Marie Reidemeister verh. Neurath (1898–1986)
London: Parrish, 1948.
Gebunden, mit zahlreichen farbigen Illustrationen
Maße: 19 x 22 cm
Signatur: NEURATH-6600/ISOTYPE-9
Aus dem Paul F. Lazarsfeld Archiv, Nachlass von Paul Martin Neurath
Im Nachlass des Soziologen Paul Martin Neurath (1911–2001) am Paul F. Lazarsfeld Archiv befinden sich etwa 50 englischsprachige Kinderbücher, die von Marie Neurath (1898–1986) zwischen 1948 und 1968 veröffentlicht wurden. Dazu zählt auch das preisgekrönte Werk "Railways under London". Erstellt wurden diese Sachkinderbücher von Marie Neurath und ihrem Team am Isotype Institute in Oxford/London, welches von 1942 bis 1972 bestand.
Marie Neurath wurde am 27. 5. 1898 als Marie Reidemeister in Braunschweig (Deutschland) geboren. Einer ihrer Brüder war der später bekannte Mathematiker Kurt Reidemeister (1893–1971), welcher großen Einfluss auf ihre Arbeit hatte. Marie Reidemeister besuchte die städtische höhere Mädchenschule in Braunschweig, machte dort 1917 ihr Abitur und studierte Mathematik und Physik an den Universitäten Braunschweig, München, Berlin und Göttingen, wo sie auch das Staatsexamen ablegte. Eine Zeit lang besuchte sie zudem die Kunstakademie. Durch ihren Bruder Kurt lernte Marie Reidemeister in Wien Otto Neurath (1882–1945) kennen, dem sie sich von Beginn an verbunden fühlte. Ab 1925 arbeitete sie im Team des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums, wo sie maßgeblich an der Entwicklung und Verbreitung der „Wiener Methode der Bildstatistik“ – später Isotype (International System of Typographic Picture Education), einer Methode zur bildlichen Darstellung statistischer Zusammenhänge – beteiligt war. Gemeinsam mit Otto Neurath gestaltete sie zahlreiche Ausstellungen, 1930 war sie zudem Gastlehrerin in Moskau am Institut Izostat. Marie Reidemeister, Otto und dessen Ehefrau Olga Neurath (1882–1937) emigrierten 1934 nach Holland. Dort arbeitete Marie Reidemeister in der von Otto Neurath gegründeten "International Foundation for Visual Education" in Den Haag mit. Nach dem Tod Olga Neuraths mussten Marie Reidemeister und Otto Neurath 1940 erneut vor den Nationalsozialisten fliehen. In Großbritannien angekommen, wurden sie zunächst als „enemy aliens“ interniert, ehe sie ihre Arbeit fortsetzen konnten. Marie und Otto Neurath heirateten 1941 und gründeten ein Jahr später das "Isotype Institute" in Oxford, welches Bildstatistiken und Materialien für unterschiedliche Publikationen und Filme herstellte. Marie Neurath führte das Institut nach Otto Neuraths Tod 1945 weiter.
Im April 1948 ging Marie Neurath nach London und beschäftigte sich nun vor allem mit der Produktion und Gestaltung von Kinderbüchern. Sie veröffentlichte vorwiegend Bücher zu natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Themen, in denen sie die Methoden der Isotypie als Konzept einer visuellen Erziehung anwandte. An den Kinderbüchern arbeiteten verschiedene Expert*innen mit, so redigierte beispielsweise der Atomphysiker Otto Robert Frisch (1904–1979) das Buch über das Innere von Atomen. Eine weitere bekannte Persönlichkeit im Umfeld von Marie Neurath war die Malerin Johanna Kampmann (1888–1940), mit welcher sie lange Zeit zusammenarbeitete. Auch mit der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000) standen die Neuraths in engem Kontakt. Die Soziologin Marie Jahoda (1907–2001) wirkte ebenfalls eine Zeit lang im Institut mit. Später widmete sich Marie Neurath vor allem dem Nachlass und der Herausgabe sowie der Übersetzung der Werke ihres Mannes. Ihre Erinnerungen „An was ich mich erinnere. Erzählt und aufgeschrieben für Henk Mulder” geben einen Einblick in die Arbeit an ihren Werken, in die Zusammenarbeit mit Otto Neurath und in ihre Zeit der Emigration. Marie Neurath starb am 10.10.1986 in London. Die Arbeiterkammer Wien schrieb 2026 erstmals den Marie Neurath Preis für Datenvisualisierung aus.
Das 32 Seiten umfassende bei Max Parrish 1948 in London erschiene Buch "Railways under London", war an 9–12jährige Kinder adressiert und hat das aus dem Jahr 1863 stammende, komplexe Londoner U-Bahnsystem zum Inhalt. Dieses dürfte unter anderem auch deshalb für viele Kinder interessant gewesen sein, weil die Schächte und Stationen während des Zweiten Weltkrieges als Zufluchtsort genutzt worden waren. Dieser Aspekt wird jedoch im Buch selbst nicht erwähnt, vielmehr steht die beeindruckende Technik im Vordergrund. Auf der Innenseite des Umschlags erklärt Marie Neurath die Vorteile des Isotype-Ansatzes, indem sie anhand von komplexen Fragen – beispielsweise wie der Fahrkartenautomat das richtige Wechselgeld herausgibt oder wie sich die Zugtüren öffnen – zeigt, dass Zeichnungen dies viel besser erklären können als Fotos oder Text. Die Bilder zeigen Perspektiven, die in der Realität nicht möglich wären, etwa wie viele Züge in welchen Abständen in der ganzen Stadt unterirdisch unterwegs sind oder wie Rolltreppen und Fahrkartenautomaten (vereinfacht dargestellt) von innen aussehen. Obwohl die Illustrationen unterschiedlich gut verständlich sind und die Farbgebung nicht konsequent eingehalten wurde, wie Jörg Meibauer in seinem Beitrag „Truth and Transformation in Isotype Picturebooks: Analyzing Railways under London (1948) by Marie Neurath“ schreibt, hat es kaum an Aktualität verloren und lässt auch die Hoffnung, die man nach dem Krieg in der Technik sah, erkennen.
Es ist nicht belegt, wie die Kinderbücher in den Besitz Paul M. Neuraths gelangten. In ihren Briefen schreiben Marie und Paul Neurath jedoch von gegenseitigen Besuchen in London und Wien und von Buchpaketen und -geschenken. Der Nachlass von Paul M. Neurath enthält zudem elf Filmstreifen, unter anderem mit Abbildungen aus den Kinderbüchern. Eine postalische Sendung von "filmstrips" erwähnt auch Marie Neurath in einem ihrer Briefe. Dies lässt vermuten, dass Paul die ISOTYPE-Bücher von Marie Neurath erhalten hat.
Splitterbestände im Paul F. Lazarsfeld Archiv, wie dieser von Marie Neurath oder jener von Rosa Schapire (1874–1954) – dazu mehr im Objekt des Monats vom September 2025 Porträtzeichnung „Rosa Schapire“ – werden derzeit verstärkt sichtbar gemacht, um dadurch den Frauen* im und rund um das Archiv und ihrer Arbeit Raum und Aufmerksamkeit zu geben.
Sehen und Verstehen - Marie Neurath und die Demokratisierung von Wissen in ISOTYPE Kinderbüchern
Buchpräsentation und Diskussion des Sammelbandes:
Susanne Blumesberger, Bettina Kümmerling-Meibauer, Jörg Meibauer (Hg.): Marie Neurath and Isotype Picturebooks: Transforming Knowledge for Children. Berlin: De Gruyter, 2025.
Buch als Printexemplar der UB Wien | als Open Access Publikation
Datum: Donnerstag, 19. März 2026
Uhrzeit: 19:00 Uhr
Ort: FB Soziologie und Politikwissenschaft, Rooseveltplatz 2, 1090 Wien
Wissen für alle. ISOTYPE - die Bildsprache aus Wien
Seit 06. November 2025 zeigt das WienMuseum eine Ausstellung zu Isotype. Gezeigt werden auch einige der Kinderbücher von Marie Neurath, die als Leihgaben aus dem Paul F. Lazarsfeld Archiv zur Verfügung gestellt wurden.
Die Ausstellung kann noch bis zum 5. April 2026 besichtigt werden.
Ausstellungswebsite: Wissen für alle. ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien
BLUMESBERGER, Susanne: Handbuch der österreichischen Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Bd. 2, Wien: Böhlau 2014. Online verfügbar
BLUMESBERGER, Susanne / KÜMMERLING-MEIBAUER, Bettina / MEIBAUER, Jörg (Hg.): Marie Neurath and Isotype Picturebooks. Transforming Knowledge for Children. Berlin: De Gruyter 2025. Online verfügbar
BREUER, Gerda / MEER, Julia (Hrsg.): Women in Graphic Design. Berlin: Jovis 2012. Exemplar im Bestand der UB Wien
BURKE, Christopher / KINDEL, Eric / WALKER, Sue (Hrsg.): Isotype: Design and Contexts, 1925–1971. London: Hyphen Press 2013. Exemplar im Bestand der UB Wien
BURKE, Christopher / SANDNER, Günther: Marie Reidemeister und Otto Neurath: eine Lebens- und Arbeitspartnerschaft. In: Gestalterinnen. Frauen, Design und Gesellschaft im Wien der Zwischenkriegszeit. Hg. von Elana Shapira, Anne-Katrin Rossberg, Berlin: De Gruyter 2023, S. 213–223. Online verfügbar
KINROSS, Robin: Marie Neurath, 1898-1986. In: Die Transformierer. Entstehung und Prinzipien von Isotype. Marie Neurath und Robin Kinross, Zürich: Niggli 2017, S. 155–160. Exemplare im Bestand der UB Wien
KÖRBER, Silke: Counter-Narratives. Frauen im Wiener Kreis und in der frühen Analytischen Philosophie. In: Wien und die Wissenschaftliche Weltauffassung. Orte des Wiener Kreises. Hg. von Wienbibliothek im Rathaus, Wiener Hefte 3, Wien: Wienbibliothek im Rathaus 2025, S. 30–53. Exemplare im Bestand der UB-Wien
MCQUISTON, Liz: Women in Design – A Contemporary View. London: Trefoil 1988.
MEIBAUER, Jörg: Truth and Transformation in Isotype Picturebooks: Analyzing Railways under London (1948) by Marie Neurath. In: Marie Neurath and Isotype Picturebooks. Transforming Knowledge for Children. Hg. Von Susanne Blumesberger, Bettina Kümmerling-Meibauer, Jörg Meibauer, Berlin: De Gruyter 2025. Online verfügbar
NEURATH, Marie: Lehrling und Geselle von Otto Neurath in Wiener Methode und Isotype. In: Die Transformierer. Entstehung und Prinzipien von Isotype. Marie Neurath und Robin Kinross, Zürich: Niggli 2017, S. 15–100. Exemplare im Bestand der UB Wien
RURIK, Thomas: ISOTYPE – Zur Geschichte der Aufklärung mit Bildstatistik. In: Form + Zweck Nr. 4 und 5, 1992.
SEEBER, Ursula (Hrsg.): Kleine Verbündete. Vertriebene österreichische Kinder- und Jugendliteratur. Wien: Picus 1998. Exemplare im Bestand der UB Wien
TWYMAN, Michael: Graphic Communication Through Isotype. Reading: University of Reading 1975.
WALKER, Sue: Bunte Bilder, große Themen. Marie Neuraths Isotype-Kinderbücher. In: Wien Museum Magazin, 09.01.2026. Online verfügbar
Paul F. Lazarsfeld Archiv, Fachbibliothek Soziologie und Politikwissenschaft, Universitätsbibliothek Wien; Briefwechsel Marie Neurath und Paul Neurath (Briefwechsel Paul an Marie 1972 bis 1986, Briefwechsel Marie an Paul 1957 bis 18.6.86).
Österreichische Nationalbibliothek, Nachlass von Otto Neurath; Neurath, Marie: An was ich mich erinnere. Erzählt und aufgeschrieben für Henk Mulder. Typoskript 1980/82. Cod. Ser. n. 31883–31886 HAN MAG.
Text: Mag.a Dr.in Susanne Blumesberger, MSc und Mag.a Katharina Vigl | Digitalisate: Universitätsbibliothek Wien