Shisha no Kodomotachi (Originaltitel: "Die Kinder der Toten"), 2010
Roman von Elfriede Jelinek (*1946)
Aus dem Deutschen übersetzt von Keiko Nakagome, Kazuko Okamoto und Tsuneo Sunaga
Gebunden, 744 Seiten
Aus dem Elfriede Jelinek-Forschungszentrum
Elfriede Jelinek, die heuer ihren 80. Geburtstag feiert, nimmt als eine der profiliertesten Autorinnen der Gegenwart eine zentrale Stellung im internationalen Literaturbetrieb ein. Ihre Biografie ist durch ein stark interdisziplinäres Kunstverständnis geprägt, was sich schon in ihren Studien zeigt: Neben einer fundierten musikalischen Ausbildung am Konservatorium der Stadt Wien – die sie 1971 mit dem Diplom im Fach Orgel abschloss – widmete sie sich an der Universität Wien dem Studium der Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Diese Symbiose aus musikalischer Struktur und kunsttheoretischer Reflexion bildet bis heute das ästhetische Grundverständnis ihres literarischen Schaffens und damit das Fundament für ihr seit 1966 kontinuierlich wachsendes Gesamtwerk, das durch eine außergewöhnliche gattungshafte Diversität besticht. Jelineks Schaffen erstreckt sich über Lyrik, Romane und Theatertexte bis hin zu Hörspielen, Drehbüchern, Libretti, Essays und profunden Übersetzungen, wobei sie in allen Disziplinen eine radikale Sprachkritik und die Dekonstruktion gesellschaftlicher Machtverhältnisse verfolgt. Ihr in Wien verankertes Wirken wurde mit einer Vielzahl renommierter Preise gewürdigt, worunter die Verleihung des Nobelpreises für Literatur im Jahr 2004 die höchste internationale Anerkennung darstellt. Das Werk der Autorin bleibt durch seine kompromisslose Ästhetik und die stete Auseinandersetzung mit politischen sowie patriarchalen Strukturen eine bedeutende Stimme innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses.
Bei Elfriede Jelineks „opus magnum“ "Die Kinder der Toten" (1995), in dem die Untoten als Metapher für die österreichische Geschichte fungieren, handelt es sich um einen der komplexesten und vielschichtigsten Texte der Autorin. Der Roman gilt als ein Hauptwerk der zeitgenössischen Literatur, in dem Jelinek das Genre des Schauerromans nutzt, um die österreichische Verdrängungskultur im Hinblick auf die nationalsozialistische Vergangenheit in einem fortwährenden Prozess der Geisterbeschwörung zu demaskieren. Das Werk verwebt eine komplexe, polyphone Sprachstruktur mit der makabren Handlung um Untote in der steirischen Provinz, wodurch die Landschaft nicht als Idyll, sondern als ein von den Opfern der Geschichte durchsetztes Leichenfeld gezeichnet wird. Die Rezeption des Romans war zunächst von einer tiefen Spaltung geprägt, da das Werk aufgrund seiner ästhetischen Radikalität und der kompromisslosen Abrechnung mit der Heimat sowohl als Provokation empfunden als auch für seine sprachliche Brillanz bewundert wurde. In der Literaturwissenschaft wird der Text heute als einer der bedeutendsten Beiträge zur antifaschistischen Gedächtnisliteratur gewürdigt, der durch seine dekonstruktive Kraft die Grenzen des traditionellen Erzählens sprengt. Spätestens mit der Verleihung des Nobelpreises im Jahr 2004 festigte sich der Status des Romans als ein kanonisches Werk, das die unheimliche Kontinuität von Gewalt und deren sprachliche Manifestation mit einzigartiger Intensität beleuchtet.
Wurden Romane wie "Die Liebhaberinnen" (1975) bzw. "Die Klavierspielerin" (1983) über 30 bzw. über 40-mal übersetzt, liegen von "Die Kinder der Toten" lediglich sieben vollständige Übersetzungen vor. So ist Japan das einzige asiatische Land, in dem dieses Werk als Übersetzung publiziert wurde. Wie auch die anderen übersetzten Romane Jelineks erschien auch dieser Text im Choeisha Verlag. Übersetzt wurde der Roman von Keiko Nakagome in Teamarbeit mit Kazuko Okamoto und Tzuneo Sunaga. Während Nakagome bereits mehrere Werke von Jelinek (z.B. "Die Klavierspielerin", "Lust", die "Prinzessinnendramen" und "Das Lebewohl") ins Japanische übersetzt hat, hatten Okamoto und Sunaga bislang andere Forschungs- und Übersetzungsschwerpunkte (u.a. Walter Benjamin, Adalbert Stifter, George Tabori). Die Übersetzungsarbeit begann im Jahr 2006 und dauerte vier Jahre. Die Arbeitsteilung erfolgte durch eine willkürliche Aufteilung der einzelnen Kapitel unter den drei ÜbersetzerInnen. Als Vorwort verfasste Jelinek den Essay "Hakkutunin de aru Watakushi" ("Ich als Toten-Ausgräberin"), in dem sie ihre Motivation, den Roman zu schreiben, erläutert und sich mit der Verdrängung der nationalsozialistischen Verbrechen und dem Opfermythos in Österreich auseinandersetzt.
Neben diesem übersetzten Roman finden sich im Archiv des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums noch über 250 weitere Übersetzungen ihrer Romane und Theatertexte in ca. 50 Sprachen. Durch den stetigen Austausch mit Österreich-Bibliotheken, Österreichischen Kulturforen und die Hilfe der Autorin kann die Dokumentation und Sammlung der weltweiten Übersetzungen laufend am aktuellen Stand gehalten werden.
WELT.AUTORIN.JELINEK
Anlässlich des 80. Geburtstags von Elfriede Jelinek am 20. Oktober 2026 findet von März bis Dezember 2026 eine internationale Veranstaltungsreihe statt, die vom Interuniversitären Forschungsnetzwerk Elfriede Jelinek der Universität Wien und der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien und dem Elfriede Jelinek-Forschungszentrum in Kooperation mit der Sektion für Internationale Kulturangelegenheiten des Bundesministeriums für europäische und internationale Angelegenheiten organisiert und durchgeführt wird.
Programmfolder (pdf)
Dokumentation der Auftaktveranstaltung am Dies Academicus 2026
WISSENSCHAFT – KUNST – DEMOKRATIE. Universitäten in der Verantwortung
Am 21. und am 23. April findet in Wien ein interuniversitäres Symposium statt, das vom Interuniversitären Forschungsnetzwerk Elfriede Jelinek der Universität Wien und der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien und dem Elfriede Jelinek-Forschungszentrum veranstaltet wird.
Flyer der Veranstaltung (pdf)
Link zur Website der Veranstaltung
Text und Fotos: Mag. Dr. Christian Schenkermayr