Abguss eines Elefantenvogel-Eies, 3. Viertel des 19. Jhdts.
Hohler Gipsabguss auf Holzgestell (errechnete Wandstärke ca. 2 cm)
Maße: 32,1 cm x 22,6 cm
Umfang: 71 cm kreisrunder Umfang (= 22,6 cm Durchmesser); 86,1 cm elliptischer Umfang
Gewicht (Abguss): 4,492 kg
Aus der Paläontologischen Sammlung.
Der Gipsabguss dieses großen Eies, das derzeit in einer Vitrine des Instituts für Paläontologie im Geozentrum (UZA 2) ausgestellt ist, stammt von einem Vogel, der erst um das 10. Jahrhundert von der Erdoberfläche verschwand: dem Elefantenvogel Aepyornis maximus oder – wie ihn die lokale Bevölkerung nannte – „Vouron-Patra“. Die Familie der Elefantenvögel (Aepyornithidae) war ausschließlich in Madagaskar beheimatet. Es waren flugunfähige Laufvögel, die bis zu 3 Meter Höhe erreichten. Ihre Vorderextremitäten sind stark reduziert, jedoch sind sie im Gegensatz zu den Moas Neuseelands, bei denen sie im Laufe der Evolution komplett verloren gingen, noch vorhanden. Die ältesten bekannten Funde datieren in das ausgehende Pleistozän. Ihr Aussterben begann mit der Ankunft des Menschen auf Madagaskar vor ca. 2.000 Jahren. Lebensraumverlust und das gezielte Sammeln der nahrhaften Eier führten vermutlich zum Untergang dieser Giganten vor etwa 1100 Jahren.
Die genaue Zeit des Aussterbens ist umstritten. DNA-Analysen ergaben eine verblüffende Verwandtschaft - die nächsten lebenden Verwandten sind nicht die afrikanischen Strauße, sondern die winzigen neuseeländischen Kiwis (Mitchell et al., 2014, Grealy et al., 2023). Als sogenannte "Megafauna" spielten die Elefantenvögel im Ökosystem Madagaskars eine zentrale Rolle (Hansford & Turvey, 2018). Die reichen Fundstätten in den pleistozänen und holozänen Dünen befinden sich in der semiariden Küstenregion im Süden und Südwesten der Insel. Viele Funde in der Vergangenheit wurden jedoch gemacht, ohne dabei den Fundort genau zu dokumentieren. Durch die Sandbedeckung können Eier vollständig erhalten bleiben. An der Oberfläche finden sich oft riesige Mengen an Bruchstücken. Eierschalen-Fragmente bilden oft regelrechte Teppiche, die auf ehemalige, durch Erosion freigelegte Nistplätze hindeuten.
Die Eier der Elefantenvögel konnten bis zu 35 Zentimeter lang sein und ein Volumen von etwa 9 Litern haben und ein Gewicht von bis zu 12 Kilogramm erreichen. Entgegen der Vorstellung, dass Dinosaurier möglicherweise die volumenmäßig größten Eier gelegt hätten, sind diese meist wesentlich kleiner. Mit den Maßen 321 mm x 226 mm hat das Original des vorliegenden Eies – bei einer angenommenen Schalendicke von 3,5 mm – ein Innenvolumen von etwa 7,9 Litern, was dem Inhalt von 158 (Medium-)Hühnereiern entspricht und ist mit einem daraus abgeleiteten Gesamtgewicht von 9,6 kg (Schale: 2,4 g/cm3, Inhalt: 1 g/cm3) massiger als die größten bekannten Dinosaurier-Eier. Nur längenmäßig werden Aepyornis-Eier von Dinosaurier-Eiern übertroffen: Macroelongatoolithus legte Eier mit einer Länge von bis zu 60 cm, allerdings waren diese dünn und länglich (H. Pu et al. 2017).
Die Größe des Eies markiert das Maximum des biologisch Machbaren. Wäre das Ei noch größer, müsste die Schale so dick sein, um das Eigengewicht tragen zu können, dass ein Gasaustausch über die Poren für den Embryo zu schwierig wird (Ar et al., 1974). Zudem könnte das Küken nicht mehr schlüpfen, da die Hebelwirkung für den Eizahn nicht mehr ausreichen würde (Rol’nik 1970). Die enorme Widerstandsfähigkeit der Schalen erklärt, warum sie teilweise in perfektem Zustand überdauerten und sogar weite Strecken über das Meer zurücklegen konnten, wie der Fund in Westaustralien aus dem Jahr 1992 belegt (Long et al., 1998).
Der Fund der riesigen Eier befeuerte die Theorie, dass der legendäre Vogel „Roc“ (auch „Ruc“) aus den Erzählungen von Marco Polo und „Tausendundeine Nacht“ real sei. Der Roc wurde als riesiger Greifvogel beschrieben, der Elefanten davontragen konnte. Die Entdeckung der realen Aepyornis-Knochen und -Eier gab diesen Legenden einen wahren Kern. Isidore Geoffroy-Saint-Hilaire (1851) stellte jedoch klar, dass der Aepyornis – trotz der Legenden – keine Greifklauen besaß. Die Annahme, dass Elefantenvögel bis ins 17. Jahrhundert überlebt haben könnten, stützt sich auf historische Berichte, insbesondere auf die des französischen Gouverneurs von Madagaskar Étienne de Flacourt. Bereits 1658 beschrieb er einen Riesenvogel, den die Madagassen „Vouron-Patra“ nannten, und der große Eier legte. Er sollte in den entlegensten, menschenleeren Gegenden der Region Ampatres (Süd-Madagaskar) leben. Er wurde als eine Art Strauß beschrieben, der seine Eier im Wüstensand versteckt und für Menschen fast unmöglich zu fangen sei. Es ist möglich, dass er von lokalen Legenden oder mündlichen Überlieferungen beeinflusst wurde.
Ein französischer Kaufmann namens Dumarele berichtete 1848 von einer Begegnung in Port-Leven an der Nordwestküste Madagaskars. Er sah ein Ei von unglaublichen Ausmaßen, das etwa „13 Weinquart“ (ca. 9 Liter) fassen könnte. Die dort ansässige Volksgruppe der Sakalaven verehrte das Ei als Besitz ihres Königs. Sie behaupteten, der Vogel existiere noch immer, sei aber „extrem selten“. In der mündlichen Tradition wurde der Vogel weitaus furchteinflößender dargestellt, als er vermutlich war. Alte Überlieferungen sprachen von einem Vogel kolossaler Größe, der stark genug war, ein Rind zu schlagen, um es zu fressen. Daher schrieb man die gelegentlich gefundenen gigantischen Eier genau diesem sagenumwobenen Wesen zu (Saint-Hilaire, 1851). In der lokalen Kultur lebte der Aepyornis als „Geistervogel“ und in europäischen Seefahrergeschichten als der reale Kern eines Mythos weiter.
Der hölzerne Präsentationsständer, der für das Objekt angefertigt wurde, besteht aus Weichholz (Fichte oder Tanne). Zur Stabilisierung wurden an der Unterseite der Bodenplatte Gratleisten in Schwalbenschwanz-Verbindung angebracht. Aufgrund der ungeeigneten Materialwahl (Kernbrett) weist die Bodenplatte einen Trockenriss auf. An der Unterseite ist an einer Stelle in einem weißen Kitt, der zum Ausgleichen bzw. Ausfüllen von Unebenheiten diente, ein Fingerabdruck, offenbar eines Handwerkers, erhalten geblieben. Oberflächlich wurde der Ständer mit einer braunen Lasur bemalt.
Die einzelnen Elemente des Ständers halten durch genagelte Verbindungen zusammen. Obwohl bei dieser Konstruktion eine Schraubverbindung eine wesentliche Verbesserung dargestellt hätte, vor allem bei den Verbindungen der relativ filigranen Halterung mit der Grundplatte und der Querstrebe, kamen diese nicht zum Einsatz. Dies ist ein weiterer Hinweis, dass diese Konstruktion unmittelbar aus der Zeit des Ei-Fundes stammen könnte, da sich Schrauben im europäischen Holzbau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasch durchsetzten.
Leider konnte bislang kein Vermerk in den Erwerbsaufzeichnungen, weder des Instituts für Paläontologie, noch des Instituts für Geologie, gefunden werden. Ein erster Verdacht, da naheliegend, fiel auf das sogenannte „Steindachner Ei“, ein Aepyornis-Original-Ei, das sich im Naturhistorischen Museum Wien befindet. Es wurde 1909 erworben und von Franz Steindachner, dem Zoologen und Intendanten des Naturhistorischen Museums in Wien, beschrieben. Der bei F. Steindachner 1910 angegebene ovale Umfang von 84,5 cm bzw. kreisrunde Umfang von 71,7 cm und die bei K. Schläpfer 2015 angegebenen Maße von 307 mm Länge und 228 mm Breite passen jedoch nicht zu dem Ei in der Sammlung der Universität Wien.
Eine Publikation von K. Schläpfer aus dem Jahr 2015 listet den Großteil der gefundenen Eier (78) auf. Der Großteil der Eier, insgesamt 60 Stück, befindet sich in fünf Ländern (USA, Frankreich, UK, Deutschland und Schweiz). Einige Eier befinden sich in Privatbesitz, andere sind verschollen oder wurden, vor allem im Zuge des 2. Weltkrieges, zerstört. Ein durchschnittliches Aepyornis-Ei hat nach K. Schläpfer 2015 folgende Maße: Länge: 30,6 cm, Breite: 22,5 cm, Volumen: 8,12 Liter, Gewicht: 9,34 kg, Gewicht der Schale: 1,64 kg. Da in dieser Publikation auch die Maßangaben der bekannten Eier angegeben wurden, lässt sich die Suche nach dem Original eingrenzen und so fällt der Verdacht auf ein bestimmtes Ei. Mit 32 Zentimetern Länge und 23 Zentimetern Breite entspricht unser Abguss dem in Paris befindlichen Original-Ei – unter der Berücksichtigung der Tatsache, dass es sich hier vermutlich um gerundete Werte handelt (kleine Größenabweichungen zum Gipsmodell können entweder aus der gerundeten Angabe beim Original oder aus der Materialausdehnung bzw. -kontraktion beim Trocknen des Gipses resultieren).
Der Abguss gibt Unebenheiten wie die runzelige Oberfläche des Eies sehr gut wieder. Entlang des großen Durchmessers ist eine herstellungsbedingte, geglättete Naht zu erkennen. Finalisierend wurde die Oberfläche gelblich-braun bemalt, um dem Original optisch nahe zu kommen. In schwarzer Tusche wurde es zentral mit der Aufschrift „I.“ versehen und ist wahrscheinlich als die römische Zahl „I“ zu interpretieren. Dies bezeichnet nicht die Inventarnummer der genannten Institute, vermutlich auch nicht eine Nummer aus erworbenen Sammlungen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass diese Eier mit Nummerierungen versehen wurden, wobei dies in der Publikation von Saint-Hilaire (1851) nicht explizit erwähnt wird. In seiner wissenschaftlichen Erstbeschreibung des Aepyornis maximus schreibt er über drei Eier, die durch Kapitän Abadie 1850 aus Madagaskar nach Paris an das Muséum national d'Histoire naturelle gelangten. Zwei der Eier kamen unbeschadet an, das dritte zerbrach. Die Scherben konnten später wieder zusammengesetzt werden. Diese waren die ersten vollständigen Elefantenvogel-Eier, die jemals wissenschaftlich beschrieben wurden. Aufgrund seiner Form unterscheidet sich das gegenständliche Ei von den meisten anderen aufgefundenen, was die Zuordnung zu dem besonders länglichen Ei, das Kapitän Abadie aus Madagaskar nach Paris brachte, plausibler macht. Rowley 1867, sowie Cauderay 1931 führen die beiden von Saint-Hilaire beschriebenen Eier in ihren Publikationen an. Dort werden sie mit den Nummern „1“ und „2“ bezeichnet. Allerdings wird das „ellipsoide Ei“ Saint-Hilaire’s als Ei „no2“ geführt. Vermutlich besteht aber bei dieser Nummerierung kein Zusammenhang mit der römischen Nummerierung auf dem Abguss.
Ar, A., Paganelli, C. V., Reeves, R. B., Greene, D. G. & Rahn, H. (1974): The Avian Egg: Water Vapor Conductance, Shell Thickness, and Functional Pore Area. - Condor, Vol. 76, Iss. 2, Article 5,
https://digitalcommons.usf.edu/condor/vol76/iss2/5
Buffetaut, E. (2019): Early illustrations of Aepyornis eggs (1851-1887): from popular science to Marco Polo's roc bird. - Anthropozoologica, 54, 1, 111-121,
http://doi.org/10.5252/anthropozoologica2019v54a12
Cauderay, H. (1931): Étude sur l’Aepyornis. - L'Oiseau et la Revue française d’ornithologie, Vol. 1, p. 624-644, Société ornithologique de France, Paris.
Grealy, A., Miller, G. H., Phillips, M. J. et al. (2023): Molecular exploration of fossil eggshell uncovers hidden lineage of giant extinct bird. - Nature Communications, 14, 914. https://doi.org/10.1038/s41467-023-36405-3
Hansford, J. P., & Turvey, S. T. (2018). Unexpected diversity within the extinct elephant birds (Aves: Aepyornithidae) and a new identity for the world's largest bird. Royal Society Open Science, 5(9).
Long, J. A., Vickers-Rich, P., Hirsch, K., Bray, E. & Tuniz, C. (1998): The Cervantes egg: an early Malagasy tourist to Australia. - Records of the Western Australian Museum, Vol. 19, p. 39-46.
Mitchell, K., J., et al. (2014): Ancient DNA reveals elephant birds and kiwi are sister taxa and clarifies ratite bird evolution. - Science 344, 898–900. http://doi:10.1126/science.1251981
Pu, H., Zelenitsky, D. K., Lü, J. et al. (2017): Perinate and eggs of a giant caenagnathid dinosaur from the Late Cretaceous of central China. - Nature Communications, Vol. 8, 1, p. 14952,
https://doi.org/10.1038/ncomms14952
Rol'nik, V. V., (1970): Bird embryology. - Transl. From Russian original (1968) by Israel Program for Scientific Translations, Keter Press, Jerusalem, 379 p.
Rowley, G. D. (1867): On the Egg of Aepyornis, the Colossal Bird of Madagascar. - Proceedings of the Zoological Society of London, p. 892-895.
Saint-Hilaire, I. G. (1851): Note sur des ossements et des œufs trouvés à Madagascar, dans des alluvions modernes, et provenant d'un oiseau gigantesque. Comptes Rendus de l'Académie des Sciences de Paris, Vol. 32, p.101-107.
Schläpfer, K. (2015): Aepyornis eggs: History, characteristic and market. -
https://www.academia.edu/14656267/Aepyornis eggs, 1.4.2026.
Steindachner, F. (1910): Jahresbericht für 1909. - Annalen des k. k. Naturhistorischen Hofmuseums, Bd. XXIV, S. 1-70, Wien.
GBIF: Aepyornithidae Bonaparte, 1853. Online abrufbar
Text und Fotos: Mag. Martin Maslo & Mag. Peter Nagl | Rekonstruktion eines Lebensbildes eines Elefantenvogels in seiner natürlichen Umgebung in den Sanddünen Madagaskars: Mag. Martin Maslo (generiert mithilfe von Gemini 3 Flash, April 2026).