„Echidna hystrix. Unterseite eines weiblichen Schnabeligels mit Brutbeutel.“
Reproduktionsfotografie aus einer Publikation nach einer Bleistiftzeichnung von C. Eggert, 1. Hälfte 20. Jhdt.
Fotographie auf Karton, hs. beschriftet
Maße: 18 (H) × 14 (B) cm
Inventar-Nummer: P-594
Aus der Zoologischen Sammlung
Das Bild P-594 „Echidna hystrix. Unterseite eines weiblichen Schnabeligels mit Brutbeutel“ ist Teil des 625 Objekte umfassenden Lehrbilderbestandes der Zoologischen Sammlung der Universität Wien. Dabei handelt es sich zum großen Teil um Fotografien von Illustrationen, die überwiegend auf festem Karton aufkaschiert sind. Die meisten sind im A5 Format, es finden sich aber auch übergroße und kleinere Objekte sowie nicht montierte Fotografien. Einige der Lehrbilder sind hinter Glas und vereinzelt mit Ösen, Hängern oder Aufstellern versehen. Auf der Rückseite der Lehrbilder finden sich Stempelungen, die anzeigen, ob die Herstellung im I. oder II. Zoologischen Institut erfolgte. Wahrscheinlich wurde der Bestand dann von beiden Instituten gemeinsam genutzt. Eine exakte zeitliche Einordnung, wann in etwa die Herstellung der Tafeln erfolgte, gestaltet sich als schwierig, da die Objekte selbst undatiert sind. Als grober zeitlicher Rahmen der Entstehung kann die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts angenommen werden.
Die Objekte stammen aus dem Lehrbetrieb der beiden ehemaligen Zoologischen Institute der Universität Wien. Sie dienten dem universitären Unterricht und waren wichtige didaktische Materialien zur Wissensvermittlung. So sind sie etwa im Rahmen von Praktika herumgereicht worden und waren wahrscheinlich bis in die 1990er Jahre in Verwendung. Die Lehrbilder sind in der internen Datenbank der Zoologischen Sammlung mit motividenten Ressourcen (Glasdias, Karteikarten) verknüpft, die zum Teil umfangreicher beschrieben und mit mehr Informationen versehen sind als die Lehrtafeln. Jüngst hat ein Abschlussprojekt des Universitätslehrganges „Library an Information Studies“ der Österreichischen Nationalbibliothek diesen Bestand bearbeitet und unter anderem eine umfassende Recherche nach den publizierten Quellen der Motive der Lehrtafeln und Glasdias durchgeführt.
Das gezeigte und ein weiteres Lehrbild (Inv.-Nr. P-592) zeigen Milchdrüsen und Brutbeutel eines Kurzschnabeligels (Kurzschnabel-Ameisenigels). Beide Lehrbilder haben einen rückseitig vermerkten Quellenverweis auf „Brehms Tierleben” (ohne Angabe von Ausgabe oder Band). Dieselbe Referenz wurde bei den Karteikarten gefunden, die den jeweiligen motividenten Glasdias LS-1803 bzw. LS-1804 (siehe unten) beigefügt waren. Bei „Brehms Tierleben“ handelt es sich um ein weltweit auch über wissenschaftliche Kreise hinaus sehr bekanntes mehrbändiges Standardnachschlagewerk der Zoologie, welches ursprünglich von Alfred Brehm (1829–1884) verfasst in der 1. Auflage als „Illustrirtes Thierleben“ von 1863 bis 1869 erschien. In den folgenden einhundert Jahren kam es zur Veröffentlichung mehrerer Auflagen, Editionen für Volk und Schule sowie zahlreichen Nachdrucken der Enzyklopädie. „Brehms Tierleben“ stellt somit einen Dreh- und Angelpunkt für die Verbreitung zoologischer Illustrationen sowie der Popularisierung von Wissen im späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar. Nach einer intensiven Recherche konnten die besagten Illustrationen in der 4. Auflage von 1914 mit dem Zitat „nach Haacke“ gefunden werden.
Zuvor hatte ein Zufallsfund der beiden Illustrationen bei der Durchsicht des Werks „Geschlecht und Geschlechter im Tierreiche“ von Johannes Meisenheimer (1873–1933) ebenfalls den Verweis „nach Haacke“ ergeben. Bei Meisenheimer handelte es sich um offenbar vom selben Motiv angefertigte und vereinfachte Kopien. Dieser Verweis führte zu dem Beitrag „Ueber die Entstehung des Säugetiers“ von Wilhelm Haacke (1855–1912) aus dem Jahr 1889. In einer langen Fußnote hatte dort Haacke selbst eine chronologische Abfolge seiner Publikationen angeführt. Anhand dieser ausführlichen bibliografischen Angaben ließ sich die Publikationsgeschichte der beiden Illustrationen genau nachvollziehen, was überraschenderweise sogar bis zu einem Digitalisat des Originalmanuskripts in den Archiven der Britischen Royal Society führte.
Die Originalillustrationen sind mit „C. Eggert del.“ (lat. "delineavit" = hat gezeichnet) signiert und in anderer Handschrift um den Zusatz „W. Haacke direxit.“ ergänzt. Haacke hatte also die Zeichnerin* oder den Zeichner* C. Eggert angeleitet. Sofort fällt auf, wie detailliert diese Illustrationen im Vergleich zu den Versionen aus Brehm 1912 und Meisenheimer 1921 sind. Die beiden Illustrationen wurden nach ihrem ersten Erscheinen im “Centralblatt” in zahlreichen Publikationen abgebildet, und sind durch die aktuelle Verwendung im Wikipedia Artikel „Monotremes“ auch in Internetressourcen weit verbreitet. Leider blieb die weitere Recherche nach C. Eggert bisher ergebnislos, und so bleibt bis heute “nach Haacke” die gebräuchliche Zitierweise. Wilhelm Haacke war ein deutscher Biologe, der sich auf die Vererbungsforschung spezialisiert hatte. 1878 promovierte er bei dem Zoologen Ernst Haeckel (1834–1919) an der Universität Jena. Nach einer Assistenzstelle in Kiel wanderte er 1881 zuerst nach Neuseeland und 1882 nach Australien aus und wurde schließlich von 1882 bis 1884 zum Direktor des South Australian Museum in Adelaide. In dieser Funktion belegte er 1884, dass Ameisenigel Eier legen.
Haackes Fußnote von 1889 verwies in diesem Zusammenhang auf eine bemerkenswerte Kontroverse: Der Ameisenigel gehört wie das Schnabeltier zur Ordnung der Kloakentiere und ist ovipar, also eierlegend. Dieses Wissen war bezüglich der Schnabeltiere unter indigenen Australier*innen bekannt, jedoch von europäischen Wissenschaftler*innen lange Zeit als Mythos angesehen. So bezeichnet Brehm dies in „Illustrirtes Thierleben“ in Anlehnung an den Naturforscher George Bennett (1804–1893) als „lügenhafte Erzählung“.
Ende des 19. Jahrhunderts suchten einige Forscher nach Beweisen dafür, so auch Haacke. Zeitgleich ging auch der schottische Zoologe William Caldwell (1859–1941) der Frage nach, ob Schnabeltiere Eier legen. Mit Hilfe indigener Australier*innen machte Caldwell sich auf die Suche nach trächtigen Schnabeltierweibchen und wurde fündig. Beide Wissenschaftler machten unabhängig voneinander und am selben Tag ihre Erkenntnisse öffentlich bekannt. Daraufhin entbrannte eine hitzige Kontroverse darum, wer als erster die Oviparie der Kloakentiere bewiesen hatte. Aufgrund der damaligen technologischen Mittel wurde zwar Caldwells Entdeckung früher medial bekannt, tatsächlich war Haacke der Beweis aber vier Tage vor Caldwell gelungen.
Wilhelm Haacke haftet bis heute der Ruf eines eher schwierigen Zeitgenossen an. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entfernten sich seine Thesen immer mehr vom darwinistisch orientierten Mainstream hin zum Neolamarckismus: er prägte den Begriff der Orthogenese, der zielgerichteten Entwicklung in der Evolution, was den Bruch mit langjährigen Weggefährten wie Haeckel im Jahr 1894, einem Vorreiter des Darwinismus in Deutschland, zur Folge hatte. Zeitgleich kam Kritik an der Popularisierung von wissenschaftlichen Themen durch „platte“ Sprache und Trivialisierung auf. Die Distanzierung von einer philosophischen Terminologie zur leichteren Verständlichkeit führte jedoch auch zur Entstehung inhaltlicher und methodologischer Freiräume, welche zu eigenen Theoriebildungen sowie Selbstreferenzialität verleiteten. Dies wird auch Haacke in seinem 1895 erschienenen Werk „Die Schöpfung der Tierwelt“, einem Ergänzungsband zur 3. Auflage von „Brehms Tierleben“, an welcher er ebenfalls mitgearbeitet hatte, vorgeworfen.
Dieses Fallbeispiel illustriert historische Wissenschaftsdiskurse, zu denen auch wissenschaftliche Kontroversen und persönliche Streitigkeiten gehören, sowie die Zirkulation wissenschaftlicher Grafiken und Inhalte. Zudem weist sie auf den Problemkomplex kolonialer Wissenschaft und der Diskreditierung indigenen Wissens hin. Die Geschichte der Illustration des Ameisenigels spannt einen Bogen über mediale Grenzen hinweg bis in die heutige Zeit.
BORCHHARDT, Lara / LINDENHOFER, Petra / SCHUSTER, Claudia & STROHMAIER, Elisabeth: Erschließung des Lehrbilderbestandes der Zoologischen Sammlung [Projektarbeit]. Österreichische Nationalbibliothek. Wien 2025.
BREHM, Alfred Edmund: Illustrirtes Thierleben. Eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Bd. 1-5. Hildburghausen: Bibliogr. Institut. 1863. Online verfügbar
BREHM, Alfred Edmund: Illustrirtes Thierleben: Eine allgemeine Kunde des Thierreichs. 2 Bd., 1. Abth., Die Säugethiere, 2. H., Beutelthiere und Nager. Zahnarme, Hufthiere und Seesäugethiere. Hildburghausen: Bibliogr. Institut. 1865. Online verfügbar
BREHM, Alfred Edmund / Heck, Ludwig / HEMPELMANN, Friedrich / HEYMONS, Richard / MARSHALL, William / STECHE, Otto / WERNER, Franz / ZUR STRASSEN, Otto: Brehms Tierleben. Zehnter Band, Allgemeine Kunde des Tierreichs. Bd 1. Vierte Auflage. Leipzig, Wien: Bibliographisches Institut 1912, S. 52–72. Online verfügbar
DAUM, Andreas: Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert. Bürgerliche Kultur, naturwissenschaftliche Bildung und die deutsche Öffentlichkeit 1848–1914 (2. erg. Auflage). München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2002. Online verfügbar
HAACKE, Johann Wilhelm: On the marsupial ovum, the mammary pouch, and the male milk glands of Echidna hystrix (Manuskript mit 2 Zeichnungen, 6 Seiten) 1884. The Royal Society Archives, London. Online verfügbar
HAACKE, Johann Wilhelm: Ueber die Entstehung des Säugetiers. In: Biologisches Centralblatt (8) 1889, S. 8–16. Online verfügbar
HAACKE, Johann Wilhelm: Die Schöpfung der Tierwelt. Leipzig: Bibliogr. Inst. 1893. Online verfügbar
MEISENHEIMER, Johannes: Geschlecht und Geschlechter im Tierreiche. Band 1: Die natürlichen Beziehungen. Jena: Fischer 1921. Exemplare im Bestand der UB Wien
Monotreme. In: Wikipedia (2025). Online verfügbar
NICOL, Steward C.: Indigenous Knowledge of Monotreme Oviparity in Tasmania and Mainland Australia: What European Science Refused to Hear. In: Australian Zoologist, 42/4 (2023) S. 1029–1036. Online verfügbar
OSBORN, Henry F.: Dr. Haacke’s Discovery of the Eggs of Echidna. In: Science Bd. 5, Nr. 100 (1885), S 3. Online verfügbar
ZORDAN, Luca: Zwischen Mythos und Wissenschaft. Ökologisierung in der Zusammenarbeit von Künstlern und Wissenschaftlern im 19. Jahrhundert: Kretschmers und Brehms Illustrirtes Thierleben. Bielefeld: Transcipt Verlag 2019. Online verfügbar
Text: Lara Borchhardt BA, Mag.a Petra Lindenhofer, Claudia Schuster MA und Elisabeth Strohmaier | Projektbetreuung: Mag. Simon Engelberger & Mag.a Claudia Feigl | Scans: Zoologische Sammlung der Universität Wien