Online verfügbar über die UB Wien
TURINO, Thomas: Tradiciones de Charango en el Perú. In: Julio Mendívil (Hrsg.): El Charango. Historias y Tradiciones Vivas. Wien/Caracas: Fundación Celarg. Colección Francisco Curt Lange de Musicología / Hollitzer Verlag 2018. Exemplare im Bestand der UB Wien
Julio Mendívil: «La familia Camasca está dentro de una tradición mayor de lutieres peruanos». Online-Beitrag auf "Huamangazo" vom 31.08.2025 Online verfügbar
Etnomusicólogo Julio Mendívil elogia Museo del Charango Ayacuchano y anuncia próximas investigaciones. In: Hocicón. El Diario del Pueblo. Zeitungsartikel vom 02.09.2025 Online verfügbar
Text: MMag.a Elisabeth Magesacher und Univ.-Prof. Dr. Julio Mendívil, M.A. | Fotos: David More