[Richardus Hela]: Anathomia Ossium totius humani Corporis, Liptzk [Leipzig]: W[olfgang] S[töckel], 1501
Xylographie auf Papier, handkoloriert
Maße: 35,5 x 25,0 cm
Signatur: UBW I-103550
Aus der Sammlung Historische Bestände der Universitätsbibliothek Wien
Im vergangenen Jahr wurde der Bereich Alte und Wertvolle Bestände an der Hauptbibliothek der Universitätsbibliothek Wien neu organisiert, personell verstärkt und in "Historische Bestände der Universitätsbibliothek Wien" umbenannt. Die dadurch neu gewonnenen Ressourcen führten u.a. zur Entdeckung eines sehr seltenen, handkolorierten Einblattdrucks mit dem Titel Anathomia Ossium totius humani Corporis (zu deutsch etwa: Anatomie der Knochen des gesamten menschlichen Körpers). Das Blatt wurde 1501 in Leipzig von Wolfgang Stöckel (um 1473–um 1541) gedruckt und geht auf den Pariser Mediziner Richard Helain bzw. Ricardus Hela (14??–1516) zurück. Erhalten blieb es, weil es auf dem vorderen Vorsatz des thematisch passenden Hauptwerks von Magnus Hundt (1449–1519) Antropologium de hominis dignitate, natura et proprietatibus, das ebenfalls 1501 bei Stöckel in Leipzig erschien, eingeklebt ist.
Der kolorierte Holzdruck zeigt ein frontal dargestelltes menschliches Skelett mit den jeweiligen lateinischen Bezeichnungen der Knochen. Oben links im Textblock befindet sich die Druckermarke Stöckels, oben rechts in einer Schriftrolle stehen Richard Helains Name, der Druckort und das -jahr. Eine große Ähnlichkeit gibt es mit einer Skelettdarstellung in einem illuminierten medizinischen Manuskript (MS. Français 19994), das Mitte des 15. Jahrhunderts für einen französischen Barbier gezeichnet worden war und heute in der Bibliothèque nationale de France in Paris aufbewahrt wird.
Die Anathomia ossium totius humani corporis von Ricardus Hela wurde erstmals 1493 in Nürnberg gedruckt und ist das früheste bekannte Beispiel anatomischer Flugblätter. Beim Erstdruck wurde das Namens- und Datierungsfeld in einem Rechteck gesetzt, während beim vorliegenden Flugblatt von 1501 dieses durch eine Schriftrolle ersetzt wurde; zudem zeigt unser Blatt das Skelett mit nur vier Zehen an jedem Fuß statt mit fünf Zehen pro Fuß auf dem Blatt von 1493.
Das Wasserzeichen auf dem vorliegenden Blatt zeigt einen Stierkopf, der von einem hohen Kreuz überragt wird, um dessen Schaft sich eine Schlange windet (18,4 × 5,8 cm, zentriert auf einer Kettlinie). Es ist verwandt mit dem Wasserzeichen Briquet 15374, welches in Italien hergestellt und seit den späten 1480er Jahren in Österreich und Süddeutschland verwendet wurde. Der Einteilung von Crummer (1923, 203) zufolge liegt an der Universitätsbibliothek Wien Variante b des anatomischen Flugblattes vor.
Außergewöhnlich ist auch der Einband des Bandes, in den das vorliegende Blatt eingeklebt ist: ein heller Halblederband über dunklen Holzdeckeln mit einem an das Leder anschließenden Metallband; die zeitgenössische Metallschließe ist erhalten. Auf dem vorderen Deckel steht der handschriftliche Vermerk: „Ao [Kreuz mit Sense] 1502 Liber de Anathomia …“. Auf dem vorderen Vorsatz finden sich ältere Signaturen; das Titelblatt trägt die handschriftlichen Besitzvermerke „Ex libris Joan. Pauli Raid A.D. 1650.“ sowie „Coll. Crembsensis S.J. 1722“ (= Jesuitenkolleg Krems). Es ist daher anzunehmen, dass der Band nach dem Verbot des Jesuitenordens 1773 – spätestens jedoch im Zuge der Klosteraufhebungen unter Kaiser Joseph II. (1741–1790) ab den 1780er Jahren – an die UB Wien gelangte und der Einblattdruck bereits im Buch eingeklebt war.
CRUMMER, Leroy: Early anatomical fugitive sheets. In: Annals of Medical History 5/3 (1923). S. 189–209.
HELA, Ricardus: Anathomia ossiũ corporis humani. Nurnberge 1493. Online verfügbar
VOULLIÉME, E[rnst]: Die deutschen Drucker des 15. Jahrhunderts. Berlin 1922. S. 90. Online verfügbar (pdf)
Text und Fotos: Mag.a Dr.in Christina Köstner-Pemsel, MSc